Fahrenheit 9/11

  • Informationen zum Film
  • Fahrenheit 9/11

  • Originaltitel:
    Fahrenheit 9/11
    Genre:
    Dokumentation, Krieg, Geschichte
    Produktionsland:
    USA
    Produktionsjahr:
    2004
    Kinostart Österreich:
    06.08.2004
    Kinostart Deutschland:
    29.07.2004
    Kinostart USA:
    25.06.2004
  • Inhalt
  • 'Wie? Ein großer Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.' *)

    Thema des Films ist sowohl die gesamte amerikanische Regierungsmannschaft unter Präsident George W. Bush, und im besonderen die Person George W. Bush selbst. Michael Moore's Werk thematisiert die seltsamen Umstände der Präsidentschaftswahl, die langjährigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verbindungen der Bush Familie zum Bin Laden Clan, die Politik der Bush Regierung vor (und nach) den Anschlägen auf das World Trade Center (11. September 2001), als auch den Krieg im Irak.

    Moore's 'Dokumentarfilm' (die Anführungszeichen erklären sich in der Film Kritik) ist eine - wie ich es nenne - 'Opinion Doku'. Primär funktioniert der Film als Berichterstattung aus der Sicht einer bestimmten Meinung und legt wenig(er) Wert auf distanzierte Objektivität, wie es viele andere Dokumentationen praktizieren. Die Grenzen zwischen sachlichen Dokumentarfilm und astreinen Propagandamovie werden so effizient vermischt, dass eine Beurteilung des Films (zB. in Wertungspunkten am Ende des Reviews) eigentlich immer nur zum Spiegelbild persönlicher politischer Gesinnung geraten kann. Dieses Review verzichtet daher auf eine detaillierte Punkte-Bewertung des Films. Der Autor dieses Reviews möchte - soweit wie möglich - auf (persönliche) politische Meinungen verzichten und den Film selbst in den Mittelpunkt stellen.
  • Filmkritik
  • 'Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei selbst zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.' *)

    Ein seltsames Paar! Der Kriegsherr und seine Nemesis, scheinbar einträchtig vereint auf der Fotomontage des Filmplakats zu FAHRENHEIT 9/11, händchenhaltend auf dem Rasen vor dem Weißen Haus. Ein spitzbübisch grinsender Michael Moore konkurriert frech mit George W. Bush's freimütigen Wahlkampf-Lächeln. Ob beabsichtigt oder nicht, diese kleine, liebenswerte Fotomontage sagt vielleicht mehr über den Film aus als es zunächst den Anschein hat. Hier stehen zwei Kontrahenten gegenüber, die sich um 12 Uhr Mittags am Tag der US-Präsidentschaftswahlen das finale Duell liefern werden. Einer davon kandidiert sogar für das Amt, der andere kandidiert für Sympathie und heftet sich auf die Fahnen einen Wahlsieg des amtierenden Präsidenten verhindern zu wollen - lauter, frecher und medienwirksamer als es die politische Opposition zustande bringt. Oh ja - wir sind Zeugen eines politischen Showdown Movies, eines Duells im Morgengrauen. Der klassische amerikanische Western hat endlich auch Einzug ins Genre des Dokumentarfilms gefunden - und es verinnerlicht. Die Colts sind geladen, die Mannen gestellt - Bühne frei für zwei Akteure, die bei genauerer Betrachtung mehr gemeinsam haben als es zunächst den Anschein hat...

    'Man lügt wohl mit dem Munde, aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit.' *)

    FAHRENHEIT 9/11 rechnet gnadenlos mit der Bush Regierung ab. Der Präsident wird einerseits als lausiger Administrator des Landes gezeigt, viele Urlaube am Beginn seiner Amtszeit werden gekonnt mit medialen Bush Äußerungen dokumentiert, die das Off-Kommentar von Michael Moore gar nicht nötig hätten um zu funktionieren. Doch das ist erst der Anfang und stellt sich noch relativ harmlos gegen weitere Angriffe dar... Als gezeigt wird wie Präsident Bush während eines (medial begleiteten) Besuches in einer Volksschule die Information erhält, dass das World Trade Center in Flammen steht und er dieser Situation sichtlich nicht gewachsen ist, verdichtet sich der Plot. Der Sachlage unterrichtet, liest der Präsident (sichtlich orientierungslos) einfach weiter aus dem Kinderbuch. Die Message des Films ist klar - ohne seine Berater, die ihm sagen was zu tun ist, degradiert sich Bush selber zum Vollidioten der aus eigener Kraft kaum in der Lage ist Entscheidungen zu treffen. Die Darstellung ist eindeutig - Bush's Mimik und Gestik sprechen mehr Bände als alle literarischen Demontagen von Michael Moore (erschienen in Buchform) zusammen.

    Doch es geht noch viel weiter. Der Film wirft - trotz seiner pointierten und streckenweise unterhaltsamen Präsentationsweise - einige sehr ernsthafte Fragen und Themen auf. Warum zum Beispiel wurden unzählige Mitglieder der Bin Laden Familie kurz nach 9/11 aus den USA nach Saudi Arabien ausgeflogen, wenn nicht mal Ricky Martin fliegen durfte? Diese Flüge waren von höchsten Stellen autorisiert worden. Warum hat es niemand der Mühe Wert gefunden, die Familienmitglieder des vermeintlichen Terroristen Osama bin Laden zu befragen? Der Film gibt die Antwort darauf. Die Bin Laden Familie hat über Jahre hinaus enge geschäftliche Beziehungen zur Familie Bush (sowohl Vater, als auch Sohn) unterhalten!

    'Man haßt nicht, solange man noch gering schätzt, sondern erst, wenn man gleich oder höher schätzt.' *)

    Moore legt noch deutlich nach, als er den Irak Krieg thematisiert. Die filmische Beweiskette schließt sich um ein abgekartetes Spiel der Mächtigen, eine bereits vor 9/11 geplante militärische Intervention welche primär wirtschaftliche Interessen verfolgt (Ölreserven). Ein durchwegs glaubhafter Punkt - ist das Märchen von den Massenvernichtungswaffen des Saddam Regimes ja mittlerweile nicht mal mehr bei den Verbündeten der USA aufrecht zu erhalten...

    Noch weit vor Ende des Films ist klar worauf er hinaus will - George W. Bush ist ein Lügner, ein Idiot, ein hilfloser Kriegstreiber und ein korrupter Präsident, der hauptsächlich von den Joysticks jener Großkonzerne gesteuert wird, denen er seine großzügigen Wahlkampfspenden zu verdanken hat. Das eigentlich beeindruckende daran ist aber, dass Regisseur Michael Moore wenig dazutun muss um Bush zu demontieren - das schafft er in treffsicherer Art selbst am besten! Seine Aussagen, seine tlw. unbeholfene Art und seine fragwürdige Politik genügen Moore, Interviews verschiedener TV-Sender - schnitttechnisch äußerst gekonnt - aneinander zureihen und aus scheinbarer Distanz zu beobachten, wie sich der Präsident selbst demontiert... Zugegeben ein höchst schadenfroher Genuss!

    'Es gibt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist.' *)

    Ja, kein Zweifel, mit FAHRENHEIT 9/11 hat er es George W, Bush mal so richtig gezeigt! Der Film ist ein Anti-Bush Werbespot sondergleichen. Er funktioniert letztendlich aber durch genau jene Mechanismen, die er (scheinbar) anprangert. Die einseitige Irak Berichterstattung der US-TV Medien wird in FAHRENHEIT 9/11 auf selbe Art und Weise gekontert. Der Film ist ebenso einseitig berichtet, womit sich letztendlich die Anführungszeichen meiner Inhaltsangabe erklären. Michael Moore benutzt ähnliche Techniken wie 'der Feind' - ob es sein Erfolg, oder sein Untergang wird, bleibt abzusehen. Einerseits 'ködert' einen der Film mit Bildern, Informationen und vor allem Suggestionen, die das amerikanische Fernsehen in 1000 Jahren nicht zusammen brächte, um andererseits auf ziemlich gekonnte Art und Weise die durch den Film effektiv projizierte Meinung des Betrachters zu vereinnahmen. Dabei werden manch 'unpassende' Fakten mit Witz und Esprit unter den Tisch gekehrt und zugunsten einer (von Moore) vorgefertigten Meinung geopfert...

    Genau hierin liegt der 'Schauspieler seines eignen Ideals' (siehe Zitat anfangs der Inhaltsangabe), welcher die Verbindung, beinahe schon der Abhängigkeit, zwischen George W. Bush und Michael Moore illustriert. Die Idee des Schlagens mit eigenen Waffen kehrt sich zum zweischneidigen Bumerang um. Um den 'Krieg' zu gewinnen, muss man selbst zum Krieg werden, um es in populärhistorischen Quotes zu formulieren. Leider scheint das ebenso für die Bush Regierung zu gelten, wie auch für Michael Moore...

    'Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in bezug auf seine Schüler ernst - sogar sich selbst.' *)

    FAHRENHEIT 9/11 ist kein eigentlicher Dokumentarfilm - es ist eine (durchaus notwendige) Gegenreaktion auf politische Propaganda der derzeitigen US-Regierung. Als solche erhält der Film 100 von 100 möglichen Punkten, keine Frage! Das Problem dabei ist lediglich, dass der Film nicht so heiß gegessen werden sollte, wie er gekocht ist. Disney Schmähungen und Publikumskontroversen zum Trotz - diese Verteidigung funktioniert im Wesentlichen genauso wie der Angriff! So gesehen ist der Film ein ultimativer Showdown zwischen Protagonisten und Antagonisten, der sowohl auf der einen, wie auch auf der anderen Seite die Meinungen präzise in zwei Lager spaltet: Entweder man ist mit mir, oder man ist gegen mich. Grauzonen sind Luxus, und Luxus wollen wir uns nicht leisten. Schon gar nicht im Kino! Das ganze Szenario hat durchwegs sein Gutes - kaum eine andere Dokumentation hat mit solcher Breitenwirkung eine eigene Meinungsbildung erzwungen. Mit ein Grund dafür, warum ich eine Punktebewertung nach üblichen Schema verweigere!

    Nachsatz: FAHRENHEIT 9/11 wurde beim Filmfestival von Cannes mit dem Hauptpreis, der Palme D'Or (goldene Palme) ausgezeichnet und ist bereits nach dem ersten Wochenende seiner US-Release die erfolgreichste Doku aller Zeiten geworden. Erstmals in der Geschichte hat ein Dokumentarfilm Platz 1 der amerikanischen Kinocharts eingenommen.

    *) Zitate: Friedrich Nietzsche, 'Jenseits von Gut und Böse' (Insel Verlag, 1984)

    Schlussbemerkung: Die verwendeten Zitate (Absatzüberschriften) wurden durchaus bewusst so ausgewählt, dass sie in beide Richtungen (Bush / Moore) funktionieren und deutbar sind.
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