Mittelerde: Schatten des Krieges [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 18.10.2017 um 11:07

 

Der Herr der Spiele

 

Mit der Verfilmung der „Der Herr der Ringe“-Bücher durch Peter Jackson erlangte die Reihe einen unglaublichen Schub in der Beliebtheit bei Fantasy- und Filmfans weltweit. Dass dies natürlich auch einige Versoftungen nach sich zog verwundert dabei nicht und so sah man vor allem zur Mitte der 2000er Jahre eine wahre Flut an Spielen, die sich mit Mittelerde, Orks und Hobbits auseinandersetzte.

Als der Hype schon wieder etwas am Abklingen war, überraschte Warner Bros. Interactive im Jahr 2014 mit dem Spiel „Mittelerde: Mordors Schatten“, welches trotz Kritik, dass es sich die meisten Spielmechaniken bei Titeln wie „Assassin’s Creed“ oder „Batman Arkham“ geliehen hätte, ordentliche Verkaufszahlen einfuhr.

Auch wegen mangelnder Konkurrenz durch andere Games wurde der Titel letztlich zu einem der bestverkauften des Jahres und so verwundert es nicht, dass es nun mit „Mittelerde: Schatten des Krieges“ eine Fortsetzung in die Regale geschafft hat.

 

Tolkien wäre not amused

 

In der Form des eigentlich schon verstorbenen Waldläufers Talion zieht ihr auch diesmal wieder durch Mittelerde und profitiert von den übersinnlichen Kräften, die euch der Geist von Celebrimbor verleiht. Dieser schmiedete einst den Einen Ring, der im Kampf gegen Sauron zu dessen Vernichtung beitragen sollte.

Aufgrund der erneut aufkeimenden Gefahr beschließt euer Duo letztlich, dass es am Klügsten wäre, einen neuen Ring zu schmieden, um Sauron nun ein für allemal zu vernichten. Doch nicht nur das magische Fingerkleid soll in diesem Kampf helfen, auch auf die Unterstützung der Orks zählt Talion wieder verstärkt.

 

 

Meucheln, Klettern, Unterwerfen

 

In Sachen Gameplay unterscheidet sich „Mittelerde: Schatten des Krieges“ nicht sonderlich vom Erstling. Noch immer schlagt ihr euch durch Unmengen von Orks und anderen Kreaturen, die euer Leben wollen und setzt hier und da auch auf eure übersinnlichen Kräfte, die euch Celebrimbor verleiht.

Wie in den „Batman Arkham“-Spielen schwört das Spiel hier auf ein flüssiges Kampfsystem, das dank einiger Variationen wie Konterangriffen, Betäubung oder Überspringen des Gegners zu einem wahren Rausch führen kann und den Kombozähler in die Höhe treibt.

Die Kräfte Celebrimbors verleihen euch nicht nur eine hohe Schnelligkeit oder übermenschliche Kletterfähigkeiten, dank ihm könnt ihr außerdem Energie aus Feinden oder herumlaufenden Ratten saugen oder ihr schickt seinen Geist los, um Feinde hinterrücks zu meucheln oder ein Feuer zum Explodieren zu Bringen. Aber auch auf die Umwelt solltet ihr dabei achten, so könnt ihr ab und an die Kontrolle über Wesen wie Graugs übernehmen, dank denen ihr die kleinen Orks wie Fliegen zerklatscht.

Wer es gerne etwas lautloser hat, der kann sich auch durch die Gegenden von „Mittelerde: Schatten des Krieges“ schleichen, allerdings lässt die Mechanik einiges an Feintuning vermissen und ist sehr rudimentär.

 

Loot, Loot, Loot

 

Das aktuellste Spiel aus dem Tolkien-Universum legt neben den Kämpfen mit unzähligen Gegnern den Fokus auch auf verschiedenwertiges Loot, welches die Feinde, besonders die Hauptmänner nach ihrer Niederlage euch überlassen.

Dabei ist auch dieses wieder in unterschiedliche Seltenheitsstufen und Stärkelevels aufgeteilt, stärkere Gegner oder das Absolvieren besonderer Missionen belohnen euch also auch mit besserer Beute. Dieses System ist in Kategorien wie Schwert, Bogen, Rüstung oder Schleichmechanik unterteilt, doppelte oder schwächere Gegenstände lassen sich dabei vernichten und zu Gold machen.

Dieses Gold ist auch dringend benötigt, so könnt ihr damit nämlich die jeweiligen Juwelenplätze erwerben, die es euch erlauben, euer Schwert, die Rüstung oder den Bogen mit einem Bonus zu verbessern.  So könnt ihr nicht nur mehr Schaden anrichten, auch die Chancen, dass Gegner etwas Besonderes fallen lassen, steigen durch den Einsatz der Juwelen.

 

 

 

Ich bin unbesiegbar!!!

 

Neben den unterschiedlichen Waffen, Rüstungen und Boni durch Juwelen sind natürlich auch die levelbaren Fähigkeiten unverzichtbar in „Mittelerde: Schatten des Krieges“. Durch die gewonnenen XP nach erledigten Aufträgen oder besiegten Hauptmännern, bekommt ihr für jeden Levelaufstieg nämlich einen Fähigkeitenpunkt, den ihr in eure Skills investieren könnt. So könnt ihr eure Fertigkeiten im Nah- bzw. Fernkampf, beim Reiten von Tieren oder bei den Geistkräften aufbessern.

Letztere erweitert ihr aber auch durch die Missionen, in denen ihr Erinnerungen von Celebrimbor nachspielt. So erlangt ihr zum Beispiel auch die Fähigkeit mit jedem hinzugefügten Schaden Energie in eurer Leiste für die Elfenattacke zu bekommen. Ist diese einmal voll, könnt ihr durch Druck auf L3 und R3 einen besonders mächtigen Angriff auslösen.

Nach und nach erlangt ihr so unzählige Kräfte, die euch zum ultimativen Superhelden von Mittelerde macht. Weiterhin besitzt ihr noch die sogenannte Fokus-Energie, die ihr zum Beispiel beim Zielen mit dem Bogen in Slowmotion oder beim Sprinten mit der Elfenkraft aufbraucht. Diese Energie lädt sich nach einiger Zeit wieder automatisch auf.

Wie schon von „Batman Arkham“ bekannt, kann man durch Druck auf L1 übrigens in die Geisterwelt übertreten, in der ihr nicht nur alle interaktiven Objekte in eurer Umgebung seht, sondern die euch auch alle Feinde zeigt. Wichtig ist diese auch beim Markieren der mächtigen Ork-Anführer.

 

Eine Armee müsst ihr sein!

 

Und beim Stichwort Ork-Anführer kommen wir auch zu dem Feature, welches „Mittelerde: Schatten des Krieges“ so besonders und einzigartig macht, dem Nemesis-System. So müsst ihr euch nämlich vorstellen, dass in jedem der fünf Gebiete eine Armee an Orks über das Land herrscht und diese von vielen verschiedenen Hauptmännern, Kommandanten und schließlich auch einem Anführer regiert wird. Und dieses Geflecht gilt es zu zerstören. So könnt ihr ganz unten anfangen und euch nach und nach zum obersten Ork durchkämpfen. Dies geschieht meist in den Schlachten um bestimmte Festungen.

Wie ihr den jeweiligen Ober-Orks entgegentreten müsst, verraten euch sogenannte Informanten, die ihr mit euren Geisterfähigkeiten verhören müsst. Manche sind anfällig gegen Feuer oder haben Angst vor bestimmten Kreaturen. So ergeben sich viele unterschiedliche Charaktere, die auch jeweils ihren eigenen Spruch für euch bereithalten.

Um im Kampf gegen Sauron zu bestehen, braucht ihr natürlich auch die Hilfe der verschiedenen Orkstämme und könnt so den Anführer auf eure Seite ziehen. Dieser hilft euch aber auch in künftigen Kämpfen und bei der Eroberung anderer Ork-Festungen. Aber Achtung: besiegt euch einer der Hauptmänner oder Anführer, kann dieser dadurch noch stärker werden und noch mehr Einfluss über seine Mit-Orks erlangen. Ebenso kann es passieren, dass ein Ork sich für den Tod eines anderen an euch rächen will. Die Orks sind dabei immer in unterschiedliche Level eingeteilt, so dass ihr gleich seht, ob es sich lohnt sich mit ihm anzulegen. Oft sind die Orks auch einfach feige und fliehen nach der Hälfte des Kampfes.

 

Zeitvertreib deluxe!

 

Doch dies war weitaus noch nicht alles, was das neue „Mittelerde“-Spiel für euch bereithält. Neben den normalen Storymissionen gibt es allerlei Dinge in den Gebieten zu erledigen. So findet ihr die obligatorischen Türme im Spiel wieder, auf denen ihr den Haedir reinigen müsst und anschließend per Minigame interessante Punkte in der Umgebung markiert. An diesen gilt es dann zum Beispiel eine Elfeninschrift zu entziffern, dessen Wortlaut ihr später für das Komplettieren eines Gedichts braucht. Außerdem gibt es verschiedene Missionen, in denen ihr zum Beispiel gefangene Menschen befreien müsst oder einen Ork-Hauptmann in einen Hinterhalt hockt. Spielerisch ist dies allerdings nicht so abwechslungsreich wie es gerade klingt.

 

 

Grafik so hässlich wie ein Ork

 

Auch wenn „Mittelerde: Schatten des Krieges“ technisch kaum Mängel hat, muss man sicherlich über die grafische Qualität sprechen. Denn auch wenn man lange nach groben Texturen oder kantigen Polygonen Ausschau halten muss, sind einige Charakterdesigns alles andere als hübsch und zeitgemäß. Und auch wenn es wohl der Vorlage und dem Universum geschuldet ist, aber die Umgebung ist einfach trist und meist ohne wirkliche Highlights. Manchmal wird dies durch einige grüne Fleckchen oder nette Effekte aufgehübscht, aber alles in allem enttäuscht die Optik dann doch. Sicherlich musste man bei der Entwicklung einen Kompromiss aus Massenszenen und Detailhöhe finden, das muss man definitiv beachten.

Auch passen viele Sachen im User Interface optisch nicht ganz zum „Mittelerde“-Universum und wirken zu modern. Dies gilt vor allem auch für die Hinterlassenschaften von Gegnern in Form von Geld, Waffen oder Rüstungen.

Auf der technischen Seite gibt es einen groben Schnitzer und dieser ist die schwammige Steuerung. Durch die Doppelbelegung von Springen und Sprinten kam es immer wieder zu unfreiwilligen Absprüngen von Mauern und auch das Bewegen von A nach B geriet so manchmal zu einer ärgerlichen Angelegenheit.

 

FAZIT: Tolles Kampfsystem, alles andere stark verbesserungswürdig

 

Auch wenn man das gelungene Kampf- und das einzigartige Nemesissystem loben muss, krankt „Mittelerde: Schatten des Krieges“ doch an vielen Ecken. Dies beginnt beim eintönigen Gameplay, welches schon nach zwei bis drei Stunden als repetitiv wahrgenommen werden kann und kaum Abwechslung bietet. Neben kleinen Ärgernissen wie keiner ersichtlichen Speicherfunktion und unliebsamen, da nicht mehr zeitgemäßen Quick Time Events in Kämpfen, nervt weiterhin die Dummheit der KI-Gegner, die euch erst relativ spät sehen und nicht mitbekommen, wenn ein Kollege fünf Meter neben ihnen gerade mit euch kämpft. Für Tolkien-Freaks sind sicherlich auch Abweichungen vom Original-Universum ärgerlich wie das Schmieden einen neuen Rings oder dass die Spinne Kankra plötzlich in Form einer verführerischen Frau auftritt. Gäbe es da nicht genug andere, erzählenswerte Geschichten, die näher am Ursprung sind?

Letztlich verhagelt einen dann noch die schwammige Steuerung und die durchschnittliche Optik des Spiels dann komplett die Lust darauf. Hat man Teil 1 noch die vielen Anleihen aus anderen Serien verziehen, ist „Mittelerde: Schatten des Krieges“ leider nur ein unnötiger zweiter Teil. Lootboxen gegen Echtgeld gibt es im Spiel-internen Shop übrigens auch, zum Glück benötigt ihr solche aber nicht für das Erfolgreiche Beenden des Spiels. Schon an der Länge des Test sieht man außerdem wie viel in dem Spiel steckt. Wie auch andere aktuelle Open World-Spiele krankt das neue „Mittelerde“ auch daran, dass es ständig neue Nebenmissionen und Suchaufgaben freischaltet. Es erschlägt einen quasi damit. Wer Teil 1 nicht gespielt hat und Lust auf stumpfe Action mit viel sammelbarer Beute hat, wird sicherlich glücklich mit dem Spiel. Innovativ und etwas besonderes ist es aber sicherlich nicht.