Persona 5 [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 25.04.2017 um 15:55

 

20 Jahre JRPG vom Feinsten

 

Mit dem Release von „Persona 5“ feierte der renommierte Entwickler Atlus im letzten Jahr das zwanzigjährige Bestehen der Rollenspielreihe, die eigentlich als Spinoff der beliebten „Shin Megami Tensei“-Serie im Jahr 1996 startete. Was zunächst „nur“ als ein klassisches Rollenspiel mit einfallsreichem Monsterdesign und Dungeoncrawling begann, verwandelte sich ab Teil 3 dank Hinzufügen einer Alltagssimulation zu einem richtigen Geheimtipp. Denn neben den Abenteuern mit all den übernatürlichen Wesen, kam nun noch eine soziale Komponente hinzu, die euch den Alltag eines japanischen Schülers miterleben ließ. Die darin gemachten Erfahrungen wirkten sich dann wieder positiv auf eure Kampffertigkeiten aus. Nach vier Hauptspielen – beziehungsweise fünf, wenn man das Remake von Teil 2 mitzählt – und ein paar Spinoffs wie dem Tanzspiel „Persona 4: Dancing All Night“, wurde „Persona 5“ im September 2016 in Japan veröffentlicht und von Fachmagazinen mit Höchstwertungen überschüttet. Anfang April kam nun endlich auch der Westen in den Genuss des Spiels und ob das stylische JRPG den Vorschusslorbeeren gerecht wird, lest ihr in unserem Test.

 

Von mysteriösen Bahnunglücken und perversen Sportlehrern

 

Eigentlich wollte euer Protagonist – den ihr selber benennen könnt – nur einer Frau helfen, die von einem älteren Mann belästigt wird. Doch dabei verletzt er diesen und weiß noch nicht, dass er sich mit einem erfolgreichen Geschäftsmann angelegt hat, der auch Einfluss bei der Polizei hat. Ehe ihr euch verseht, seid ihr vorbestraft, werdet von der örtlichen Schule verwiesen und müsst daher nach Tokyo umziehen. Dort angekommen, nimmt euch der schrullige Sojiro Sakura unter seine Fittiche, bei dem ihr fortan auch wohnt und der euch regelmäßig daran erinnert, keinen weiteren Fehltritt mehr zu machen. An der neuen Schule angekommen, trefft ihr auf Ryuji, der ebenfalls einen schlechten Ruf unter seinen Mitschülern hat und findet in ihm einen neuen Freund. Doch nach und nach mehreren sich seltsame Vorkommnisse. Mitschüler sprechen über den Volleyballlehrer, der das Team angeblich foltert und sich an Schülerinnen vergeht und eine mysteriöse App erscheint auf eurem Handy, die sich nicht löschen lässt. Und dann trefft ihr auch noch auf eine sprechende Katze... Zur selben Zeit wird Tokyo von einer Serie von Bahnunglücken heimgesucht, die viele Opfer verursachen und deren Gründe nicht ganz nachvollziehbar sind. Erst nach und nach wird klar, wie und ob das Alles in Verbindung steht. Es wird spannend...

 

 

Im Herzen ein klassisches Rollenspiel

 

Auch wenn ein Großteil von „Persona 5“ euer Sozialleben und den Schulalltag einnimmt – dieses ist in einem Kalender nach Tagen unterteilt – ist das Herzstück des Spiels vollgepackt mit klassischen Rollenspielelementen. Auf die Gegner, die allesamt ziemlich kreativ und einzigartig gestaltet sind, trefft ihr dabei nur in den Dungeons, könnt diese aber zu jedem Zeitpunkt sehen und so auch Kämpfe vermeiden. Bewegt ihr euch außerhalb eines Kampfes könnt ihr euch auch von Deckung zu Deckung schleichen und den Gegner somit überraschen. Dies bringt euch einen großen Vorteil beim Beginn des Kampfes. In den Auseinandersetzungen mit Feinden greift ihr anhand eines stylischen Auswahlrads auf verschiedene Aktionen zu. Neben einem Standardangriff, dem Einsatz eines Items, Blocken oder der Nutzung einer Fernwaffe, sind die titelgebenden Personas natürlich der Mittelpunkt des Kampfsystems. Da diese unterschiedliche Fertigkeiten haben, ist deren gezielter Einsatz bei bestimmten Feindtypen ratsam. Nach und nach werden eure Personas nicht nur stärker, ihr könnt auch neue Arten finden. Und hier kommt auch der soziale Aspekt des Spiels zum Tragen. Denn je stärker eure Verbindung zu euren Teammitgliedern ist, desto mächtiger sind eure Personas. Die Personas sollen übrigens euer Innerstes darstellen und basieren angeblich auf dem psychologischen Konzept von C.G. Jung. Schwächt ihr einen Gegner genug, könnt ihr ihn mit etwas Dialogglück überzeugen, euch künftig als Persona zu dienen. Habt ihr einige davon gesammelt, können diese zu stärkeren Wesen fusionieren. Neben dem taktischen Einsatz eurer Angriffe könnt ihr außerdem den Teammitgliedern verschiedene Rollen beziehungsweise Aktionen zuweisen, trefft ihr auf ungefährlichere Standardgegner kann man die Kämpfe dank Rushmode etwas zügiger bestreiten.

 

Was wäre man ohne Freunde

 

Wie schon erwähnt, nimmt die Simulation eures Alltags einen Großteil von „Persona 5“ ein. So besucht ihr jeden Tag die Schule und müsst hin und wieder Fragen der Lehrer richtig beantworten oder komplette Tests bestehen. Seid ihr dabei erfolgreich, verdient ihr euch Verbesserungen in einem von fünf Punkten, darunter u.a. Charme, Wissen oder Mut. Diese Werte beeinflussen aber nicht nur euer Ansehen in der Schule, sondern können auch in anderen Gebieten nützlich sein. So könnt ihr am heimischen Schreibtisch diverse Gegenstände wie einen Dietrich zum Schlösserknacken herstellen, euer Geschick wird dabei von diesen fünf Attributen beeinflusst. Nebenher könnt ihr euch nach einigen Spielstunden relativ frei in der Schule oder der Stadt bewegen, jedoch müsst ihr immer darauf achten, dass manche Aufgaben zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein müssen. Weiterhin kommuniziert ihr mit euren Freunden über den Messenger am Handy, geht einkaufen oder allerlei Beschäftigungen wie Homerunschlagen oder Verabredungen nach. Leider kann man sich aber nicht immer komplett frei bewegen, wenn euer Charakter eine bestimmte Aufgabe hat, weigert er sich zum Beispiel auch einmal die Treppe hochzugehen, da er doch in dem aktuellen Stockwerk noch etwas zu erledigen hätte.

 

 

Style hoch zehn!!

 

Als alteingesessener Fan von japanischen Rollenspielen erkennt man den Artstyle von Atlus mittlerweile spätestens, wenn man eine animierte Zwischensequenz sieht. Das Charakterdesign ist einfach unvergleichlich und u.a. auch aus Spielen wie „Catherine“ oder eben „Shin Megami Tensei“ bekannt. Und dank der Power der PS4 sieht die Ingame-Grafik immer mehr wie diese Animesequenzen aus. Die Detailverliebtheit der Figuren findet man allerdings in der Gestaltung der Levels nicht unbedingt wieder. Dennoch ergibt sich ein harmonisches Gesamtbild, welches vor allem Anime-Fans glücklich machen wird. Richtig einzigartig ist aber der grandiose Artstyle des Spiels. Schon das Intro, das mit toller Aufmachung und jazzigem Soundtrack glänzt, macht dem Spieler Lust auf mehr. Diese hohe Qualität zieht sich fast durch die kompletten Animeszenen, Cutscenes in Spielegrafik und kurzen Überblendungen bei Levelwechsel, nach einem Kampf oder beim Tag-/Nachtwechsel. Die Musik untermalt dabei das Geschehen immer sehr gut, manche Ohrwürmer bleiben einem Stunden nach dem Ausschalten der Konsole im Kopf hängen. Auch bei der Vertonung der Figuren hat man sich Mühe gegeben und so ist fast jedes Gespräch synchronisiert. Nur euren eigenen Helden bekommt ihr nie zu Hören. Auf der Disc ist dabei leider nur die englische Synchronfassung, Fans des O-Tons bekommen diesen im PSN Store als kostenlosen Download. Großes Manko für Spieler, die über wenig Englischkenntnisse verfügen: es gibt keine deutsche Übersetzung! Beachtet man die gelegentlichen Sprichworte oder umgangssprachlichen Äußerungen, könnte dies für den ein oder anderen zum Problem werden.

 

FAZIT: „Persona 5“ ist ein Meisterwerk!

 

Nachdem vor allem „Persona 4 Golden“ mit Lob überhäuft wurde, war es natürlich spannend, wie der fünfte Teil bei Fans und Kritikern ankommt. Und was soll man sagen? „Persona 5“ ist wahrscheinlich eines der besten Rollenspiele der letzten 15 Jahre und braucht sich weder vor einem „Final Fantasy XV“ noch „The Witcher III Wild Hunt“ zu verstecken. Auch wenn unter dem optisch unglaublich starken Mantel ein Gerüst aus klassischen Rollenspiel-Mechanismen steckt, sind diese wirklich unterhaltsam und motivierend verarbeitet worden. Seien es die Kämpfe mit den genialen Monsterwesen oder das Bewältigen des wahrlich stressigen Alltags eines japanischen Schülers, alles passt perfekt ineinander. Da kann man dem Spiel auch verzeihen, dass die Steuerung der Figur etwas schwammig geraten ist oder man anhand der kleinen Karte oft die Übersicht verliert. Weiterhin hätte man sich Sequenzen sparen könne, die mir für fünf Sekunden erlauben, meinen Protagonisten zu steuern und dann schon wieder in die nächste Cutscene springen. Wer übrigens schon einmal in Tokyo war, kann die ein oder andere Straßenecke wiedererkennen. Neben der bekannten Shibuya-Kreuzung samt Hachiko-Statue stolpert man über viele liebevolle Details, die man dort so auch in der Realität sehen kann. Für „Persona 5“ kann und muss man eine absolute Kaufempfehlung aussprechen. Das JRPG wird außerdem dem Trend des Jahres 2017 gerecht, dass japanische Entwickler anscheinend wieder erstarkt sind und sowohl technisch überzeugende als auch spielerisch moderne Titel abliefern können. Weiter so!