Gran Turismo Sport [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 25.10.2017 um 19:35

 

Rennserie mit Stil

 

Der Name „Gran Tursimo“ lässt Fans sofort an Motoröl, verbrannten Gummi und Bezinduft denken und steht für eine Rennspiel-Serie mit einer gut zwanzigjährigen Tradition.

Schon zu Zeiten der PSone stand man für eine realistische Abbildung des Rennsports, vor allem die detailgetreue Nachbildung der enthaltenen Boliden und die vielen Einstellungsmöglichkeiten am Auto konnten dabei überzeugen. Eines der Hauptmankos der Serie war aber schon immer Serienschöpfer Kazunori Yamauchi selbst. Zwar bringt er einen unglaublichen Fanatismus für Autos mit in die Entwicklung, verliert sich aber oft so sehr in Details, dass es bisher nur offiziell sieben Serienteile gibt. Vor allem Teil 5 quälte die wartenden Fans mit unzähligen Verschiebungen.

Mit „Gran Turismo Sport“, dem siebten Ableger, ändert die Reihe nun ihren Fokus hin zu kompetitiven Onlinerennen und weg vom einsamen Offlinespiel. Ob dies funktioniert, verraten wir euch in unserem Test.

 

GT Mode ade!

 

Der auffälligste Punkt bei „Gran Turismo Sport“ ist also das Fehlen eines umfangreichen Modus’ wie dem GT Mode zu früheren Zeiten. Zwar gibt es eine Kampagne, die sich aber deutlich von anderen Einzelspieler-Erlebnissen unterscheidet. So ist diese in drei Unterkategorien aufgeteilt und zwar in Fahrschule, Missionen und Streckenerfahrung.
In Ersterer absolviert ihr unterschiedliche Aufgaben wie Bremstests, Kurvenfahrten oder Beschleunigungstests und werdet je nach Abschneiden mit einer Gold-, Silber- oder Bronzebewertung belohnt. Nach einer gewissen Anzahl an Aufgaben bekommt ihr als Belohnung sogar ein Auto. Dies kennt man schon aus den Vorgängern, in denen man dank dieser Fahrprüfungen die jeweiligen Lizenzen für die verschiedenen Serien bekam.

Die Kategorie Missionen stellt euch unterschiedliche Aufgaben wie eine bestimmte Anzahl von Autos zu überholen oder Pylonen umzufahren. Dies ähnelt stark einigen Fahrschultests, ist aber umfangreicher.

Zuletzt gibt es dann noch die Streckenkenntnis-Kategorie, in der ihr bestimmte Kurven und Ecken von vorgegebenen Kursen zu meistern lernt. Habt ihr alle Einzelherausforderungen geschafft, müsst ihr die Strecke am Stück fahren und das Erlernte gleich umsetzen.

 

 

Herzstück Online

 

Doch im Grunde solltet ihr als Käufer von „Gran Turismo Sport“ mindestens PS Plus-Mitglied als auch ein Freund von Onlineduellen sein. Denn darauf zielt das komplexe Training letztlich ab. Die Perfektion eurer Fahrkünste um gegen andere Fahrer aus Fleisch und Blut zu bestehen.

Den Anfang macht man hier mit zwei Videos, die dem Möchtegern-Schumi zunächst einmal den Sportgeist des Rennfahrens näher bringen. Im Detail heißt das: kein Drängeln, Überholen lassen und keine absichtlichen Kollisionen. Denn ein Sportsmann verzichtet lieber auf den Sieg im Rennen als seinen Kontrahenten zu gefährden. Auch aus diesem Grund bestraft „Gran Turismo Sport“ unrühmliches Verhalten auf der Strecke mit saftigen Zeitstrafen und ist so also nichts für den grobschlächtigen Rennfahrer, der sich sonst seinen Weg durch die Gegner rammt.

Die Rennen starten dabei aktuell in einem Zeitfenster von zwanzig Minuten, seid ihr eher am Start könnt ihr in der Zwischenzeit im Qualifying eine bestmögliche Zeit rausfahren. Kommt ihr also ungelegen, kann es sein dass ihr relativ lange bis zum eigentlichen Rennstart warten müsst.

Neben normalen Rennen werdet ihr zu festgelegten Zeitpunkten im Jahr auch offizielle FIA-Meisterschaften fahren können. Zugelassen werden dazu allerdings nur die Besten der Besten, können am Ende einer Saison aber richtig dicke Preise gewinnen.

Während unserer Testphase funktionierte der Onlinemodus gut, allerdings fällt während der Rennen auf, dass sich manche Fahrzeuge recht abgehakt über den Kurs bewegen. Irgendwie seltsam wirkt die Entscheidung Fahrzeuge beim Kollidieren durchlässig zu machen, d.h. bevor ihr richtig auf den Vordermann auffahrt, wird dieser durchsichtig und ihr fahrt durch ihn hindurch. Für diesen „Unfall“ gibt es dann aber auch eine Zeitstrafe. Bei kleineren, rennüblichen Kollisionen setzt diese Funktion aber nicht ein.

 

Belohnungen wo das Auge hinsieht

 

Dass man in der „Gran Turismo“-Serie mit Credits, der Ingame-Währung des Spiels bezahlt, ist nichts Neues. Doch für den neuesten Teil haben sich die Entwickler ein noch umfangreicheres Belohnungssystem einfallen lassen. So erhaltet ihr außerdem Erfahrungspunkte, die sogenannten Meilen und erhöht euren Gesamttacho mit jedem gefahrenen Meter.

Die Meilen sind eine weitere Währung mit der ihr im Ingame-Shop Felgen, weitere Autos oder Lackierungen bzw. Aufkleber kaufen könnt. Für die gefahrene Gesamtstrecke gibt es jeden Tag ein vorgegebenes Ziel, das bei Erreichen mit einem neuen Auto belohnt wird.

Durch das Aufsteigen in der Stufe mit den Erfahrungspunkten bekommt ihr zum Beispiel nach und nach neue Strecken für den Arcademodus oder neue fahrbare Untersätze. Außerdem gibt es bestimmte Spielziele, z.B. „Verbrauche 100 Liter Sprit“ die auch mit XP und Boni belohnt werden. Das Spiel hält einen mit den ganzen Belohnungen also ordentlich bei der Stange und motiviert so jeden Tag zum Spielen. Auch solo!

 

 

Autoporno

 

„Gran Turismo“ konnte schon immer die Autos ins perfekte Licht setzen und so ist auch der neueste Teil ein unglaublich guter Autoporno. Jedes noch so kleine Detail an den Lüftungsschächten, den Felgen oder den Lichtern wurde bedacht, außerdem ist die Beleuchtung des Spiels zu jeder Zeit so gut, um die Kurven und Formen der Wägen perfekt in Szene zu setzen.

Dabei bleibt der Gesamteindruck genauso steril wie auch schon bei den Vorgängern, viel Dreck oder gar ein umfangreiches Schadensmodell sucht man vergebens. Das Höchste der Gefühle sind ein paar Beulen und Kratzer im Lack. Manche der Strecken sind ziemlich öde was das Drumherum betrifft, dafür gibt es aber einige Kurse mit wunderschönen Szenerien, die zunächst an reale Aufnahmen denken lassen.

Passend zu der makellosen Präsentation der Autos gibt es auch einen Fotomodus namens Scapes. In diesem könnt ihr euer Auto in einer von unzähligen Kulissen posieren lassen und mit allerlei Effekten verschönern. Dank einiger Kameraoptionen kommen hier auch Hobby-Fotografen voll auf ihre Kosten.

Auch wenn man es bisher gewohnt war mehrere hundert Autos in „Gran Turismo“ steuern zu können, kann man die Reduktion auf ca. 150 Autos eigentlich verschmerzen. Natürlich könnten ein paar mehr Straßenautos mehr dabei sein, aber eigentlich ist die Mixtur aus Supersportlern, Rallyautos, Conceptcars und den angesprochenen Otto-Normal-Wägen recht ausgewogen.  Lobenswert sind die ganzen Infos, die man zu den Autos und Firmen zusammengetragen hat. Schon damit kann man sich stundenlang beschäftigen.

 

Seid eine Gemeinschaft!

 

Neben den Onlinerennen hat „Gran Turismo Sport“ noch weitere Online-Features. So könnt ihr mit der Community sämtliche Erfolge teilen, ein umfassendes Fahrerprofil ist jederzeit abrufbar.

Außerdem könnt ihr die geschossenen Fotos mit Anderen teilen und bewerten lassen, weiterhin kann man sogar selbst gestaltete Lackierungen und Designs der Autos hochladen. Schon nach kurzer Zeit waren unglaublich gut gemachte Autodesigns am Start. Leider kann man die Lackierungen noch nicht herunterladen.

Neben den umfangreichen Einstellungen an den Fahrwerken und Motoren kann man am Auto selbst keine Änderungen mehr vornehmen. Das Austauschen der Felgen bzw. das Umlackieren und die Verzierung mit Aufklebern ist dabei das Höchste der Gefühle. Dabei darf man nie vergessen: „Gran Turismo Sport“ ist ein Onlinespiel. Es wird alles über das Netz gemacht, selbst die Speicherstände werden online abgelegt. Ohne Verbindung zum Internet kann man nur den Arcademodus nutzen und muss so auf viele Features verzichten.

 

 

Hochglanzlack!

 

Generell muss man die Präsentation von „Gran Turismo Sport“ sehr loben. Zwar ist sie weitaus weniger theatralisch als die eines „Forza Horizon 3“, aber das hat etwas ganz Besonderes für sich. So stimmt schon der mit Piano-Musik unterlegte Vorspann darauf ein, dass es im Spiel um etwas anderes als besonders schnelles Fahren geht. Es geht um den Sport Rennfahren.

Auch wenn einige Menüs recht verschachtelt wirken und die Navigation manchmal etwas hakelig ist, überzeugt die Optik mit Schlichtheit und Eleganz.  Bei der Musik hat sich die Serie kaum verändert. Immer wieder wechseln sphärische Elektroklänge mit rockigeren Sounds ab, manch eine Rennuntermalung ist aber so 1997, dass es schon fast weh tut. Zwar verfügt das Spiel über unzählige Tracks, so dass man wirklich selten eine Nummer zweimal hört, aber auf diese „Retro“-Klänge hätte man verzichten können. Die Motorensounds sind wie bei den vergangenen Teilen auch diesmal wieder besser geworden, jedes Auto hat so seinen individuellen Klang.

Kleines technisches Manko: auf der regulären PS4 kämpft das Spiel mit ziemlich schlechter Kantenglättung, auf der PS4 Pro soll dies wesentlich besser sein. Auch die Ladezeiten sind teils viel zu lang, vor allem zwischen den verschiedenen Tests in der Fahrschule.

 

FAZIT: Anders, aber trotzdem gut

 

Erst kürzlich testeten wir Microsofts Pracht-Rennerei „Forza Motorsport 7“, welches auch dank seiner Optik, aber auch wegen dem tollen Umfang eine recht gute Bewertung bekam. Nun kommt mit „Gran Turismo Sport“ ein weiteres Rennspiel um die Ecke, das allerdings so viel anders macht und dabei trotzdem mindestens ebenbürtig ist. Auch wenn der Umfang nicht mit Turn 10s Vorzeigeserie mithalten kann – weitere Autos sollen aber per DLC folgen – und man als Offlinespieler eigentlich nichts mit Polyphonys neuestem Werk anfangen kann, ist der PS4-Renner dennoch ein sehr gutes Spiel geworden.

Dies beginnt bei der nach wie vor großartigen Spielbarkeit des Titels, geht über die grandiose Präsentation der Autos und endet schließlich bei dem runden Gesamtbild. Natürlich ist der Umfang für Solospieler etwas begrenzt, aber wenn man nur ein kleines bisschen Liebe für seinen vierrädrigen Freund in der Garage übrig hat, wird man die Passion verstehen, die hinter dem Titel steht. Unverständlich ist die wirklich sehr karge Implementierung von PlayStation VR. So kann man zwar Rennen mit der VR-Brille fahren, allerdings nur im Arcademodus und nur mit zwei Fahrzeugen auf der Strecke. Da hätte Sony für einen hauseigenen Titel wirklich mehr draus machen können. Und wenn es nur ein Modus wäre, in dem man sich in die Autos setzen kann oder um die Wägen herumgeht. Echt schade!