Séraphine

  • Informationen zum Film
  • Séraphine

  • Originaltitel:
    Séraphine
    Genre:
    Biographie, Drama
    Produktionsländer:
    Frankreich, Belgien
    Produktionsjahr:
    2008
    Kinostart Österreich:
    15.01.2010
    Kinostart Deutschland:
    17.12.2009
    Verleiher Österreich:
    Filmladen
    Verleiher Deutschland:
    Arsenal Filmverleih
  • Inhalt
  • Die Schwärze der Nacht verbirgt die unscheinbare Gestalt. Die eine Hand den Schlamm aus dem Sumpf fischend, die Andere den Korb festhaltend. Jenes kleinliche Behältnis, welches ihr ganzes Hab und Gut hütet. Die schrillen Glocken unterbrechen den morgenlichen Streifzug durch die wilde Natur. Die Heimlichkeit der Nacht ist vorbei, die Beschäftigung des Tages hat mit dem Läuten der autoritären Kirche seinen Einhalt gefunden. Denn während die Nacht der ältlichen Seraphine gehört, wird ihr Körper unter Tag den Anderen in die Dienstschaft gegeben. Schrubben, Waschen, Polieren – immer wieder, jeden Tag. Das Elend ihrer unscheinbaren Existenz wird von den Geschicken ihrer Umgebung geleitet. Doch im Dunkeln befehligt sie ihre eigenen Hände. Die zum Putzen degradierten Werkzeuge erlangen im matten Kerzenlicht schwungvolle Leichtigkeit. Ihr zur Arbeit trainiertes Gemüt wird in dem Rausch der Farben weggetragen. In der Nacht ist sie keine Dienerin mehr, sondern Künstlerin …
  • Filmkritik
  • Für die Kunst gibt es nur ein Thema, welches derartig komplex und somit auch unvermittelbar ist, dass man sich diesem immer wieder anwenden muss. Bestehend aus vielen Aspekten bewiesen dutzende Schriftsteller, Regisseure, Maler und Musiker, was sie jeweils darunter verstünden. Doch eine richtige Quintessenz bedingt die Antwort nicht. Vielmehr verweilt die Frage in der Antwort: Was ist Kunst? Der kleinste gemeinsame Nenner: Die Leidenschaft der Menschen, aber auch das Leiden des Menschen.

    Das 20. Jahrhundert beweist es immer auf ein Neues: Die Kunst gehört dem Volke. Der Kleinste in der Gemeinschaft kann zu dem größten Genius der Dekade werden. In einer Zeit, in der das Medium in seiner Struktur demokratisiert ist, kann auch ein Niemand sich in diesem Verwirklichen. In einer Ära des American Idols und Singstar wird manchmal sogar das Untalent zum Superstar. Doch genauso leben wir in einer Welt, in welcher die Schönheit im Nichts der Klassen verschwinden kann. Mit viel Respekt und Gefühl machte sich der französische Regisseur Martin Provost an, „die“ Unbekannte der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wieder zu zelebrieren. Eine wohl tuende Abwechslung, wo sonst der Popularismus einher geht. Ein Leben zu Ergründen – und zugleich auch das Schicksal dieser zu erleben. Das nennt sich Kunst. Denn das Drama über Seraphine ist das Vergessen um sie – und dies schon zu Lebzeiten. Die Malerin ist nur ein Schatten unter den vielen Bediensteten. Ihre geistliche Gestalt schleicht von Tür zu Tür, erledigt ihr alltägliches Geschäft. Die Anderen bemerken nicht einmal die Existenz dieser. Das Gesicht wird reduziert zu einem Nichts. Nein, nicht mal das. Sondern zu einem Jedermann. Sie, die überall ist, und auch nirgendwo. Das Phantasma, welches der Filmemacher hier zaubert, ist jene Beiläufigkeit des Erzählens. Beinahe so, als ob das Publikum es nicht bemerkt, stellt der visuelle Künstler ein Wesen vor, welches in dem Hintergrund eines Gemäldes zu sehen wäre. Eine überlebensgroße Fußnote, die in ihrer Unscheinbarkeit die ganze Leinwand einzunehmen vermag. Ein Kniff, der die Metabedeutung unwahrscheinlich klar in seiner wagen Gestalt präsentiert: Seraphine ist unbekannt. Selbst in unserer heutigen Zeit wird sie neben ihren Zeitgenossen – immerhin solch Berühmtheiten wie Picasso oder Rousseau - zu einer Lücke, zu einer Leere des Gedächtnisses. In diesen Zügen, indem der Regisseur dem Publikum in den ersten 40 Minuten eine unscheinbare Frau niederen Ranges zeigt, erreicht das tragische Schicksal ihre unglaubliche Größe. Denn plötzlich, im Dunkeln des kleinen Zimmers, erwacht diese ruhige Figur aus ihrem alltäglichen Winterschlaf. Mit größter Leidenschaft schneidet sie ihre „Leinwand“ entzwei. Jeder Pinselstrich fügt in seiner dramatischen Unruhe tiefe, klaffende Wunden zu. Sobald die sorgfältig gewaltsame Farbe auf dem Karton, der ihr als Leinwand dient, zu trocknen beginnt, erwacht die unscheinbare Seraphine in ihrer wahren Gestalt. Eine Naturgewalt.

    Eine Naturgewalt. Natur-gewalt. Dieses Wort. Es gibt keinen wahreren Ausdruck. Aber ebenfalls keinen, der weiter von der Wahrheit entfernt wäre. Im ersten Part der Kritik wurde der geniale Kniff nacherzählt, welche dem Regisseur zur Prämisse seines Kleinepos wurde. In einem weiteren Schritt muss erklärt werden, warum dieses „Mögliche“ zu einem „Wirklichen“ wurde. Die Antwort ist kurz: Yolande Moreau . Punkt aus. Man kann verschönern, dass der restliche Cast – wieder einmal besonders eindrucksvoll, unter diesem Restlichen, Ulrich Tukur - ebenso toll spielen. Oder dass die Musik himmlische Klänge zu den gemalten Bildern der Regie zaubert. Doch all diese Stränge, all diese malerischen Striche führen einfach nur zurück zu der in der Titelrolle prälierenden Yolande Moreau. Denn die französische Darstellerin kann in ihrer ruhigen Art die gesamte Größe der Künstlerin in sich aufbauen. Ihr Spiel besitzt eine unfassbare Präzission, die jene Stille des Unscheinbaren erreicht. Nein, sie ist weder eine Audrey Tautou noch eine Juliette Binoche - auch wenn sie mit beiden schon agierte. Sie ist der Schatten in jenen Filmen. Sie ist einer kleinen unscheinbaren Geste gleich, die aber das Dargebotene in seiner Perfektion vollendet. Moreau wird zur Essenz des Spiels an sich. Ihre Aura, einem göttlichen Wind ähnelnd. Ihre sanfte Hände gleiten über die Natur. Man spürt ihre Präsenz, doch erblicken kann man sie nicht. Aber diese Eigenschaft der unsichtbaren Existenz birgt die wahre Natur der Künstlerin. Im Schatten des Alternativen lebt sie. Doch in diesem Verborgenen erblickt der Zuschauer in das Auge des Orkans. So leichtfüßig der Wind im Nichts des ruhigen Gemüts seine Selbst hüten kann, ergreift die riesenhafte Gestalt des Sturms die wilde Nacht. Es ist ein überaus ambivalentes Spiel, und hierin liegt die Qualität von Yolande Moreau. Im perfekten Underacting erlangt die Performance der Schauspielerin eine übernatürliches Niveau.

    Fazit:
    In einer Zeit, in welcher die Leben von Berühmtheiten in einer Redundanz sondergleichen wieder erzählt werden, erstrahlt dieses Kleinepos über die Malerin ohne Glück, wie ein funkelnder Betlehem'scher Stern. Regisseur Martin Provost baute seine Ode an die Seraphine (und in gewisser Weise auch an die sie verkörpernde Schauspielerin) in den schönsten Bildern auf. Konstruiert mithilfe seiner genialen Hauptdarstellerin, Yolanda Moreau, einen Akt des Geisterhaften und Meisterlichen. So bleibt nur zu sagen: Séraphine - eine griechische Tragödie aus Frankreich!
  • Wertungen
  • Story
    4,0
    Musik:
    3,5
    Unterhaltung:
    3,5
    Anspruch:
    4,5
    Spannung:
    3,5
    Darsteller:
    4,0
    Gesamt:
    4,0
    Verfasst von:
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