Dr. Michael Verhoeven anlässlich des Starts von Der unbekannte Soldat

Verfasst von am 21.04.2007 um 00:00

Dr. Michael Verhoeven, 1938 in Berlin geboren, gilt als einer der profiliertesten Filmemacher Deutschlands, der mit seinen politischen beiträgen den Nerv der Gesellschaft trifft und nicht zuletzt damit für Skandale sorgt. Beispiele seien hierfür sein zweiter Film "O.K." (1970) oder auch seine Historienverfilmung um die Mitglieder der Widerstandsbewegung "Die Weiße Rose" (1982). 1989 war er mit "Das schreckliche Mädchen" oscarnominiert. Er ist mit der bekannten Schauspielerin Senta Berger verheiratet.

Mit ihm traf ich mich am 20.4. im Wiener Traditionscafe Sperl, um über Neonazis, Spurensuche und unbekannte Soldaten zu sprechen.



Wir setzen uns an den Tisch und Verhoeven nimmt gerade eine Suppe zu sich und beginnt auch gleich, nachdem er hörte, dass das Interview für DVD-Forum.at sei zu sprechen:



M: DVD ist mir schon wichtig, denn als der Film fertig war, hatte ich schon das Gefühl, dass er einen Erzählbogen hat, aber dass schrecklich viele Sachen fehlen – es gab ja 200 Stunden Material…



F: Ja, es gibt Deleted Scenes auf der DVD.

M: Es sind einfach noch Sachen geschehen vor der Kamera, die vielleicht in dem Film ein retardierendes Moment sind oder wären, darum habe ich sie nicht drin. Aber sie waren mir doch so wichtig, dass sie jetzt die Chance haben, auf DVD gesehen werden können. Es ist ja überhaupt so, dass nicht jeder Film auf DVD kommt und ich bin doch überrascht, da ich sechs Jahre lang alleine „herumgewurstelt“ habe, keine Zusagen von einem Sender bekommen habe, ja noch nicht einmal Interesse, und dann hatte ich plötzlich drei Fernsehsender, das ging dann eigentlich ganz schnell.



F: Meinen Sie jetzt vom Verleih her?

M: Nein, einfach einen Fernsehpartner zu haben um zu wissen, dass wir tatsächlich mal eine größere Zuschauermenge erreichen können. Und ich weiß ja, dass gerade im Dokumentarfilm Bereich die meisten Filme irgendwo auf der Strecke bleiben…

(Kaffee wird serviert)



F: So, jetzt sind Sie nicht mehr der einzige, der dann auf dem Diktiergerät schlürft

M: Ja, genau… passt ja zu Wien. Ist kein „Fauxpas“



F: Ist Ihre Frau (Anm. Senta Berger) mit?

M: Die kommt noch. Weil sie ist eingeladen morgen bei der Romy (Anm. Österreichischer Fernsehpreis, Senta Berger erhält die Platin Romy für ihr Lebenswerk) und vorher konnte sie gar nicht kommen.



F: Sie ist ja fernsehmäßig sehr involviert

M: Ja, sie macht in Deutschland diese Reihe „Unter Verdacht“. Ich weiß gar nicht, ob man die hier kennt, also wenn man ZDF empfängt schon. Das hat sich als erstaunlich erfolgreich herausgestellt, weil ich finde, dass die Bücher ziemlich kompliziert sind. Kennen Sie die Serie?



F: Nein, nicht wirklich…

M: Sie sind kein Fernsehfan?



F: Genau. Ich hab nicht mal einen Fernseher hier in Wien…

M: Ja, das ist doch toll! Ich darf ja sagen… Ich war vor kurzem in der Karibik für ein neues Projekt, in Trinidad, und da waren wir in einem Hotel am Ende dieser Inselkette und dort – das einzige Hotel am Platz – KEIN Fernsehen. Schon beachtlich…



F: Man kann sich ja auch anderweitig informieren…

M: Natürlich. Ganze Generationen haben auch ohne überlebt, aber in einem Hotel ist es ungewöhnlich, dass der dann aber trotzdem irgendwie Gäste hat.



F: Waren das deutsche Gäste?

M: Es waren holländische Gäste da.



F: Können Sie schon was verraten zum neuen Projekt?

M: Ja. Man weiß nicht ob es klappt, es ist ja eine ziemlich aufwändige Geschichte. Ich habe einen Dokumentarfilm im Fernsehen gesehen, der sehr schön war, da ging es darum, dass in dieser Gegend eine sehr schlechte ärztliche Versorgung ist – hat mich natürlich interessiert, weil ich selber Arzt bin – und dann hab ich da mal hingeguckt und gesehen, was da passiert: Da gibt es eine amerikanische Organisation, die heißt ORBIS und die da ein Flugzeug, das umgebaut ist als OP und die fliegen damit in die Gegenden, wo es halt so was nicht gibt. Und man muss schon sagen, diese Ärzte sind schon auch Abenteurer.



F: Und wollen Sie über die eine Dokumentation machen?

M: Nein, einen Spielfilm. Es ist ein schöner Fleck dort in Trinidad



F: Wärmer als in der Ukraine oder in Weißrussland, würde ich sagen.

M: Ja (macht eine kurze Pause) Dort, in Weißrussland, war ich wirklich schockiert von diesem nicht mehr latenten sondern wirklich virulenten Antisemitismus. Unglaublich.



F: Immer noch vorhanden?

M: Ja, unglaublich. Die ich da interviewt habe in Weißrussland, als es so furchtbar geregnet hat, waren ja auf dem Platz in Minsk, wo das Ghetto früher war und da haben sie so ein ganz kleines trauriges Gedenksteinchen mit ein paar wenigen Blümchen – das habe ich auch so vorgefunden, also ich habe die nicht drauf gelegt. Unter diesem Rasen liegen praktisch tausende von toten Juden und sie wollen jetzt ein Sportstadion da errichten. Und die jüdische Gemeinde - „kämpft“ darf ich nicht sagen, weil das traut sie sich gar nicht – bemüht sich darum, dass man die Leichen birgt. Werden aber nur abgewürgt.



F: Also chancenlos eigentlich.

M: Eben, sie haben keine Chance und sie sind so ängstlich. Einer ist uns auch ausgerissen, weil am Anfang waren es fünf Leute, die wir interviewen sollten, dann waren es nur noch vier, weil er plötzlich so Angst hatte, dass seine Nachbarn das irgendwann im Fernsehen sehen könnten und so erfahren, dass er Jude ist. Und das sollten sie nicht wissen.



F: Wie gestaltet sich dann die Suche nach Interviewpartnern wenn es so schwierig ist, irgendwie an solche heranzukommen.

M: Na ja, wir haben das ganze mit Anzeigen in Zeitungen annonciert, und das ging sehr lange, da wir immer wieder annoncieren mussten, haben aber ein paar schöne Rückmeldungen bekommen. Die jüdische Gemeinde war in allen Fällen die erste, also die ersten, die reagiert haben und die hatten ja auch noch andere Kontakte. Aber ich wollte auch nichtjüdische Augenzeugen haben. Also Leute, die Nachbarn waren, die sich gewundert haben: Was ist denn aus meiner jüdischen Schulfreundin geworden, mit der ich immer Puppen spielte – zum Beispiel. Aber das war dann eher Ukraine, von dem Material in Minsk haben wir aber nicht zu viel verwenden können, da es sich als ein eigener, schwer integrierbarer Komplex herausstellte und deshalb kommt von diesen Gesprächen nur sehr wenig vor. Insbesondere mit dem einen jungen Mann, dem es als 12-jähriger – da sieht man auch dieses Foto – geglückt ist, aus diesem Konzentrationslager zu fliehen. Und der andere, der ja noch viel kleiner war, ist vom LKW gesprungen, wo die dann alle erschossen worden sind.

Ja, wir können uns das gar nicht mehr vorstellen, das ist noch wie eine Diktatur in Weißrussland. Mich hat auch die deutsche Botschaft gewarnt, die haben gesagt „Drehen Sie nicht in Minsk“ und ich sagte „Ja, deshalb bin ich jetzt hier“. Also ich bin in die Botschaft gegangen und die haben mich eingestellt, ja, „Was hast du vor“ und „Wir wollen keinen Ärger haben“. Die hätten am liebsten gemeint „Lass das sein“ (lacht) ja ja, ‚deutsche’ Botschaft…



F: Wann war das?

M: Ja in Minsk habe ich im Sommer 2004 gedreht. Und die deutsche Botschaft hat halt gesagt, wir sollten nicht auf der Straße drehen, weil wir sonst sofort verhaftet werden – aber wir haben überall gedreht und nichts ist passiert. Die haben Angst, weil denen wurde eingeschärft, dass sie hier in einer Diktatur wären, also lass dich nicht irritieren, weil es so westlich aussieht. Es gibt zum Beispiel schon ein gesellschaftliches Nachtleben, bei dem man denkt, man ist in Paris oder Wien, ja, aber interessant war, man musste um 23 Uhr bezahlt haben, weil das Personal nach 23 Uhr kein Geld mehr nehmen darf. Das heißt, wenn einer bis dahin nicht bezahlt hat, weil er zum Beispiel auf der Toilette war oder telefoniert hat, müssen die entweder die Polizei oder den Chef rufen. Also das waren so Erfahrungen, auf die ich nicht gefasst war, aber natürlich, über die ich mich informieren hätte können.



F: Und es hat ja die Produktion an sich nicht beeinflusst.

M: Nein, gar nicht. Solche Beobachtungen sind ja oft auch sehr anregend, weil man aus dieser Normalität herausgerissen ist und einen das auch wach macht.



F: Was mich ja am meisten schockiert hat waren ja nicht die Berichte aus der Ukraine oder aus Weißrussland, sondern die Naziaufmärsche in München, wo sofort immer jemand den Leuten Sprechverbot erteilt hat, wenn Sie versucht haben, sie zu interviewen. Das haben Sie ja auch sehr geschickt aneinander gereiht.

M: Das war ja auch der eigentliche Eindruck. Der einzige, der mit mir da gesprochen hat, war der, der sich dann als mein Schulkamerad herausstellte. Und da war ja dann auch so einer, der reingestört hat, so ein Glatzkopfgesicht…



F: Und schreckliche Zähne…

M: Na ja… das ist schon oft phänotypisch … ist dieses Klischee wahrhaftig. Man will das ja nicht. Man will ja auf Entdeckungsreise gehen und etwas anderes sehen als das Klischee. Und der hat ja mit mir geredet. Natürlich kam man nicht wirklich dazu, weil es viel zu laut war, und Marschmusik und so und diese Lautsprecherdurchsagen… aber ich habe mich dann ja mit ihm getroffen und da muss ich schon sagen, dass dieses Gespräch sehr interessant war, weil der ist wirklich sehr beunruhigt durch diese Ausstellung gegangen, weil sein Bild von seinem Vater, den er ja gar nicht kennt – der Vater ist vermisst, seit er ein zwei-jähriger Junge war und er sich natürlich von ihm noch kein Bild machen konnte, also das heißt, er muss sich einen Vater erst „machen“, das bedeutet, der Vater ist eine Konstruktion von ihm und das ist vielleicht noch gefährlicher, weil er ja weiß, er kann gar nichts wissen über ihn. Die anderen glauben ja, alles zu wissen und deswegen war er so verunsichert und deswegen hat ihn die Ausstellung ja so geärgert. Während ich hingegen denke, und das habe ich ihm auch gesagt, das trifft ja seinen Vater nicht, denn wenn das so ist, wie er den Vater gesehen hat, dann kann er die Ausstellung ruhig aushalten.

Denn es ist ja die Organisation gemeint und nicht der einzelne Soldat. Weil wenn man von einem Soldaten spricht, dann ist doch das erste, was einem ins Auge springt der Soldat, der NEIN sagt. Der fällt einem doch sofort auf und der gefällt einem auch – also mir zumindest. Wenn ein General sagt: „Das mache ich nicht“ – da gibt es diese Geschichte mit den 900 Kindern, wo der sagt, es könne doch nicht die Aufgabe eines Soldaten sein, 900 Kinder zu erschießen. Und er sagt das, und er sagt nein und er macht ja nicht mit, er zieht sich heraus. Aber er interveniert. Und wir haben immer so – nach dem Krieg, so in dieser Adenauer Zeit, die ja auch sehr gekennzeichnet ist durch Verdrängen und Verschweigen, haben wir auch immer – was Widerstand angeht – gelernt, dass es den nicht gab. Damit man sich nicht die Frage stellen musste „Was war mit mir“ und „Wie habe ich mich verhalten, habe ich mich mitziehen lassen“.

Der Weißen Rose hat man ja die politische Motivation abgesprochen, das sollten Leute der Kirche sein, fromme Märtyrer. Die Frage kommt: Das können doch nicht die einzigen gewesen sein, bei so einem riesigen Land. Wieso die? Ja, und dann wird das eben gesteigert bis hin zur Denunziation, man sagt ja, die hatten eine Todessehnsucht – das ist eine Frechheit. Und das was ich ausgegraben und publiziert habe, finden Sie in den Geschichtsbüchern immer noch nicht, nämlich, dass die eine Verbindung hergestellt hatten zum Kreisauer Kreis, also 20. Juli. Das Treffen sollte sein am 25. Februar 1943 und am 22. Februar sind sie (Anm. Geschwister Scholl, Christoph Probst) verurteilt worden. Aber man wollte halt – und deswegen wurde mein Film für die Goethe Institute vom auswärtigen Amt verboten – dieses Bild der Weißen Rose pflegen. Und ich habe erfahren - von den Leuten, die die Studienkollegen von Hans und Sophie Scholl waren, und die es auch selbst gemacht haben, dass er (Anm. Hans Scholl) Waffen gesammelt hat. Das passt ja auch nicht so richtig in dieses Bild. Und nicht etwa, weil sie furchtbar militant waren, sie waren das Gegenteil, und auch nicht, weil sie gedacht haben, sie könnten so etwas machen – die waren bescheiden genug zu sagen, „Der Putsch muss kommen“ und man hat ihnen eingeredet, der Putsch käme. (Pause)

Sie müssten nach dem Todesurteil nur acht Wochen überleben, weil sie hatten die Information, dass der Putsch in spätestens acht Wochen passiert – nur wurden sie ja am gleichen Tag hingerichtet. So war die Vorstellung. Und dann wollten sie nur mithelfen. Sagen wir mal, das Militär, das Putscht muss sich zum Beispiel um den Rundfunk kümmern, Postämter, Rathäuser,… und da haben sie gesagt: Okay, wir sind nicht viele, aber wir verteilen uns in München und du machst das und du das…

Und wie er das gesagt hat, auch mit den Dialogen, an die sich die Leute noch erinnern, ist doch wichtiger als das, was einer vom anderen in Geschichtsbüchern abschreibt. Das habe ich ja auch so in meinem Film drin und da waren die vom Goethe-Institut doch so entsetzt, dass sie den Film verboten haben und ich habe dann auch den Bundesgerichtshof angegriffen, das ist unser höchstes Appellationsgericht, denn das hat nämlich in den 60er Jahren komischerweise zwei Mal dem Volksgerichtshof, also dem Gericht, das auch die Scholls umgebracht hat, das Privileg eines ordentlichen Gerichts zugestanden. Aber das passt ja alles irgendwie…

Der Neffe von Hans und Sophie Scholl – wesentlich jünger als ich – der war Wehrdienstverweigerer so um die 1980 herum. Damals musstest du ja in so einem Fall vor eine Kommission gehen, vor einen Richtertisch mit Beisitzenden und so weiter und die haben entschieden, ob du ein Gewissen hast. Und ob das auch richtig tickt.



F: Schön, das von außen gesagt zu bekommen.

M:. (lacht) Ja, das hört man gern! Und dieser Cousin von Hans und Sophie musste begründen, warum er den Dienst an der Waffe verweigert. Da muss doch eigentlich der Vorsitzende schon sagen „Hey, der Onkel ist der Hans Scholl – schicken wir den heim, da kriegen wir Ärger“ oder so – nein, der ist durchgefallen, der Vorsitzende war nicht zufrieden. Und jetzt kommt die Pointe – das hat er aber erst später herausgefunden – dieser Vorsitzende war Richter am Volksgerichtshof! Stellen Sie sich das mal vor! Wenn man sich diese Karrieren ansieht, die diese Richter am Volksgerichtshof gemacht haben, dann geht es auch in Ordnung, dass der Bundesgerichtshof sagt, das waren alles tolle Leute und der Freisler war ein ganz ordentlicher Richter. In dem Moment – ich greife ja nun nicht überall an und so – aber wenn man einen Film macht über die Weiße Rose, dann kann man sich mit einer solchen Absurdität nicht einfach so abfinden. Und dann war großer Krieg – über drei Jahre ging das – und ich wurde persönlich auch als Lügner und Nestbeschmutzer hingestellt.

Das ärgerliche war, dass ich auch um meinen Film kämpfen musste, weil man mir gesagt hat, ich müsse diesen „Angriff“ wegmachen und dazu konnte ich mich nicht entschließen. Ich habe immer weiter gefightet und dann haben auch die Familien eingegriffen, die den Genscher, der damals Außenminister war, Druck ausgeübt. Und die Schwester von dem Willi Graf, das ist der blonde, den Ulrich Tukur spielt, war irgendwie bei einer Behörde für Pädagogen oder Schulbildung oder so zuständig und die hat gesagt: Ich mache einen ganz großen Skandal, Herr Genscher, wenn Sie da jetzt nicht einschreiten. Und dann ging das eigentlich ganz schnell.



F: Sie haben angefangen 1997 zu drehen, jetzt haben wir 2007 und die politische Landschaft hat sich in Deutschland ja nicht unbedingt zum besseren gewandt, wo doch die NPD noch stärker ist als zuvor.

M: Die waren ja auch ganz früh drin schon. Als ich noch ein junger Kerl war, habe ich bereits in München Reden von Rechtsextremen aufgenommen, wo sie mich von der Bühne runter gestoßen haben und meinten „Was nimmst du da auf“ und ich meinte „Wieso, das ist doch interessant“ (lacht). München ist nicht so eine fromme Stadt wie man meint… das Land Bayern ja, aber in München waren ja schon 1961-62 die ersten Studentenunruhen.



F: Was wollen Sie eigentlich mit dem Film – „erreichen“ ist vielleicht schlecht formuliert, aber probieren wir es mal so.

M: Na ja, nein – ich wollte ja keinen Film über die Ausstellung machen, sondern sie sollte ein Fundament sein für die Arbeit. Ich habe mir dann alles selbst zusammengesucht aus den Archiven und so.



F: Die Ausstellung hatte ja auch einen interessanten und steinigen Weg hinter sich. Sie wurde 1999 zugesperrt, dann wieder eröffnet…

M: Ja, 1999 ist halt der Fehler aufgekommen, dass sie von den 1200 Fotos zwei falsch beschriftet hatten. Und das ist eigentlich auch wieder gar nicht so richtig falsch. Ich bin ja genau deswegen in diese Orte gefahren – nach Dublow und Tanneborg. Weil man da auf den Fotos Leichen sieht, die laut der Ausstellung von der Wehrmacht zu verantworten waren. In Wirklichkeit ist das ganze aber komplexer und ich habe es auch nicht gleich so richtig verstanden… Es ist halt so, dass das Leichen des russischen Geheimdienstes waren, und die Opfer waren Nationalisten, die die russische Besatzung los sein wollten, ja. Und es ist klar, dass die ein schlechtes Schicksal ereilte. Aber es waren nicht nur Nationalisten, es waren alle möglichen, die sich dem System nicht anpassten. Die sitzen ja in den Gefängnissen ein und dann ist die Wehrmacht bereits vor den Toren der Stadt und der russische Geheimdienst killt die, damit die nicht mehr sagen können, was gewesen ist. Jetzt kommt die deutsche Wehrmacht, wird durch die Gefängnisse geführt und man zeigt ihnen, was die Russen da so gemacht haben – tatsächlich wird die Wehrmacht ja auch als großer Befreier gefeiert – jetzt muss es aber Schuldige geben. Und man kann jetzt nicht genau ergründen, ob die jetzt selbst auf die Idee gekommen sind, Juden aus ihren Häusern zu zerren und zu sagen: Das sind die Schuldigen dafür. Die wahren Schuldigen waren ja schon längst geflüchtet. Die Juden müssen die Leichen putzen und säubern und werden dann selbst erschossen und erschlagen. Da ist nicht ein einziger Gewehrschuss, der von der Wehrmacht abgegeben wird, aber die Wehrmacht steht da, damit alles schön und reibungslos abläuft. Es geschieht also unter dem Schutzschild der Wehrmacht. Und jetzt hast du gewissermaßen zwei Leichen, sodass zur Hälfte die Bezeichnung auch schon wieder stimmt.

Stellen Sie sich bitte nicht vor, dass ich da hingegangen bin, und die feste Überzeugung hatte, dass ich, im Bezug auf das, was ich da jetzt lerne, wenn ich das Thema Wehrmacht, ja sogar im Vorfeld ‚Überfall auf die Sowjetunion’, einen Plan gehabt hätte. Ich habe mir das so vorgestellt, wie Krieg eskaliert, so mit Vergewaltigung von Frauen und so. Das lernt man ja aus anderen Kriegen und Armeen auch. Es hätte ja auch sein können, dass die Wehrmacht die jüdische Zivilbevölkerung als Feind sieht und die dann im großen Stil umbringt. Und das habe ich nirgends vorgefunden. Deswegen bin ich auch auf eigene Recherchen angewiesen gewesen, weil ich es eigentlich nicht glauben konnte. Denn dort wird ja gesagt – nicht wörtlich, sonst hätte ich es leichter gehabt – aber es ist halt die Aussage, dass die Wehrmacht mit der SS Vereinbarungen getroffen hat: Wir löschen die jüdische Zivilbevölkerung aus. Und da musste man denen natürlich auch klar machen, welche Gefahr ein Jude für jeden Deutschen und somit auch deutschen Soldaten darstellt. Deswegen haben die diese Lehrgänge gemacht, dass der Jude der Partisan ist. Aber auch bei den Partisanen dort war der Antisemitismus sehr ausgeprägt, dass die die Juden gar nicht haben wollten. Natürlich waren die Partisanen zum Teil auch Juden, denn die konnten ja nirgendwo mehr hin und sind in die Wälder gegangen, wo ja auch Partisanen waren. Ich will ja nicht bestreiten, dass es jüdische Partisanen gegeben hätte. Aber dieses „gesetzmäßige“, dass auch ein jüdischer Säugling erschossen werden muss, weil er später Partisan wird…

Und dann hat mich natürlich, als Kind der 50er Jahre, interessiert, wie es eigentlich möglich ist, dass erst jetzt eine Ausstellung so etwas – ja, wie soll ich sagen…



F: Thematisiert?

M: … Ans Licht bringt. Thematisiert ist so was sicher schon gewesen, aber dass es dann auch tatsächlich nicht mehr so einfach weggebügelt werden kann. Welche staatstragenden bürgerlichen Kräfte haben so lange gewirkt und wirken so lange, weil sie es einfach negieren. Das erschreckt mich mehr als Neonazis. Weil Neonazis sind jung und sozusagen nicht staatstragend. Aber diese „nationalen“ Kräfte – mehr darf ich nicht sagen – die auch die Ausstellung bekämpft und die Wahrheit über das Dritte Reich und das was die Deutschen gemacht haben seit meiner Kindheit bekämpfen, die sind ja da. Und die wählen nicht die NPD. Aber überhaupt nicht! Die wählen unsere gut-bürgerlichen Parteien. Und das macht mir Angst. Neonazis freuen mich natürlich auch nicht… (lacht)



F: Wer freut sich über die schon…

M: Na ja, die freuen sich.



F: Über was? Über den Film?

M: Nein, über den nicht, aber darüber, dass sie nicht allein sind.



F: „Der unbekannte Soldat“ ist ja jetzt, so weit ich das mitgekriegt habe, Ihr erster Dokumentarfilm.

M: Ja. Ich habe nur davor aus Verehrung ein Portrait über George Tabori (Anm. George Tabori - Theater ist Leben, 1999) gemacht. Und sonst nichts.



F: Es ist ja generell anders, wenn man einen Spielfilm oder einen Dokumentarfilm macht. Wie ist da der eigene Anspruch, den Sie an sich in diesem Fall stellten?

M: Ich habe vielleicht nicht die richtigen Ansprüche gestellt, die man sich bei Dokumentarfilmen stellt, weil ich die nicht kenne. Wenn ich so im Fernsehen sehe „Hitler und diejenigen“ und „Hitler und derjenige“, dann ist das für mich ziemlich anspruchslos. Meine Idee war: Ich gehe der Neugierde, die ich habe, nach. Ich prüfe das. Und ich muss Ihnen wirklich sagen, ich hätte es lieber gehabt, wenn das alles nicht gestimmt hätte. Ich hätte es wirklich lieber gehabt, nicht zu wissen, dass die Wehrmacht im Februar/März 1941 – da gab es ja noch gar keine Gaskammern – die Vernichtung der Juden in Osteuropa plant – die Wehrmacht! Das ist doch unvorstellbar! Die ganze Gesellschaft ist in der Wehrmacht vertreten.



F: Der „einfache“ Soldat.

M: Ja. Und der einfache Soldat hat es nicht geplant. Und viele haben es sicher auch nicht gewusst, einfach, weil sie anderswo eingesetzt waren. Der einfache Soldat ist sicher auch überfordert in so einer Situation. Man kann von dem nicht verlangen, dass er aufsteht und ein Manifest macht und sagt: Das mache ich nicht. Und ich bin ganz froh, dass ich so viele Fälle von Leuten gefunden habe, die „Nein“ gesagt haben.



F: Das ist ja etwas „unbekanntes“, was ja nicht thematisiert wird. Wie mit diesen drei Kommandanten.

M: Genau. Da wo diese drei Kommandeure oder Kommandanten den gleichen Auftrag bekommen und der eine führt ihn aus, der zweite will erst nicht, macht es dann aber doch und der dritte sagt nein und macht es nicht.



F: Und dem ist ja auch nichts passiert.

M: So ist es. Und von dem habe ich kein Foto gefunden. Von dem müsste es doch Fotos geben noch und noch. (Kurze Pause) Falsch gelaufen.

Ja, ich möchte noch erzählen von der Weißen Rose, weil Sie ja noch so jung sind, können Sie das vielleicht gar nicht wissen. Es war ja dann so, dass der Bundestag sich entschlossen hat, die Urteile zu annullieren und dem Bundesgerichtshof dieses Privileg wieder abzusprechen. Das hätte ich natürlich nicht alleine durch meinen Film erreicht, das habe ich erreicht, weil Leute aus dem Familienkreis der weißen Rose gesagt haben: „So jetzt müsst ihr Politiker mal auf den Mann hören und das nicht immer so abtun.“ Ich wurde immer abgetan, aber von wem? Doch nicht von den Neonazis! Nein, von der – ich muss sagen – von der CDU/CSU abgetan.



F: Die „konservativen“ Kräfte

M: Ja. Das ist leider so. Behagt mir auch nicht – ich bin nun nicht besonders konservativ, aber ich möchte das schon gerne haben, dass es etwas differenzierter ist.



F: Sie haben jetzt wieder auf Ihren Film "Die Weiße Rose" verwiesen – ich habe in einem Artikel über Sie die Formulierung gefunden, sie würden „anecken“. Deshalb stelle ich die Frage auch einfach so: Mögen Sie es, „anzuecken“?

M:. (lacht) Nee, eigentlich nicht. Die Themen die mich interessieren sind „eckig“, aber ich nehme mir jetzt nicht so etwas vor. Aber damals bei meiner ersten Aufregung, die durch die Gesellschaft gegangen ist, 1970 mit Vietnamkrieg und so, da ist ja der Vietnamkrieg noch fünf Jahre weitergegangen. Es hat mich halt einfach gestört: Ich war 1969 in Amerika als Arzt in Los Angeles in einem Krankenhaus, und da habe ich festgestellt, dass meine Kollegen keine Ahnung hatten davon. Und die fragen mich: „Woher weißt du das“ – und ich sage „Ja, das sehen wir jeden Abend im Fernsehen in den Nachrichten“. Und die wussten so vieles nicht. Dabei habe ich die für so gebildet gehalten.



F: Und woran, glauben Sie, lag es, dass sie nichts wussten?

M: Das ist nicht patriotisch. Und die Deutschen haben sich doch auch so verhalten, dass sie das alles so als Unterhaltung abgetan haben. Da hat man bei den sterbenden Kindern vielleicht noch ein Tränchen verdrückt, aber man ist ja deswegen nicht auf die Straße gegangen. Die Studenten haben das gemacht. Und ich habe mir überlegt: Wie mache ich es leichter, dass ihr euch aufregt? Lass das mal in Bayern spielen! Die reden alle bayerisch und sind alles liebe Buben. Und das hat so furchtbar gewirkt, dabei ist das ein so „brechtisch“ gemachter Film – ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen?



F: Nein.

M: Er ist sehr „theaterlich“. Es ist doch ganz klar, weil es gibt keine bayerischen G.I.s, die Schafkopfen spielen. Gustl Bayerhammer spielt den General und spielt vor einer Landkarte auf und ab, die Vietnam sein sollte, aber Bayern mit der Isar ist. Das hat die Leute so aufgewühlt, dass es halt zum Skandal kam. Ich wollte schon, dass es aufwühlt, ja, aber nicht über den Film.



F: Es zieht sich halt irgendwie ein bisschen durch ihr Lebenswerk.

M: Ja, aber nicht, dass ich jetzt auf der Suche bin. Das sehen Sie ja an dem, was ich jetzt vorhabe, das ist ja ein sehr menschenfreundlicher Stoff. Ein schöner Stoff, dass Ärzte sich kümmern um Leute, die keine medizinische Versorgung haben. Das ist ja kein Angriff. Aber es ist schon ein Prinzip von mir, dass ich keine Filme mache, die mich nicht auch selbst interessieren, die ich mir nicht auch selbst anschauen würde. Darum ist es auch ein riesiges Privileg, dass ich das auch machen kann, denn ich kenne viele Regisseure, die hauptsächlich Filme machen, die sie sich nie im Leben anschauen würden. Ich sehe mich auch nicht so sehr der Historie verpflichtet, ich mache ja auch gerne Komödien.



F: Um noch einmal zum „unbekannten Soldaten“ zurück zu kommen: Wie muss man sich das vorstellen – Sie haben gehört von der Ausstellung.

M: Ja, und ich wollte reingehen. Nur halt nicht heute oder morgen, weil die ging ja noch sechs Wochen. Aber dann kam dieser Neonazimarsch und dann war ich drin und bin da nicht mehr raus gekommen.



F: Sind Sie da schon mit der Kamera hingefahren, mit der Idee im Hinterkopf, das weiter zu verfolgen.

M: Nein, nein. Ich habe zum Frühstück die Zeitung aufgeschlagen, davon gelesen und dann bin ich los, ich war noch im Schlafanzug, habe mir zwei Kamerateams besorgt und war plötzlich in was drin.



F: Und Sie haben sich dann selbst mit dem Thema eingehender befasst.

M: Ja, weil ich dann auf diese Tatsache gekommen bin … Ich wollte erst über Ärzte in der Wehrmacht etwas machen. Dann habe ich diese Bilder gesehen, dass die Wehrmacht auch die jüdische Bevölkerung vernichten wollte. Das ist ja nicht einfach so geschehen – das wurde ja geplant und durchgeführt – etwas ganz anderes. Und das hat mich tatsächlich schockiert. Ich wollte darüber nicht nur einen Film machen, ich wollte es wissen!



F: Könnte man jetzt nicht auch sagen, dass der Film eigentlich zu spät kommt? Die Ausstellung ist ja schon länger vorbei.

M: Aber der Film muss die Ausstellung ja sozusagen weiter tragen. Es waren ja mehrere Themen der Ausstellung, aber dieses eine Thema „Geplante Ausrottung der Juden durch die Wehrmacht“ – das ist etwas damit gehe ich auch jetzt in die Schulen.



F: Ich hatte auch irgendwie – und das ist ganz und gar nicht negativ gemeint – den Eindruck, dass beispielsweise Schulklassen sich die Ausstellung ansehen und sich dann den Film…

M: Aber die Ausstellung gibt es ja nicht mehr. Aber ich werde eingeladen und rede dann über dieses Thema. Und ich bin sehr überrascht, wie gut die jungen Leute diskutieren können in Deutschland, und wie sie politisch drauf sind. Weil man hat ihnen ja nachgesagt, sie wären eine unpolitische Generation. Und dem ist nicht so. Unpolitisch sind die Hauptschüler. Weil sie nicht wirklich teilnehmen, die „Coolies“ sind und keine Zukunft haben – sie wissen es leider nicht, weil sie sonst versuchen würden, da raus zu kommen und das ist die wirkliche Gemeinheit.



F: Eine letzte Frage, vielleicht etwas dumm, aber ich will sie trotzdem stellen: Wer ist für Sie der unbekannte Soldat?

M: Der unbekannte Soldat ist fast jeder Soldat. Weil die habe ich ja nicht zur Verfügung. Wenn Sie jetzt der unbekannte Soldat wären, wären Sie mir ja bekannt. Dann würde ich sagen: „So, jetzt sagst du mir mal, was hast du dir gedacht, als man dir gesagt hat, das sind alles böse Säuglinge und böse Opas, die musst du jetzt erschießen?“ – Kann ich doch nicht, also sind sie unbekannt. Das ist natürlich auch etwas provokant, weil der Titel auch etwas anders besetzt ist.



F: Ich bedanke mich recht herzlich für das interessante Gespräch!

M: Gern geschehen!



Quelle: DVD-Forum.at