Prey [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 11.05.2017 um 09:51

 

Indianer im Weltraum

 

Im Jahr 2006 erschien mit „Prey“ ein SciFi-Shooter, der vor allem durch sein etwas ungewöhnlicheres Setting auffiel. Denn in der Rolle des Indianers Tommy musstet ihr die Bedrohung durch Aliens mit Hilfe eurer indianischen Wurzeln eindämmen. Dank guter Wertungen verwundert es auch nicht, dass ein zweiter Teil in Arbeit war, der auf der E3 2011 auch schon erstmals vorgestellt wurde. Doch was dann folgte, war ein jahrelanger Irrweg und endete im Jahr 2014 letztlich mit der Einstellung durch Publisher Bethesda, der die Rechte an der Serie 2009 erwarb. Wie aus dem Nichts heraus verkündete man letztes Jahr jedoch, dass ein neues Spiel mit dem Titel „Prey“ erscheinen wird. Die ersten Vermutungen, es würde sich um ein Reboot handeln, wurden jedoch relativ schnell widerrufen und auch ein Wiedersehen mit Indianer Tommy wurde ausgeschlossen. Am Ende bleiben dann doch nur Ähnlichkeiten im Spielprinzip und dem Setting, mehr Anleihen nimmt sich „Prey“ von Klassikern wie „System Shock“ oder „Bioshock“ oder dem auch bei den Arkane Studios entstandenem „Dishonored 2“. Ob es auch die Klasse dieser Titel erreicht, werdet ihr in den folgenden Zeilen erfahren.

 

Willkommen in der alternativen Zukunft!

 

Stellt euch vor, John F. Kennedy hätte das Attentat damals überlebt und sein Weltraumprogramm und die außenpolitischen Pläne so umgesetzt wie geplant. Vermutlich wäre das Setting von „Prey“ im Jahre 2032 gar nicht mal so unrealistisch. Denn auf der Spacestation Talos 1, einer großen Kolonie der russischen und US-amerikanischen Regierung in Reichweite des Mondes, haben Wissenschaftler an den sogenannten Typhons geforscht, die als Waffen eingesetzt werden könnten. Doch als die Experimente schief laufen, steht auf einmal das Schicksal der gesamten Menschheit auf dem Spiel. In der Rolle von Morgan Yu müsst ihr nun alles daran setzen, diese Katastrophe zu verhindern.

 

 

Es setzt was mit der Rohrzange!

 

Nachdem ihr euch für euren Charakter - Mann oder Frau - entschieden habt und ihr das stimmige, mit grandioser Musik untermalte Intro gespielt habt, verdichtet sich die Atmosphäre schlagartig hin zu einem gruseligen SciFi-Setting. Ähnlich wie in so manchem Horror- oder Survivalspiel seid ihr anfangs relativ schlecht ausgerüstet, einzig die Rohrzange bleibt euch zur Verteidigung gegen die schnellen Mimics, die sich zu allem Übel auch in die unterschiedlichsten Gegenstände verwandeln können. So wird aus einem harmlosen Koffer ganz schnell der qualvolle Tod. Doch nach und nach findet ihr weitere nützliche Items wie zum Beispiel die Gloo-Kanone, die mit Bauschaum-ähnlicher Substanz um sich schießt und man so die schnellen, wendigen Gegner für kurze Zeit unbeweglich machen kann. Ebenso wie eure Ausrüstung seid ihr auch in eurer Beweglichkeit und der Gesundheit anfangs noch recht eingeschränkt. Rennen und Schlagen verbraucht relativ schnell eure Ausdauer und auch eure Sprungfähigkeiten lassen zu wünschen übrig. Ein Glück, dass ihr schon bald auf die erste Neuromod trefft...

 

Das geht mal voll ins Auge!

 

Und diese Neuromods sind ein wichtiger Bestandteil von „Prey“ und machen euch das Überleben auf Talos 1 um einiges leichter. So schaltet ihr in den drei Kategorien Wissenschaftler, Techniker und Sicherheit nach und nach neue Fähigkeiten frei und werdet so nicht nur stärker oder schneller, sondern könnt künftig auch Geräte hacken oder reparieren. Im späteren Verlauf des Spiel erweitert ihr diese Fähigkeiten um zwei weitere Kategorien, die es euch ermöglichen auch Alienkräfte zu erlernen. Diese sind aber nicht so einfach zu bekommen wie die Neuromods, sondern müssen mit Hilfe eines Scanners bei den Außerirdischen entdeckt werden. Doch nicht nur eure Skills sind entscheidend über Erfolg oder Misserfolg eurer Mission, auch euer Anzug spielt eine entscheidende Rolle. Denn auch dieser kann dank verschiedener Chipsätze modifiziert und so zum Beispiel strahlungsresistent oder unempfindlich gegen Stromstöße werden. Der Status eures Anzugs dient außerdem als Schild, denn sinkt der Wert auf 0 nehmt ihr wesentlich stärkeren Schaden als mit intaktem Anzug. Weiteres wichtiges Gimmick hierfür ist auch der Jetpack, mit dem ihr dann auch in die Schwerelosigkeit hinaus und so die ein oder andere Abkürzung ohne Feindkontakt nehmen könnt. Dies ist auch wichtig, denn die Wege auf Talos 1 können durchaus lang und gefährlich sein.

 

 

Retroschick aus den 1960ern

 

Die Weltraumstation Talos 1 ist der Schauplatz von „Prey“ und somit natürlich einer der wichtigsten Faktoren im Spiel. Ist anfangs die Verwirrung und Unübersichtlichkeit noch recht groß, findet man sich relativ schnell zurecht. Und weiß man mal nicht weiter, hilft die recht gut gestaltete Karte im Menü, die auch wichtige Punkte wie Fabrikatoren oder Sicherheitsräume zeigt. Aufgrund der fehlgeschlagenen Experimente ist Talos 1 ziemlich verwüstet, viele Wege sind versperrt, Türen sind verschlossen und Feuer verhindern euren Fortschritt. Doch hier zeigt sich die Klasse der Gestaltung der Umwelt. Denn dank Gloo-Kanone, Jetpack oder erlernbaren Fähigkeiten wie der Verwandlung in allerlei Gegenstände, kann man auch Ecken des Spiels sehen, die zunächst unerreichbar galten. Und hilft einmal gar nichts weiter, findet man bestimmt einen Luftschacht, der einen in den nächsten Raum bringt. Das Artdesign des Spiels ist zwar modern gehalten, aber mit vielen Elementen der 1960er ergänzt und durchzogen. So sind viele Computer oder Maschinerien größer als heutzutage und auch das Interieur ist oft mit den typischen Holzverkleidungen dieser Zeit ausgestattet. Ebenso versprühen manche Waffen oder Items den Charme der Epoche. Da haben die Arkane Studios und deren Designer gute Arbeit geleistet.

 

Loot & Zitronenschalen

 

Schon zu Beginn des Spiels wird man mit einer schieren Flut an auffindbaren Items überrascht. Neben sinnvollen Dingen wie Munition, Medikits oder Ersatzteilen, gibt es auch zerknülltes Papier, halb gerauchte Zigarren oder Zitronenschalen zu finden. Diese Abfallprodukte könnt ihr nämlich an den sogenannten Recyclern abgeben, worauf die Maschine daraus wertvolle Rohstoffe und Materialien macht. Diese wiederum braucht ihr an den Fabrikatoren, die verschiedene Gegenstände für euch herstellen. Von Waffen über Munition bis hin zu Medikits bekommt ihr dort alles, was ihr gerade braucht. Die benötigten Rohstoffe vorausgesetzt natürlich. Ist euer Platz im Inventar anfangs noch recht überschaubar, kann auch dieser durch die Verbesserung dank Neuromod erweitert werden, so dass ihr schon bald nicht mehr abwägen müsst, was ihr mitnehmt und was ihr liegen lasst. Dennoch hat das Ressourcenmanagement eine große Bedeutung im Spiel. Denn wer auf die Rambo-Art alles wegballern will, wird schnell an seine Grenzen stoßen. Auch wenn euch das Spiel Schusswaffen zur Verfügung stellt, müsst ihr euch immer zweimal überlegen, ob ihr nicht doch lieber mit der Rohrzange auf den Gegner einschlagt oder eine eurer Kräfte nutzt. Wie oben schon geschrieben gibt es in „Prey“ Medikits und somit keine automatisch regenerierende Energie wie in den meisten modernen Shootern. Aber nicht nur die Medipacks helfen euch beim Gesundwerden, auch Gegenstände wie Bananen oder Äpfel geben euch einen kleinen Boost. Aber passt mit alkoholischen Getränken auf: wie in der Realität machen diese betrunken und so lässt sich Morgan nach einer Dose Bier etwas ungenauer steuern als sonst. Dieser Effekt legt sich natürlich mit der Zeit wieder.

 

 

Forschen & Kämpfen

 

Wie der bisherige Test schon vermuten lässt, besteht die Hauptbeschäftigung in „Prey“ vor allem aus dem Erkunden der Weltraumstation und dem Überleben. Zwar sind die Gegner rar gesät, jedoch machen sie euch mit ihrer Schnelligkeit oft zu schaffen. Egal ob die kleinen Mimics, patrouillierende Drohnen oder die menschenähnlichen Phantoms, man sollte keinen Gegner auf die leichte Schulter nehmen. Zum späteren Zeitpunkt werden diese noch gefährlicher, aber auch euer Arsenal an Waffen und Gadgets wächst. Neben den hilfreichen Alienkräften könnt ihr auch auf allerlei Granaten, Köder oder eben Schusswaffen zurückgreifen und euch damit wehren. Kommt ihr in einen neuen Abschnitt solltet ihr immer die Augen nach neuen Items oder Computerterminals offen halten. Vor allem an den PCs findet ihr immer wieder neue Infos über die Vorkommnisse auf Talos 1 sowie Passwörter oder Zugangscodes. Auch Nebenaufgaben dürfen in „Prey“ nicht fehlen und können entweder über NPCs oder besagte Terminals angenommen werden. Für ordentlich Beschäftigung ist also gesorgt.

 

Stilvoll, aber irgendwie verstaubt

 

Kommen wir zur technischen Seite von „Prey“, die vermutlich nicht jeden glücklich machen wird. So wirkt nämlich der Stil des Spiels stimmig und immer rund, aber dennoch muss man den Entwickler für seine Arbeit kritisieren. Auch wenn es einige Wow- Momente wie den Helikopterflug am Anfang oder den ersten Weltraumausflug gibt, lässt der Gesamteindruck nicht gerade frohlocken. Das beginnt bei matschigen Texturen, geht über Bewegungsunschärfe und endet bei zu schlechtem Kontrast zwischen Hintergrund und Feinden. Hinzu kommen teils endlose Ladezeiten. Größeres Ärgernis sind aber einige Spielelemente, die heillos veraltet wirken. So ist das Bedienen von Tastenfeldern oder Computern umständlich und fummelig, für eine anständige Bedienung muss man erst mit Druck auf den rechten Analogstick in eine direkte Steuerung umschalten. Auch das Aufheben und Interagieren mit Gegenständen ist nicht zu Ende gedacht. So kann man aufgenommene Kisten nicht mehr pixelgenau platzieren, sondern nur noch fallenlassen oder wegwerfen. Ebenso verwundert es, dass man manch unnütze Aktion wie Toilettenspülen auslösen, aber andere Objekte dann wieder nicht bewegen oder nutzen kann. Hinzu kommen Kleinigkeiten wie fehlende Spiegelbilder oder keine Animation, wenn man die Wasserspender benutzt. Das wirkt im Jahr 2017 nicht mehr zeitgemäß.

 

 

FAZIT: Intelligenter Shooter mit Anspruch und Schockmomenten

 

Auch wenn man „Prey“ die technischen Mängel vorwerfen kann, so begeistert das Rundum-Paket absolut. Das beginnt bei der grandiosen Musik, die mit ihren elektronischen und sphärischen Klängen an den Soundtrack des Films „Ex_Machina“ erinnert, geht über das tolle Weltraumsetting bis hin zu der „Alien“-artigen Atmosphäre. Vor allem an Ridley Scotts Meisterstück erinnert „Prey“ während seiner Spielzeit ständig. Ob wegen der beklemmenden Stimmung oder der Hilflosigkeit gegen manche der Kreaturen, das ist wirklich großartig gelungen und motiviert zum Weiterspielen. Dass Arkanes Spiel aber kein Hochglanz-Shooter der Marke „Call of Duty“ ist, zeigen nicht nur Ressourcenmanagement und Munitionsknappheit. Auch der Schwierigkeits- grad ist dank fehlender Auto-Erholung und rar gesäter Anzugreparaturkits ordentlich. Hier hilft kein hirnloses Ballern, sondern nur schlauer Einsatz und Kombination von Waffen und Fertigkeiten. Würde man die oben erwähnten, technischen Unsauberkeiten im Spieldesign ausbügeln, könnte man „Prey“ eine sehr hohe Wertung geben, so gibt es eben „nur“...