L.A. Noire Complete Edition [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 25.11.2017 um 12:19

 

Umstrittenes Rockstar-Werk

 

Als im Jahr 2011 „L.A. Noire“ für PS4 und Xbox 360 erschien, rechneten viele Spieler damit, dass es sich quasi um ein „Grand Theft Auto“ in den 1940er Jahren handeln würde. Denn neben Ähnlichkeiten im Gameplay wie Autoverfolgungsjagden oder Schießereien war natürlich auch die Open World-Struktur der Vorzeigeserie von Rockstar Games  recht ähnlich.

Hinzu kamen filmreife Zwischensequenzen und eine hervorragende Abbildung der Mimik der Figuren, die durch aufwendige Motion Capturing-Aufnahmen möglich und ihrer Zeit damals sicherlich voraus war. Doch auch wenn das Spiel bei den Kritiken recht gut ankam, genießt „L.A. Noire“ bei weitem nicht den Kultstatus anderer Spiele des Entwicklers. Dennoch bekommen wir nun sechs Jahre nach dem Erstrelease eine Neuauflage spendiert, die für PS4, Xbox One und Nintendo Switch auf den Markt kommt. Wie gut das Spiel dabei gealtert ist, verraten wir euch in unserem Test.

 

Aufstieg eines Streifenpolizisten

 

In der Rolle von Cole Phelps verdienen wir uns unsere Brötchen im Los Angeles der 1940er Jahre mit einem Job als Streifenpolizist. Bereits im Zweiten Weltkrieg zeichnete er sich mit seinem Elan aus und brachte es auf der Karriereleiter weit nach oben und auch in seinem jetzigen Beruf kann er sich schnell einen Namen machen. So wird er schon nach einigen erfolgreichen Fällen zum Detective befördert und muss sich nun um die heftigeren Delikte kümmern als noch im Streifendienst. Als plötzlich wieder ein totgeglaubter Serienmörder sein Unwesen treibt, werden Cole zunehmend mehr Steine in den Weg gelegt. Die Korruption macht nämlich auch vor LAs Polizei nicht Halt.

 

 

Ermittlungsarbeit ist alles

 

Auch wenn es bei „L.A. Noire“ immer wieder einmal zu Actionsequenzen kommt, in denen ihr Verbrecher zu Fuß oder per Auto verfolgt oder euch Schießereien mit den Bösewichten liefert, im Grunde dreht sich im Spiel alles um die sorgfältige Ermittlungsarbeit am Tatort und dem Verhören von Zeugen und Verdächtigen.

Und hier kommen auch die aufwendigen Gesichtsanimationen ins Spiel, denn anhand der Mimik eures Gegenübers könnt ihr diese immer wieder einmal einer Lüge bezichtigen oder gar komplett überführen. Doch zunächst müsst ihr am Tatort oder am Wohnort des Verdächtigen auf die Suche nach Beweisen und Indizien gehen. Dank einem Jingle und einem auftauchenden Lupen-Symbol wisst ihr dann, dass ihr das Objekt näher betrachten könnt. Ist es nicht von Bedeutung, kommentiert dies Cole recht schnell. Nicht so, wenn das Objekt von größerer Wichtigkeit ist, oft verstecken sich Hinweise auf der Rückseite oder werden erst bei genauerer Betrachtung durch die Zoomfunktion klar. Diese Hinweise notiert sich Cole alle fein säuberlich in seinem Notizblock, ihr müsst euch also nicht alles merken.

Mit diesem Notizblock bewaffnet, geht es schließlich an das Verhör eures Verdächtigen oder eures Zeugen. Denn nicht nur vermeintliche Täter lügen euch gerne mal ins Gesicht, auch die Beobachter einer Tat neigen ab und an zum Dramatisieren. In den Dialogen habt ihr drei Auswahlmöglichkeiten, entweder seid ihr der gute oder der böse Cop oder ihr konfrontiert euer Gegenüber mit einer Beschuldigung, die ihr aber anhand eines Beweises auch begründen müsst. Sprecht ihr die Anschuldigung ohne plausible Gründe aus, kann es sein, dass der Täter bzw. der Zeuge die Aussage abbricht.

Oder doch Intuition?

 

Zugegebenermaßen ist die Ermittlungsarbeit in einigen Fällen recht komplex oder man übersieht gerne mal einen Hinweis, der die entscheidende Lücke füllt. Für solche Momente könnt ihr auf Coles Intuitionspunkte zurückgreifen, die ihr euch durch erfolgreiche Ermittlungen oder Nebenaufgaben erarbeitet. Denn steigt ihr im Rang auf, gibt es auch einen neuen Intuitionspunkt. Weiterhin schalten diese Aufstiege kleine Besonderheiten wie versteckte Fahrzeuge auf der Karte frei. Ursprünglich waren dadurch auch neue Anzüge mit speziellen Fertigkeiten erspielbar, diese sind in der neuen Fassung aber bereits zu einem Großteil vom Start weg ausrüstbar.

Neben dem Ermitteln und den Verhören, die wirklich einen Großteil des Spiels ausmachen, gibt es aber auch andere Polizeitätigkeiten. So bekommt ihr über Funk neue Fälle mitgeteilt, die ihr aber alle optional annehmen könnt. Diese reichen dann von Verfolgungsjagden zu Fuß bis hin zu Schießereien bei einem Überfall. Dabei fällt auf, dass vor allem Letztere sehr rudimentär sind und sich auch nicht besonders spannend spielen.

 

 

Klassische Open World?

 

Auch wenn sich die Entwickler bei „L.A. Noire“ viel Mühe gaben, das Flair der Stadt zur damaligen Zeit einzufangen, leidet das Spiel aber auch unter dem Open World-Aspekt. Denn allgemein wirkt die Metropole eher leblos und mehr wie eine Kleinstadt als eine Millionencity. So sind die Umgebungen schön modelliert und immer wieder könnt ihr kurz innehalten und euch besondere Spots anschauen, aber an Welten wie sie in „Red Dead Redemption“ oder „GTA IV“ erschaffen wurden, kommt „L.A. Noire“ zu keinem Zeitpunkt heran.

Gebäude könnt ihr außerdem auch kaum betreten, es sei denn sie sind mit einem goldenen Türknauf gekennzeichnet. Meist sind dies dann aber Häuser innerhalb einer Storymission. Neben goldenen Filmrollen könnt ihr außerdem etwas über ein Dutzend Zeitungen in L.A. finden, die euch eine kleine Nebengeschichte in Filmschnipseln erzählen. Die Neuauflage des Spiel stellt euch außerdem nicht nur das Hauptspiel zur Verfügung, sondern es sind auch alle drei DLCs mit an Bord. Somit kann man noch ein paar Missionen Umfang hinzurechnen.

 

Gut gealtert!

 

Was bei „L.A. Noire“ sofort auffällt, ist die recht gute Optik für einen sechs Jahre alten Titel. Die Mimik der Charaktere, die alle von echten Schauspielern dargestellt wurden, ist auch heute noch ein echter Hingucker, auf der PS4 Pro gibt es sogar 4K-Optik. Selten konnte man Gefühle anhand des Gesichtsausdrucks so deutlich erkennen wie in diesem Spiel. Manchmal wirken die Gesichter jedoch etwas zu groß für den Rest des Kopfes, hier musste man bei mancher Figur wohl einen Kompromiss eingehen, dass man die Mimik deutlich erkennt.

Wie oben schon beschrieben wurde L.A. zwar gut nachgebildet, wirkt aber sehr leblos. Auch wenn viele Autos auf den Straßen unterwegs sind oder man immer wieder Fußgänger am Wegesrand sieht, mit aktuellen Open World-Titeln kann „L.A. Noire“ nicht mithalten wenn es um die Lebendigkeit der Stadt geht.

Die Steuerung ist auch auf einem guten Niveau, viele Dinge wie Springen oder Klettern laufen aber weitestgehend automatisch ab, eigentlich muss man sich nur auf das Objekt zu bewegen und schon wechselt Cole in die entsprechende Aktion. Auch hier merkt man deutlich, dass die Actionszenen wohl nicht die höchste Priorität bei der Entwicklung hatten. Solltet ihr ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf sein, könnt ihr auf der PS4 übrigens jederzeit in einen Fotomodus wechseln, der euch erinnerungswürdige Augenblicke festhalten lässt.

Sehr schön ist die musikalische Untermalung gelungen, die die Stimmung der 1940er Jahre perfekt einfängt und mit jazzigen Tönen den Ohren schmeichelt. In wichtigen Szenen wird es musikalisch auch mal etwas dramatischer, das erinnert an alte Filme aus der gleichen Zeit. Immer wieder spannend sind die Dialoge mit eurem Partner während der Fahrten, lustiges Details am Rande: per Knopfdruck sagt euch dieser, wo ihr hinfahren müsst.

 

FAZIT:  Das etwas andere Rockstar-Spiel!

 

„L.A. Noire“ ist auch sechs Jahre nach seinem Release ein gutes Spiel, auch wenn es spielerisch nicht mit den Open World-Highlights wie „GTA“ oder „Red Dead Redemption“ mithalten kann. Doch im Vergleich zur Erstveröffentlichung weiß man heutzutage besser was man bekommt und so kann die ein oder andere Enttäuschung über das Fehlen von ausufernden Schießereien und unzähligen Nebenaktivitäten doch in Grenzen gehalten werden.

Denn es sind auch nicht die Actionsequenzen des Spiels, die es hervorstechen lassen, sondern die Ermittlungsarbeit, die es in dieser Form nur selten in Videospielen gibt. Auch wenn ihr einen Hinweis gefunden habt, müsst ihr eure grauen Zellen anstrengen, um richtig zu kombinieren und die entscheidende Beschuldigung auszusprechen. Daher ist „L.A. Noire“ kein Spiel für Nebenher, denn es verlangt viel Aufmerksamkeit von euch. Wie schon geschrieben, kann man dem Spiel auf der PS4 technisch kaum etwas ankreiden, der Begriff „filmreife Inszenierung“ kann hier definitiv verwendet werden.

Spannend ist auch der Fakt, dass man viele Fälle auf verschiedene Arten lösen kann. Verpasst man es zum Beispiel bei einer Befragung richtig vorzugehen, muss man unter Umständen einen Umweg über eine weitere Zeugenaussage nehmen. Das motiviert auch zum mehrmaligen Spielen von Missionen. Alles in allem kann man „L.A. Noire“ jedem empfehlen, der es damals verpasst hat. Es ist aber wie gesagt nicht der klassische Open World-Titel, den man von Rockstar Games gewöhnt ist. Eher ein Adventure mit gelegentlichen Actioneinlagen.