Xenoblade Chronicles 2 [Nintendo Switch]

Verfasst von Christian Suessmeier am 22.12.2017 um 12:13

 

Rollenspiel-Epos mit Tradition

 

Noch auf der Wii veröffentlichte Nintendo in Zusammenarbeit mit Monolith Studios das Rollenspiel-Epos „Xenoblade Chronicles“, welches nicht nur durch seine epische Geschichte zu unterhalten wusste, sondern auch mit viel Innovation dem etwas angestaubten Genre der JRPGs wieder neues Leben einhauchte.

Schon die Vorgänger im Geiste, die „Xenosaga“-Spiele von Tetsuya Takahashi glänzten zu Zeiten von PSone und PS2 mit ihrem starken Inhalt, mit „Xenoblade Chronicles“ wollte Takahashi aber etwas nicht ganz so Schweres schaffen. Und die JRPG-Fans unter den Wii-Besitzern dankten es ihm mit sehr guten Verkaufszahlen, die Kritiker mit sehr guten Wertungen. Nach einer Umsetzung für den New 3DS konnte man mit „Xenoblade Chronicles X“ nicht an die Erfolge des Vorgängers anknüpfen, umso mehr freuten sich die Fans über die Ankündigung eines richtigen zweiten Teils, der für die Switch erscheinen soll. Dieser ist nun vor wenigen Wochen erschienen und wird in unserem Review auf Herz und Nieren geprüft.

 

Die Geschichte von Meister und Klinge

 

Alrest ist ein besonderer Ort, denn die Welt wird von Titanen bewohnt auf deren Rücken die Menschen ihre Häuser und Städte errichtet haben. Denn die Planetenoberfläche ist ein einziges Wolkenmeer und so eigentlich unbewohnbar. In der Mitte dieser Welt steht der Weltenbaum Elysium, der einst als Heimat der Menschen diente. Da nun nach und nach die Titanen sterben und so auch die Bewohner ihre Heimat verlieren, wollen sie dorthin zurückkehren...

In der Rolle von Rex lebt ihr auf dem Rücken eines kleineren Titanen, den er liebevoll Opa getauft hat und verdient euch eure Brötchen als Bergungstaucher. Als eines Tages ein verheißungsvoller Auftrag mit einer stattlichen Belohnung winkt, nimmt Rex das Angebot natürlich an. Doch was er auf dem geborgenen Schiff erlebt, ist ein Alptraum und sorgt dafür, dass sein Leben einen anderen Verlauf nimmt als er geplant hat. Denn mit Pyra, einer menschgewordenen Klinge an seiner Seite, ist er nun offiziell als Meister unterwegs und muss sich so einigen Abenteuern und gefährlichen Feinden stellen.

 

 

JRPG trifft MMO

 

Wer die Vorgänger von „Xenoblade Chronicles 2“ kennt weiß ungefähr, welches Kampfsystem ihn erwartet. Vorbei sind die Zeiten der rundenbasierten Kämpfe, in denen ihr zwischen dem Einsatz von Waffen oder Supportitems abwägen musstet, denn in diesem Spiel laufen Konfrontationen in Echtzeit ab. So schaltet ihr mit Druck auf den R-Button in den Kampfmodus und visiert einen Gegner an. Durch Druck von A startet ihr euren Standardangriff, der automatisch dreimal ausgeführt wird. Währenddessen könnt ihr eure Figur frei bewegen und so Attacken des Gegners ausweichen oder diesem in den Rücken fallen.

Durch erfolgreiche Attacken laden sich außerdem Spezialtechniken auf, die ihr nach und nach auf bis zu drei Stück ausbauen und mit Hilfe von Waffenpunkten aus Kämpfen trainieren und verbessern könnt. Diese sind besonders starke Rundumschläge oder ein Hakenangriff durch den Feinde Objekte wie KP-Kapseln fallen lassen. Ihr seht also, das Kampfsystem ist recht actionorientiert, bekommt aber nach einigen Stunden eine taktische Komponente.

 

Meister, bleib bei deiner Klinge!

 

Denn als Klinge verfügt Pyra über spezielle Fähigkeiten, die ihr durch Kernkristalle verbessern und erweitern könnt. Im Kampf solltet ihr immer in der Nähe eurer Klinge bleiben, dies wird durch einen Energiestrahl zwischen Rex und Pyra symbolisiert. Ist eure Beziehung besonders gut, werden auch die Angriffe stärker und nach vielen erfolgreichen Attacken könnt ihr so einen speziellen Klingenangriff auslösen. Damit dieser erfolgreich ist, müsst ihr ein kleines Quicktime-Event bestreiten, könnt dem Gegner aber einiges an Energie abziehen.

Weiterhin könnt ihr Feinde ins Schwanken bringen, in die Höhe schleudern oder zornig machen. Dann sind die Monster besonders anfällig für eure Attacken und können beim Einsatz der richtigen Technik richtig viel Schaden nehmen. Stichwort Technik: in eurer Party von maximal vier Leuten hat jedes Mitglied seine eigene Klinge, allerdings kann man ab Spielstunde 4 oder 5 auch mehrere Klingen mit sich tragen. Die Klingen stehen oft für ein bestimmtes Element, Pyra zum Beispiel für das Feuer. Also sollte man darauf achten, dass man mit ihr nicht gegen einen Kontrahenten mit einem Element kämpft, gegen das sie nichts anrichten kann, z.B. Wasser. Hier ist Taktik gefordert und dies verleiht dem Kampfsystem einen spannenden Twist!

Während des Kampfes sind recht viele Anzeigen auf dem Bildschirm zu sehen, das beginnt natürlich bei der HP- und Energieanzeige von euren Partymitgliedern und Gegnern, geht über die Statuswerte eurer Angriffe bis hin zu den Anzeigen für eure Klingen. Zu Beginn kann dies recht verwirrend wirken, dank guter Tutorials erklärt das Spiel aber wo was zu finden ist.

 

 

Harmonie ist letztlich (fast) alles

 

„Xenoblade Chronicles 2“ legt aber nicht nur Wert auf gute Taktik in den Kämpfen oder bessere Statuswerte, sondern auch auf die Beziehung zwischen euch und der Klinge. Die Harmonie dieser Partnerschaft wirkt sich letztlich auch auf die Wirksamkeit einiger Attacken aus, deswegen solltet ihr im Kampf immer schön in der Nähe eurer Klinge bleiben. Auch durch Gespräche oder durch das Erfüllen bestimmter Bedingungen in deren Harmoniering verbessert ihr die Beziehung zu eurer Klinge. Den Harmoniering kann man jederzeit im Charaktermenü anschauen und dieser erweitert sich z.B. durch das Erledigen einer bestimmten Menge Gegner oder dem Einsetzen bestimmter Techniken.

Eure Klingen sind außerdem immer bestimmten Klassen zugeteilt, die sich auch auf die Fertigkeiten eures Charakters auswirken. So gibt es Spezialisten für Angriff, Abwehr und Heilung. Auch dies bringt bei der Zusammenstellung eurer Party einen Taktikkniff ins Spiel.

Natürlich könnt ihr des weiteren eure eigene Figur auch aufleveln. Dies geschieht klassisch durch Erfahrungspunkte, die ihr im Kampf bekommt, aber auch durch den Harmoniering von Rex, Nia & Co. Dieser schaltet sich aber nicht durch das Erfüllen von Aufgabe XY frei, sondern hier müsst ihr die einzelnen Fertigkeiten mit Talentpunkten freischalten.

 

Da war doch was!

 

Natürlich dürfen allerlei Nebenaufgaben in einem waschechten Rollenspiel nicht fehlen. So vertreibt ihr euch die Zeit zum Beispiel mit Bergungstauchen, dem Füttern eines Tieres oder eben Kämpfen. Über Alrest verteilt bewegen sich nämlich allerlei Monster, die euch mal aggressiv gegenüber treten oder auch einfach ihre Ruhe wollen. Diese dienen euch je nach Level entweder als Kanonenfutter oder sind anspruchsvolle Gegner, die mit Vorsicht genossen werden sollten. In den Städten trefft ihr auf allerlei Charaktere, die euch entweder in ihren Läden etwas verkaufen wollen oder euch nach vermissten Bekannten suchen lassen oder gerne bestimmte Items von euch hätten. Gerade zu Beginn wirkt dies alles noch sehr generisch, wird aber mit höherer Spieldauer besser.

Spannend sind auch die Entwicklungsstufen der Städte, die sich durch das Erledigen von Aufgaben oder dem bloßen Sprechen mit Einwohnern verbessern. Durch deren Anstieg nehmen Händler z.B. neue Produkte in ihr Sortiment auf oder senken ihre Preise.

Da Alrest auf einem Wolkenmeer aufgebaut ist, solltet ihr auch den Wolkenpegel beachten, der euch je nach Stand den Zugang zu dem ein oder anderen Gebiet ermöglicht oder versperrt. Dieser Pegel ist wie die Tageszeit und das Wetter oben rechts eingeblendet.

An Sammelpunkten, die durch leuchtende Markierungen hervorgehoben sind, könnt ihr außerdem dringend benötigte Items sammeln. Je nach Talent eurer Klingenbegleitung kann das Loot auch besser ausfallen. Habt ihr zum Beispiel Pflanzenspezialist Dromarch dabei, fällt die Beute bei Pflanzen oder Obst wesentlich besser aus. Aber auch bei Hindernissen wie einem Baumstamm können euch die Fertigkeiten eurer Klingen nützlich sein.

 

 

Der Knackpunkt: die Technik!

 

Bisher gibt es bei „Xenoblade Chronicles 2“ sicherlich nicht viel zu kritisieren. Ärgerlich sind Sachen wie die unnütze Minimap, die man nicht ordentlich zoomen kann, aber damit kann man nach einiger Zeit leben. Die technische Seite wirkt sich da schon etwas auffälliger negativ aus. So ist das Spiel zwar im TV-Modus zu jeder Zeit flüssig, dafür leidet die Auflösung des Spektakels leider etwas unter der schwachen Hardware der Switch. Sicherlich ist das JRPG immer noch eines der schönsten Spiele für Nintendos Konsole, hat aber dann doch einige Schönheitsfehler wie Treppchenbildung oder matschige Texturen.

Ganz dick kommt es dann im Handheld-Modus in dem das Spiel abhängig vom jeweiligen Areal zu einem echten Pixelmatsch verkommen kann und weit von aktuellen Standards entfernt ist. Das ist schade, aber generell sollte man solch ein episches Rollenspiel auch hauptsächlich auf dem TV genießen.

Die Steuerung der Figuren ist direkt und geht gut von der Hand, auch die Belegung der Tasten ist sinnvoll gewählt und für die Kämpfe perfekt. Ganz großes Highlight ist die musikalische Untermalung von „Xenoblade Chronicles 2“. Was der Komponist hier aufgefahren hat, ist sensationell. Von verträumten Melodien während eurer Erkundungstouren bis hin zu Metal-Klängen in den Kämpfen, das ist wahnsinnig gut gemacht und zieht euch in die Welt von Rex und Pyra.

Was nicht so gefällt, ist die Synchro mit britischen Sprechern, die ihren Job zwar gut machen, aber nicht so recht zum japanischen Look passen wollen. Dank Add-on aus dem eShop kann man aber auch im japanischen O-Ton mit deutschen Untertiteln spielen. Wie in vielen AAA-Produktionen der letzten Zeit ist auch hier das Thema „lippensynchrone Vertonung“  anzusprechen. Diese klappt nämlich nur in 2/3 aller Fälle. Zum Thema Lokalisierung muss man auch sagen, dass Nintendo hier fast schon an den Charme vergangener Tage vom SNES anknüpft. Die deutsche Übersetzung ist sehr gut.

 

FAZIT: Kein Meilenstein, aber ein feines JRPG!

 

Auch wenn „Xenoblade Chronicles 2“ vermutlich der Kultstatus des Vorgängers verwehrt bleiben wird, ist das Rollenspiel ein sehr guter und spielenswerter Titel geworden. Neben der Story, die nur langsam in Fahrt kommt, aber einige echte Highlights zu bieten hat, sind vor allem die sympathischen Charaktere für den hohen Spielspaß verantwortlich. Denn auch wenn man einige Anime- und Manga-Klischees auspackt, verliert man sich nie zu sehr darin und bekommt wieder die Kurve zu spannenden und keineswegs oberflächlichen Figuren.

Hinzu kommen die packende Musik und die meist recht beeindruckende Grafik. Was gibt es also zu bemängeln? Neben der sehr schlechten Technik im mobilen Modus sind es Kleinigkeiten wie die Karte, die kaum zu etwas nützlich ist oder eben Unsauberheiten wie bei der Lippensychronität. Auch der Einstieg ist JRPG-typisch langwierig und so sieht man auch nach sechs oder sieben Spielstunden noch Tutorials für neue  Inhalte. Aber richtige Rollenspiel-Freunde dürfte dies kaum abschrecken und letztlich ist es ein Titel für diese, aber auch für Neueinsteiger, die gerne actionreichere Kampfsysteme in ihren Spielen haben. Und vor allem dieses muss man nochmal ganz explizit loben! Das Kampfsystem von „Xenoblade Chronicles 2“ ist sicherlich eines der Besten im Genre! Switch-Besitzer sollten also unbedingt zugreifen, denn sonst verpassen sie hier ein feines Rollenspiel mit tollen Charakteren!