Detlev Buck zu seinem aktuellen Kinofilm Hände weg von Mississippi

Verfasst von am 07.05.2007 um 00:00

COWBOYHÜTE und ROAD MOVIES - DETLEV BUCK DOES CINEMA TALK



Mit „Hände weg von Mississippi“ startet am 1. Juni der neue Film des vielseitigen Regisseurs und Schauspielers Detlev Buck (D). Nach dem Thriller „Knallhart“ geht er nun eine Kinderbuchverfilmung an. Alexandra (A) Zawia (Österreich) und meine Wenigkeit (F) trafen uns mit ihm zum Gespräch:


A: Ich darf Ihnen erst einmal gratulieren zum Deutschen Filmpreis für den besten Kinder- und Jugendfilm.

D: Ja, danke!


A: Ihr erster Jugendfilm und gleich ein Filmpreis?

D: Manchmal klappt es und manchmal nicht.


A: Mit dem Budget für Kinder- und Jugendfilmpreise schaut es ja ganz gut aus, aber warum denken Sie stößt das oft auf der Rezensentenebene nicht sehr auf Liebesecho?

D: Ich habe ein paar Interviews gegeben, in denen ich gesagt habe: Welche Kinder lesen das überhaupt? Es muss dann meiner Meinung nach eine andere Rezension stattfinden. Du kannst es ja nicht in Tageszeitungen schreiben, weil Kinder das ja nicht lesen. Es muss dann woanders stattfinden und deswegen ist es auch viel schwieriger, einen Kinderfilm von der Öffentlichkeit her zu behandeln: Man muss ins Fernsehen kommen – das ist zu teuer und so und viele Rezensenten oder Kritiker haben das nicht auf dem Fokus, weil sie sich da nicht mehr hineinversetzen. Manche haben mich auch gefragt, warum die Welt so idealisiert ist, und ich sage, das ist doch nicht realistisch. Erst einmal ist es eine heile Welt, die Kinder mögen, also das verstehen manche gar nicht, weil sie sich nicht hineinversetzen können.


A: Wenn man bedenkt, dass Ihr letzter Film „Knallhart“ auch wirklich knallhart war – und Sie jetzt diese Idylle kreieren, die Sie aber dann doch mit den Shoppingmalls vermischen. Da fragt man sich schon ..., warum eigentlich?

D: Ich finde es letztendlich wichtig, dass man auch Kinder mit irgendwas konfrontiert, was einem selbst auf den Zeiger geht. Ich war jetzt mit dem Film in 40 Kinos und es waren oft Kinos, die außerhalb der Stadt waren – ohne Discounter. Und dann habe ich gelesen, dass jetzt noch mal doppelt so viele Discounter gebaut werden. Ich ziehe Parallelen, dass in 20 Jahren diese Discounter, die ja eine grausliche Architektur sind… sind ja fürchterlich – und jetzt reißen sie diesen Scheiß wieder ab. Und die Innenstädte lassen sie aber leer, damit wissen sie nicht umzugehen. Warum sollte ich Kinder nicht damit konfrontieren.


F: Ist ja auch deren Zukunft.

D: Ja. Und dass man Kindern schon sagt, ihr könnt mit einer List Leuten gegenüber vorgehen, die ein Arsch sind. Und der Gansmann ist ein Arsch – wenn auch ein trauriger. Gegen den mit einer List vorzugehen um ihn anzuscheißen – na selbstverständlich! Wenn man das nicht macht – und Kinderfilme machen diese kleine Art von Anarchie, ja auch von der Oma – dann können wir uns aber hinlegen und uns aufgeben. Ich finde das legitim.


A: Ich bin auch am Land aufgewachsen und wenn man beispielsweise von der Schule aus auf Exkursion in der Stadt war, hatte man schon den Eindruck, städtische Kinder wären irgendwie tougher, aber gleichzeitig auch viel lethargischer. Sehen Sie das auch irgendwie so, dass Kinder am Land einen anderen Zugang oder eine andere Motivation zur Anarchie haben?

D: Das würde ich jetzt nicht… Also die beiden, Zoe ist vom Land und Alexander ist ein Stadtkind. Und ich würde bei beiden – obwohl Alexander vielleicht noch mehr weiß, was Medien sind, noch geerdeter ist. Auf dem Land heißt es, Medien – na ja, ist nicht so schlimm. Es war beim Casting so, dass die Jungs vom Land meinten: Die Hauptrolle ist es nicht, macht ja auch nichts. Und der in der Stadt dachte schon (verzieht etwas das Gesicht). Dem war das bewusster, weil es einfach eine größere Rolle spielt. Ich würde aber grundsätzlich nicht sagen, dass die antriebsärmer sind. Was Medien sind und was sie bewirken, ist in der Stadt einfach sehr viel bewusster. Auf dem Land ist die „Scheiß egal“ Haltung einfach stärker, während in der Stadt der „Krampf“ früher kommen kann. Mädels in der Stadt fangen ab 11 damit an, sich für die Liebe zu interessieren, während Mädchen auf dem Land selbst mit 13 noch nicht darüber nachdenken.


F: Christoph Maria Herbst und Typecasting. Ich habe ihn zuletzt noch in “Die Aufschneider” gesehen, wo er den fiesen Oberarzt spielt, aus „Stromberg“ kennt man ihn auch als Fiesling. Ist er prädestiniert für solche Rollen?

D: Ich habe den Christoph am Theater gesehen, wir haben uns getroffen und ich habe ihm gesagt, ich würde ihm gerne - weil ich weiß, dass er sehr oft Kindertheater gemacht hat, also über ein Timing verfügt, das nicht viele haben – die Rolle des Tierarztes anbieten. Dann hat er sich das durchgelesen und gemeint, er würde doch lieber den Bösen machen.


F: Er kann das ja auch ziemlich gut.

D: Er hat einfach mehr Spaß daran. Und ich glaube, wenn der irgendwann mal einen Guten spielt - weil wenn du scheinbar so festgelegt bist, wird es einfach schwer, raus zu gehen und zu sagen: Das war doch ambitioniert, aber ich glaube ihm nicht. Er hätte also den Tierarzt vielleicht machen sollen. Außerdem wusste ich gar nicht genau, was er vorher gespielt hat. Aber er macht es gut, und hier spielt auch sehr lustvoll.


F: Und er kommt – obwohl er unsympathisch sein soll – irgendwie sympathisch rüber.

D: Das liegt natürlich sehr viel an Milan Peschel. Dieses Duo, das eigentlich sehr „bedrückt“ ist. Man hat eigentlich gar keine Angst vor denen, weil sie sich ständig selber Beine stellen.


F: Wie bist du auf Milan Peschel gekommen?

D: Ich habe „Netto“ gesehen und dachte, er hat ein Talent, Figuren, die du oft denunzieren kannst, warmherzig darzustellen, dass du nicht drauf kommst, dass ist ja eigentlich ein Depp. Er hat einfach ein kleines Handicap zu bekämpfen und man kriegt ihn nicht richtig hin. Das ist schon eine Leistung von Schauspielern, die viele nicht hinkriegen.


A: Warum war es Ihnen ein Anliegen, selbst als Dorfpolizist aufzutreten?

D: Eine Budgetfrage. Ich habe immer mehr reingehauen, Szenen umgeändert, Dorflehrer und Schweine rein genommen und und und – es war nie kalkuliert und ich wurde schon ganz verrückt. Und ich hab gesagt: Den Dorfpolizisten mach ich selber.


A: War billiger.

F: Ich habe vor kurzem gelesen, dass Schauspieler lieber mit Regisseuren zusammenarbeiten, die selbst auch Erfahrung im schauspielerischen Bereich haben, da sie besser wissen, was sie verlangen können. Wie siehst du das?

D: Ich würde nicht sagen, dass das eine Bedingung ist. Erst muss der Boden bereitet sein und dann kannst du den als Schauspieler auch nehmen. Manche Regisseure, die nicht schauspielern, können das sogar besser. Für meinen Teil kann ich nur sagen, wenn ich spiele und gleichzeitig Regisseur bin, merke ich in der Szene, ob das okay war oder nicht. Du merkst, es geht, oder, dass du nicht konzentriert warst. Das ist organisch. Wenn du ein gutes Team hast, dann läuft das so durch. Bei „Männerpension“ war das sicherlich schwieriger für mich. Da war das fast eine Hauptrolle neben Till… beim Schubkarrenrennen Fahren damals bin ich fast umgekippt, weil Till dann sagte: Nee, ich will doch nicht rennen. Da war ich fast tot… da konnte ich gar nicht mehr.


F: Wie würdest du deinen Stil als Regisseur beschreiben? Bist du eher liberal oder hast du die Szene schon vorher im Kopf und sagst, ich ziehe das durch?

D: Nee, ich tease die an – Kinder oder Erwachsene, das ist egal – sodass die einen Geschmack kriegen, was man machen kann. Dann mache ich das noch mal, damit ich sie bereits mehr fixiere und dann mache ich die aber nicht fertig. Also ich will nicht das Maximum. Ich möchte nur einen Geruch haben von dem, was das sein könnte. Und erst bei der Realisierung ziehe ich das dann fest und da will ich dann das Beste.


F: Wie viel Probezeit gab es bei „Hände weg von Mississippi“?

D: Es war nicht viel, ich weiß es gar nicht. Es war eher die ständige Auseinandersetzung damit: Vorher haben wir gedreht, wie der Storch klein war, dann wie er groß und so…


A: Wie kamen Sie eigentlich auf den Western?

D: Das hat sich ergeben, weil Boss Hoss mitgespielt hat. Die waren gerade auf Tour und meinten, sie kommen vorbei. Jetzt hab ich gerade vor drei Tagen einen Videoclip mit denen gedreht, weil die einfach locker sind. Und ich mag diese Reitkäppchen von Reitern nicht so gerne – ich finde die sehr affig.


A: Cowboyhüte sind besser.

D: Cowboyhüte sind natürlich der Hammer. Es ist aber Pflicht, dass du was trägst und die Käppchen sehen so doof aus…


A: Aber gibt’s westernmäßig Ideale, die Sie gut finden?

D: Eben ist mir das eingefallen. Was eigentlich sehr viel mit dem Film zu tun hat, ist „Monokel“ von Tati, der ja eine alte Welt und eine neue Welt hat, die komplett modernisiert ist und die Hunde immer rüber gehen. Das ist ja auch eine kleine Kritik an Discountern, weil der ja in der Discounterfabrik für Gummischläuche arbeitet. Irgendwas kommt mir da vor, als hätte ich es noch mal hoch geholt und ich habe auch Tatis „Schützenfest“ mit Christoph Maria Herbst angeschaut. Also Jacques Tati hat sehr viel mit dem Film zu tun. Ich habe das irgendwie vergessen. Es gibt ja jetzt auch diese DVD Sammlung von Tati, die ja ziemlich bescheiden ist, weil sie die nachkoloriert haben.


F: Wenn wir schon beim Thema DVD sind: Was können wir uns beim Bonusmaterial von „Hände weg von Mississippi“ erwarten?

D: Was super sein wird, und da haben schon manche gesagt: Endlich verstehe ich, wie Film funktioniert – wir erklären bei „Mississippi“ komplett, wie der Film entsteht, wie viele Bilder da durch laufen, wo das Filmmaterial hinkommt, wie es entwickelt wird, wo es geschnitten wird – dieser Prozess wird, wie bei „Sendung mit der Maus“ erklärt.


F: Also auch aufs Zielpublikum zugeschnitten?

D: Aber auch Erwachsene werden schlauer!


F: Ich habe gesehen, dass letztes Jahr eine „Buck-Box“ herausgekommen ist mit drei frühen Filmen von dir. Hast du dich an der Produktion beteiligt?

D: Nein, wir haben parallel „Mississippi“ gedreht und ich habe dann nur ein Interview gegeben. Und dann kam ja auch „Knallhart“ noch raus, und der Film hatte keine türkischen und englischen Untertitel – da hätte ich fast derjenigen, die für die Produktion zuständig ist, eine geklebt. Es kann doch nicht angehen, was soll der Blödsinn!


F: Aber DVD an sich ist dir schon wichtig.

D: Ja, klar. Ich bin ja in Berlin immer im „Videodrom“ und die Jungs kriegen ja schon während der Film im Kino läuft, Anfragen. Aber die Klientel ist eine andere.


F: Die sind ja eher auf Horror- und Asienzeugs spezialisiert.

D: Neuerscheinungen haben sie eigentlich auch alle.


F: Als ich in Berlin war, war ich natürlich auch da… Videodrom ist schon super!

D: Weil die einfach komplett „narrisch“ sind. Und das gefällt mir halt.


A: Was ist mit dem aktuellen Film, an dem Sie mit Glawogger arbeiten?

D: „Contact High“ machen wir aller Voraussicht nach im Juli, vorher treffen wir uns noch mit dem „Schorschi“ (Anm. Georg Friedrich?), dann bereden wir das mal und dann wird gedreht (lacht).


A: Was wird das?

D: Ich sag mach „Cheech und Chong“ auf heute (allgemeines Lachen). „Contact High“, da wird ordentlich weggeknallt!


F: Da freut man sich dann auch drauf.

D: Ja, Glawogger ist halt „cool“. Also kann man sagen. Er ist lässig – „cool“ finde ich ja schon dämlich. Ein lässiger Typ. Da mag ich die Österreicher eh gerne, weil die doch sehr viel entspannter an die Projekte rangehen als die Deutschen. In Österreich heißt es: Wir machen das jetzt und dann schauen wir mal… - aber auf eine gute Art und Weise. Der Markt in Österreich ist auch nicht unendlich groß, da hast du halt fünf Namen, aber die fünf, die da sind, sind halt sehr illustre Knaben, finde ich.


F: Du hast ja auch in „Hände weg von Mississippi“ ein paar illustre Namen, vor allem bei den älteren Schauspielern. Heidi Kabel – nach 10 Jahren wieder vor der Kamera.

D: Das muss man sich ja erst mal vorstellen – sie hat erst einen Kinofilm gemacht, 1938. Seitdem nur Fernsehen. Das war mir eine Sache, die mir sehr wichtig war, weil ich ein Bild von der Mutter unseres Produktionsleiters gesehen habe, die immer Unkraut gehackt hat und das wollte ich irgendwie reinbringen. Und ich wollte eben zeigen, dass dies nicht im Altersheim stattfindet, sondern in einer Gemeinschaft, in der alle noch genutzt und gebraucht werden. Das wollte ich halt einfach einfangen.


F: Sie war auch für das Projekt begeistert?

D: Eigentlich hatte sie nur eine Szene, aber dann wollte sie halt noch mehr machen. Auch wenn sie am nächsten Tag nicht mehr viel wusste, das ist aber bei Dementen oft so, dass es immer Schübe gibt. Das war bei meiner Oma auch so und das ist bei anderen Erwachsenen auch so.


A: Ich habe auch den Vorwurf, zum Beispiel von ihrer Tochter, nicht wirklich verstanden, dass man alte Leute gewissermaßen vorführt.

D: Die Tochter meinte das gar nicht so, nur man hat ihr Wort so umgedreht. Weißt du, wenn du keine reißerischen Neuigkeiten hast, dann machen sie das einfach dazu und ich habe jetzt keine. Es ist eine schöne Welt, wo wollt ihr da reißerische Neuigkeiten haben? Und dann bauen sie die halt.


A: Aber von „Contact High“ können Sie nicht schon mehr erzählen.

D: Es ist ein Roadmovie, der in Wien startet und dann nach Polen geht und viele Drogen konsumiert werden (Gelächter). Das ist „Cheech und Chong“ hat mir Glawogger gesagt, das ist seine Idee. Ein bisschen durchgeknallt, weißt du.


F: Ich habe noch eine letzte Frage und zwar habe ich gesehen, dass du auf N24 auch Filmkritiken gemacht hast.

D: Das haben die eingestampft.


A: Warum eigentlich?

D: Das wurde von der FFA bezahlt. Es war eigentlich eine gute Idee, aber die haben das nie richtig beworben und dann am Mittwochnachmittag irgendwo hingeschmissen. Das hatte dann zwar bessere Einschaltquoten als normal, aber es war für sie kostenmäßig nicht relevant. Es war eigentlich nicht schlecht…


A: „Cinematalk“ war das

D: … ja, es war okay, weil für mich war Bedingung, dass ich dann raus kam und dann Christian Ulmen reinkommt, also einer, der nicht gleich mundfaul wird, wenn die Kamera läuft und er keinen Text hat und immer ein Kritiker. Ich wollte das immer alternieren, weil es zu anstrengend ist. Man kann nicht pro Woche drei Filme anschauen, dann noch eine Sendung am Freitag machen und so. Ich habe zwei Wochen sechs Filme angeguckt – das war dann schon hart.



A: Ich bedanke mich für das Interview.

F: Ich danke auch!



Quelle: DVD-Forum.at