Wolfenstein II: The New Colossus [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 02.11.2017 um 11:10

 

Jahre lang im Widerstand

 

„Wolfenstein 3D“ war zu Beginn der 1990er ein Meilenstein in Sachen Videospielunterhaltung, definierte der Shooter doch nachhaltig das komplette Genre. Auch wenn das Spiel in Deutschland aufgrund seiner Darstellung von nationalsozialistischen Symbolen relativ schnell auf der Liste der beschlagnahmten Spiele gelandet ist, war es in aller Munde und auf so ziemlich jedem PC zu finden.

Der Erfolg brachte knappe zehn Jahre nach dem Release einen Nachfolger auf den Markt, richtigen Aufwind bekam die Serie aber erst im Jahr 2014 durch die Veröffentlichung von „Wolfenstein: The New Order“, das vor allem mit der Oldschool-Mechanik und dem schnörkellosen Gameplay überzeugte.

Nun kommt keine drei Jahre später der Nachfolger für die aktuelle Konsolen- und PC-Generation auf den Markt. Bereits im Vorfeld begeisterte „Wolfenstein II: The New Colossus“ mit den spaßigen Trailern und der tollen Grindhouse-Atmosphäre. In unserem Test verraten wir euch nun, ob das Game auch spielerisch mit dem Vorgänger mithalten kann und wie viel Spaß es macht, auf Nazijagd zu gehen.

 

BJ ist zurück!

 

Nach den Ereignissen aus „Wolfenstein: The New Order“ ist euer Held, BJ Blaszkowicz, ziemlich ramponiert und ist nicht mehr Herr über seinen Körper. Doch der Feind ruht nicht und so wird euer U-Boot, die Hammerfaust, von General Engel und ihren rücksichtslosen Schergen angegriffen. Nach einem ereignisreichen Ausflug auf ihr Luftschiff und einigen schmerzlichen Verlusten, schwört BJ Rache und will zusammen mit dem amerikanischen Widerstand das Regime ein für allemal stürzen. Diese Reise bringt euch nicht nur in das verstrahlte New York, auch ein Abstecher nach Roswell steht auf dem Programm. Gleichzeitig muss sich BJ auch mit seiner Vergangenheit konfrontieren, die vor allem seine problematische Beziehung mit seinem Vater thematisiert.

 

 

Nieder mit dem Regime!

 

Alle Fans von klassischen, schnörkellosen Shootern kommen bei diesem Spiel definitiv auf ihre Kosten. So habt ihr zwar auch die Möglichkeit, eure Gegner per Schleichattacke auszuschalten, aber der offensive Gebrauch eures Ballermanns macht dann doch wesentlich mehr Spaß. Für die Beseitigung der Nazi-Schergen habt ihr nicht nur konservative Mittel wie Granaten, ein Beil, eine MG oder Pistolen, das sogenannte Laserkraftwerk verschießt elektrische Ladungen und ist besonders gegen die dick gepanzerten, mechanischen Feinde unverzichtbar. Im Akimbostil seid ihr beidhändig bewaffnet und ballert euch so durch die Nazischergen wie damals Chow Yun Fat in „Hard Boiled“.

Besiegte Gegner hinterlassen dabei allerlei nützliche Sachen wie Munition, Rüstungs- oder Energiepakete, die ihr einsammelt indem ihr darüber lauft oder sie mit einem Druck auf den Quadrat-Button aufnehmt. Neben menschlichen Feinden stellen sich euch immer wieder auch mechanische Wesen oder Hunde gegenüber, Vorsicht ist besonders bei den Kommandanten geboten. Denn diese können einen Alarm auslösen und sorgen so für Horden an Feindes-Nachschub.

 

Vom Sammeln und Leveln

 

Vom Kern her ist „Wolfenstein II: The New Colossus“ oldschool, aber dennoch haben sich einige moderne Spielmechaniken in den Shooter verirrt. So findet ihr fast überall sammelbare Items wie Schallplatten, Spielzeug oder Starkarten. Diese Objekte sind ganz nett, bringen das Spiel aber nicht unbedingt voran und hätten auch weggelassen werden können. Auch wenn Dinge wie Konzeptskizzen ab und an ganz nett anzuschauen sind, nimmt das Suchen nach den Sachen die Schnelligkeit aus dem Spiel.

Statt Erfahrungspunkte für eure Spielfigur zu bekommen, verbessert ihr BJ durch die Vorteile. Diese schalten sich nach und nach für die Erledigung bestimmter Aufgaben frei. So müsst ihr zum Beispiel eine bestimmte Anzahl an Kopfschüssen verteilen, Gegner mit einem Überraschungsangriff überwältigen oder mechanische Feinde erledigen. Das wirkt etwas frischer wie das bloße Verteilen von Fähigkeitspunkten und zwingt euch, wenn ihr möglichst viel freischalten wollt, zum variantenreichen Spielen.

Eure Waffen könnt ihr außerdem mit Sachen wie größeren Magazinen oder Zielfernrohr verbessern, hierfür benötigt ihr Upgradekits, die ihr in den Levels findet. Später im Spiel könnt ihr euren Körper außerdem mit Mods wie der Donnerfaust ausstatten.

Die Hintergrundgeschichte um das besetzte Amerika und den Sieg des Regimes könnt ihr dank zahlreicher Unterlagen im Spiel nach und nach erlesen und dies zeigt, wie viel Gedanken man sich zum „Wolfenstein“-Universum gemacht hat.

 

 

Keine Schönheit, aber stilistisch sicher

Zugegebenermaßen ist „Wolfenstein II: The New Colossus“ sicherlich kein Augenschmeichler wie die „Uncharted“-Serie oder „Battlefield 1“. Aber der Stil wirkt insgesamt gesehen sehr rund und stimmig. Vor allem die Designs der Rüstungen, der Mechs und so manches Levels ist wirklich toll und lässt den Spieler ab und an staunen. Vor allem Roswell mit seiner lebhaften Bevölkerung und allerlei netten Details ist super geworden. Manchmal kommen Erinnerungen an die „Fallout“-Serie auf.

Grafikfehler traten zu keinem Zeitpunkt auf, auch Ruckler oder ähnliche Probleme kamen nie vor. Dennoch ärgerte man sich hin und wieder über Stellen an denen BJ einfach an einem winzigen Hindernis oder in engen Stellen hängen blieb. Dies passierte zum Glück kaum während Kämpfen, war aber doch recht störend.

Die Musik setzt das Spiel sehr spärlich ein, aber spätestens zu Kampfsequenzen wird der treibende Soundtrack perfekt zum Gameplay abgespielt und unterstreicht die Action. Auch die Soundeffekte der Waffen klingen hervorragend. Die deutsche Synchro kann man nur loben, auch wenn es vor allem gegen Ende einige Szenen gab, in denen keine Mundbewegungen bei den Figuren zu sehen waren und das trotz Dialog.

Was aber ziemlich häufig negativ ins Auge stieß waren die schlampigen Übergänge von Spiel zu Videosequenz. Denn da stoppt das Game so plötzlich und lange, dass man beim ersten Mal noch an einen Absturz dachte. Hätte man etwas schicker lösen können.

 

„Inglorious Basterds“ als Videospiel

 

Bereits Quentin Tarantino machte in seinem Film aus dem Jahr 2009 deutlich, wie viel Spaß die Nazijagd in einem grindhousigen Flair doch machen kann. Auch wenn in der offiziellen deutschsprachigen Version von „Wolfenstein II: The New Colossus“ nie offiziell von den Schergen des Dritten Reichs gesprochen wird und dieses als Das Regime bezeichnet wird, weiß man natürlich wer hier gemeint sein soll.
Und natürlich wird das braune Gesocks ordentlich durch den Kakao gezogen und bekommt ordentlich sein Fett weg. Doch auch ernste Themen wie der Holocaust werden angedeutet, wenn auch nie richtig benannt. Nationalsozialistische Symbole sind natürlich nicht enthalten und werden durch spiel-eigene Embleme ausgetauscht.

Wie auch schon Tarantinos Werk besticht „Wolfenstein II“ mit seinem Augenzwinkern und den Charakteren, die so auch aus einem Grindhouse-Film stammen könnten. Ob es der etwas kindliche Max Hass, die Revolutionsführern Grace oder Fergus, der ein dickes Problem mit seiner widerwilligen Armprothese hat, ist, alle Figuren könnte man so auch in einem Film dieses Genres finden. Und einige Ideen sind dann schon wieder so bekloppt, dass sie einen mit einem Kopfschütteln vor dem TV sitzen lassen.

 

 

FAZIT: Jetzt gibt’s auf die Fresse, Nazi-Pack!

 

„Wolfenstein II: The New Colossus“ weiß eigentlich in allen Belangen zu gefallen. Neben der sehr ordentlichen Optik, die stimmig zum Thema und rundum rund wirkt, sind es aber vor allem das schnörkellose Gameplay und die grandiose Inszenierung des Spiels, die überzeugen können.

So wirkt es in Zeiten von Umfangsmonstern wie dem neuen „Mittelerde“ oder Ubisofts Open World-Spielen einfach erfrischend und verlockend, bei einem Game nicht unzählige Nebenaufgaben erledigen zu müssen. Zwar hätten auch hier die Sammelobjekte nicht sein müssen, diese werden aber bei dem ein oder anderen doch noch einmal für einen erneuten Spieldurchlauf und so das Verlängern der Spielzeit sorgen.

Auch die Steuerung wirkt zu keinem Zeitpunkt überbelegt, hier reduzierte man den Inhalt wirklich auf das Nötigste. Ein weiteres Lob verdient die liebevolle und detailreiche Inszenierung, die so selten in einem Egoshooter Verwendung findet. Toll!

Viel kritisieren kann man an dem neuen „Wolfenstein“-Titel nicht wirklich. Auf der einen Seite gibt es einige technische Schlampereien wie das unnötige Hängenbleiben oder die abrupten Enden beim Übergang in eine Videosequenz, auf der anderen Seite sind die Gegner nicht sonderlich vielfältig. Auch Bosskämpfe sucht man vergebens. Wer auf der Suche nach einem spaßigen und schnörkellosen Shooter ist, wird bei „Wolfenstein II: The New Colossus“ fündig. Multiplayer-Freunde schauen übrigens in die Röhre.