Naked Lunch

  • Informationen zum Film
  • Naked Lunch

  • Originaltitel:
    Naked Lunch
    Genre:
    Komödie, Fantasy, Biographie, Drama
    Produktionsländer:
    UK, Kanada, Japan
    Produktionsjahr:
    1991
    Kinostart Deutschland:
    30.04.1992
  • Inhalt
  • Mitten in einer abstrusen Parallelwelt der 1950er Jahre, in der Käfergestalten psychodelische Trips durchkreuzen und Boheme von Pestiziden abhängig sind, versucht der Kammerjäger Bill Lee ein einfaches, aber glückliches Leben in einem verqueren New York zu führen. Doch während er das spießige Kleinbürgerleben sucht, finden seine Frau und seine zwei besten Freunde das Glück in der giftigen Substanz, mit der er sein Leben führt. Das Verschwinden des Gifts machen die Behörden aufmerksam – womit Bill nicht nur seine Anstellung verliert, sondern auch von Organisationen verfolgt wird. Da sein geschütztes Leben nun vorbei scheint, ist auch bereit, zu den Drogen seiner Generation zu greifen. Doch schnell verwandelt sich das unschuldige Erfreuen an einem Höhenflug in den Höllentrip seines Leben. Er erschießt seine Frau per Versehen während es Willhelm-Tell-Spiels, sucht sie verzweifelt in den Tiefen seiner Träume und verirrt sich in dem Labyrinth seines Geistes ...

  • Filmkritik
  • For me, the first fact of human existence is the human body. – David Cronenberg


    Wenn sich zersetzende Körper in ekstatischen Bewegungen miteinander verschmelzen, weiß wohl ein jeder schon, dass es nach der Hand von David Cronenberg schreit. Wie kaum ein anderer nutzt – bzw. beinahe missbraucht – der Kanadier das Körperliche der Schauspieler, des Interieurs und der Kamera per se, um die Haptik zum Fundament der Schaukunst zu erklären. Die Berührung, die man im eigentlichen Sinne des Wortes nur sehen kann, verleibt sich, beinahe wortwörtlich, den Blick ein. So wird es zu einem orgasmatischen, zu einem sinnlichen Erlebnis, wenn die beiden Wahrnehmungsmuster sich begegnen, kreuzen und ineinander aufgehen. Das gesagt, geht die eigentliche Faszination nicht mehr ipso facto von diesen Grundzügen des Körperkinos aus, sondern von den feinen Nuancen, welche sich in der Gesamtbetrachtung von Cronenbergs Oevre ergeben. Wo beginnen die Linien in seiner Filmographie? Wo versinken jene in den Untiefen der Zeit? Wo überkreuzen sie sich? Einer der Filme, die sich sowohl schwer als auch wunderbar einfach in das Gesamtwerk des Kanadiers einordnen lässt, ist die filmische Adaption des Kultromans Naked Lunch von William S. Borrough. Die Arbeit siedelt sich mitten in die Zeit, in welcher sich Cronenberg zu literarischen Vorlagen als Inspirationsquelle wendete. Zusammen mit seinem vorangegangenen Projekt Dead Ringers beendet er hier seine Science-Fiction-Phase – und, weiter, ist Naked Lunch der erste, welcher, dank des Erfolgs seiner vorangegangenen Produktionen mit einem größeren Budget ausgestattet, in einem historischen Setting Unterschlupf findet. Die Verbindung bzw. sogar Verschmelzung von menschlichen Körpern mit Mechanischen, das doch so sehr an Organisches erinnert, ist beinahe paradigmatisch für diese Periode. Doch trotz alledem, dem Ähnlichkeiten zum Trotz, fällt Naked Lunch heraus, wie ein bunter Käfer.


    "It's a Kafka high. You feel like a bug."


    Als Adaption des gleichnamigen Romans ist es dem Film durchaus bewusst, dass er dessen Kultstatus nur bedingt in einer direkten Übernahme gerecht werden könne. Bevor Cronenberg auch nur zu einem derartigen Versuch ansetzt, verwebt und ver- bzw. entstellt er die komplexe Geschichte mittels nicht nur anderer Arbeiten Burroughs, sondern selbst seines eigenen Lebens. Als semifiktionaler Metatext jagt Cronenberg in einem kafkaesken Labyrinth die Details eines Gesamtkunstwerkes. Ein heikles Unternehmen, welches zu scheitern droht. So mag es auch sein, dass, wie das Lexikon des internationalen Films, deklariert, der Film vielmehr einem Schwebezustand des Bewusstseins als einem klassischen Horrortrip gleichkommt, so sei jedoch zugleich auch die Gefahr bemerkt, dass der Zuschauer selber in diesen Schwebezustand des Bewusstseins zu driften droht. Auch wenn die Verfilmung sich spürbar bemüht, der unangenehmen Atmosphäre seiner Vorlage(n) gerecht zu werden, scheint genau der faulige Geruch des Mistkäfers hier zu ruhen: Er bemüht sich zu sehr. Die Anstrengung des Filmemachers ist an jener des Zuschauers ersichtlich, der selber das verwobene Gebilde zu durchdringen versucht. Mit dem Hinweis auf moralische Integrität und Verschmutzung verdammten einst die Gerichtshöfe das Schundwerk: „Ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum“. Ein Satz, der die Verfilmung erklären vermag. Schon in dem Trailer, der weniger Inhalt als vielmehr den Kultstatus seiner Vorlage betont und (miss)braucht, spürt man, teilweise sogar penetrant, diesen verzweifelten Wunsch hervordringend. Schockregisseur Cronenberg wollte jenem Schreiberling nicht nur ein Denkmal, ein Monument setzen, sondern den eigenen Film jenen (im positiven Sinne) „widerlichen Gifthauch“ verpassen. Ein verzweifelter Wunsch, dessen Gewicht Naked Lunch zu erdrücken scheint.


    I don't have a moral plan, I'm a Canadian. – David Cronenberg


    Das Problem ruht jedoch nicht genuin in der überladenen Dramaturgie. Die Visionen allein, welche Cronenberg mithilfe der unheimlichen Texte von Burrough auf die Leinwand bannt, besitzen eine eigene Qualität, die zu faszinieren weiß. Das Problem ist vielmehr in der Filmografie, wenn nicht sogar weiter in der Filmgeschichte zu finden. Selbst neuere, selbst kommerziellere Filme können die Visionen zeitliche nicht nur überleben, sondern sogar übertrumpfen. Pedro Almodóvar baut in La piel que habito die Differenzen zwischen Maschine und Mensch bis zu der Unkenntnis ab, sodass beide als Synonyme füreinander stehen. Während – anders als im sonstigen Oevre des Regisserus – die Sexualität der Körper, egal ob human oder nicht, sich von dem Intensiven (wenn etwa Peter Weller in seine Schreibmaschine lustvoll eindringt, oder wenn Judy Davis die ihr arabisches Modell sexuell streichelt) bis ins Komische weiterentwickelt (wenn sich die Maschine als Gummipuppe auf Weller und Davis in einem epileptischen Anfall stürzt), glückte Miguel Sapochnik in seinem Debüt (Repo Men) ein unvergesslicher Akt des operativen Coitus, in welchem die Grenzen jeglicher Körpervorstellungen als maßlos überholt bloß gestellt werden. In den letzten Jahren, in welchen der Regisseur ein großes Interesse an seiner Arbeit mit Charakter- und Körpermime Viggo Mortensen zeigte, verschob sich die Traditionslinie erneut. Anstelle der Maschinen – egal ob schriftstellerischer, fernsehtechnischer oder auch automobiler Natur – treten die nackten Körper auf die Bühne, womit sie wesentlich unvermittelbarer aufeinandertreffen. Die Perversionen und Fetische früherer Filme, welche eine Membran zwischen den verschlungenen Körper setzt, werden aufgelöst und mit ihnen jene Wand. Das, was Naked Lunch hervorhebt, haben andere, wenn nicht sogar er selber, besser und zugänglicher gemacht. Somit, was bleibt? Der geglückte Versuch, sich selber weiterzuentwicklen, sein Werk aus den Bahnen der Konvention driften zu lassen – und, mit dem Wissen der oftmaligen Perfektion des Filmemachers, der missglückte Versuch, sein Publikum gänzlich zu fangen.

    Fazit:
    Der Sehakt ist seiner Qualität nach faszinierend, aber die Faszination überkommt einem nicht. Naked Lunch fesselt den Zuschauer vielmehr mit den Fragen des WIEs als jenen des WARUMs. Wie haben die das denn gemacht? Wie haben sie sich es denn ausgedacht? Das Hinterfragen der Motivation bzw. der Motive – abseits der offensichtlichen Aussagen zur Tendenzen bzgl. von sexuellen Neigung – verliert sich in einem Irrgarten von freien Assoziationen. Und somit (ver)endet Naked Lunch als handwerklich-kreatives Faszinosum, welches sich (absichtlich) der Immersion des Zuschauers verwehrt.

  • Wertungen
  • Story
    3,5
    Musik:
    3,0
    Unterhaltung:
    2,5
    Anspruch:
    4,0
    Spannung:
    3,0
    Darsteller:
    4,0
    Gesamt:
    3,5
    Verfasst von:
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