Mass Effect: Andromeda [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 07.04.2017 um 17:03

 

Ein Neubeginn

 

Mit "Mass Effect" schuf BioWare eine Serie, die die komplette Bandbreite an Kritiken abbekam. Vom viel gelobten Erstling, der noch sehr rollenspiellastig war und taktisches Vorgehen verlangte über "Mass Effect 2", welches die Rollenspielkomponente zugunsten einer Thirdperson-Shooter-Mechanik aufgab, kam man letztlich zum viel gescholtenen dritten Teil. Dieser war nicht nur aufgrund seines Endes umstritten, sondern bot zu viel vom gleichen Allerlei und verwässerte die SciFi-Opera stark. Die Fans bekamen aufgrund zahlreicher Proteste mit einem Patch zumindest ein anderes, versöhnlicheres Ende nachgereicht. All diese Missverständnisse und Probleme, aber natürlich auch der Abschluss der Saga um Commander Shepard, sind nun für einen Neustart in Form von "Mass Effect: Andromeda" verantwortlich. Ob BioWare dieser Schritt gelingt, erfahrt ihr an Bord eures neuen Raumschiffs.

 

Eure Rolle als Pfadfinder

 

Als die Erde der Bedrohung durch die Reaper ausgesetzt ist und Commander Shepards Erfolgsaussichten noch unklar sind, wird die Andromeda Initiative losgeschickt, um eine vermeintliche neue Heimat für die Menschheit zu erkunden. In der Gestalt von Sohn oder Tochter des Pathfinders Alec Ryder seid ihr Teil dieser Mission, die schon bei der Ankunft auf der "neuen Erde" in Gefahr gerät. Als ihr dann auch noch die Rolle eures Vaters übernehmen müsst, lastet plötzlich das komplette Schicksal der Menschheit auf euren Schultern. Doch zum Glück habt ihr die tatkräftige Crew der Tempest jederzeit an eurer Seite und setzt so die Erkundung des Alls fort. Welche Gefahren und Herausforderungen sich euch auf eurer Reise noch in den Weg stellen, erlebt ihr am besten selbst.

 

 

Kennt man doch, oder?

 

"Mass Effect: Andromeda" beginnt wie fast jedes BioWare-Spiel zunächst im umfangreichen Charaktereditor. Und gleich die Wahl eures Geschlechts hat Auswirkungen auf das Spielerlebnis. Denn da euer Protagonist beziehungsweise eure Protagonistin Zwilling ist, wird so das Geschwister-Gegenstück Mann oder Frau. Der Editor bietet dabei sehr viele Optionen von der Haarfarbe über Nase-, Mund- und Augenform bis hin zu Make-up und Tattoos, lässt euch aber keine Änderungen am Körperbau vornehmen. Anschließend entscheidet ihr euch noch für eine Charakterklasse, die vom waffenerprobten Kämpfer über den hackenden Tech bis hin zum Biotiker mit übernatürlichen Kräften reicht. Schleicher sollten sich eher für die Agenten-Klasse entscheiden, für jeden Spielstil ist also etwas Geeignetes mit an Bord der Disc. Dank SAM, eurem virtuellen Begleiter, habt ihr jedoch auch noch zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit, verschiedene Profile mit unterschiedlichen Boni zu aktivieren. "Mass Effect"-Veteranen werden also sehr vertraut mit den ganzen Einstellungsmöglichkeiten sein, aber auch für Neulinge ist dank ausführlicher Erklärungen alles verständlich und einsteigerfreundlich umgesetzt. Einzig die Steuerung wird zu Beginn des Abenteuers zu schnell und flüchtig übergangen, hierfür musste man zu Beginn sehr häufig im Optionsmenü noch einmal nachschauen.

 

Reden, schießen,... 

 

Spielerisch bietet „Mass Effect: Andromeda“ nicht viel Neues im Vergleich zu früheren Teilen, wertet die Gameplayelemente aber hier und da sinnvoll auf. Dienen die ersten Missionen noch zum Kennenlernen der Figuren und einigen Features, findet ihr euch nach dem Erlangen der Rolle als Pathfinder zunächst auf der Nexus wieder. Diese dient, ähnlich wie die Citadel früher, als zentraler Treffpunkt, an dem ihr allerlei Nebenmissionen annehmen könnt, beim örtlichen Waffenhändler einkauft oder Gespräche mit den verschiedenen Alienrassen und Menschen sucht. Sobald ihr euch dann aber auf eine Mission begebt, seid ihr mit eurem neuen Schiff, der Tempest, unterwegs, die anfangs etwas verwinkelt erscheint, aber nach und nach zu eurer Heimat wird. Musste sich Commander Shepard auf der Normandy noch mit einem dunklen Verlies im hinteren Teil des Schiffes begnügen, hat unsere Sara Ryder ein prunkvolles Zimmer mit tollem Weltraumblick. Die Missionen, egal ob Haupt- oder Nebenaufgaben, sind dabei vielfältig gestaltet und können sich anfangs noch unspektakulär anhören, aber letztlich trotzdem ein Wow-Erlebnis bieten. Neben allerlei Schusswechseln mit Außerirdischen geht ihr auch einmal auf die Suche nach Beweismitteln im einem Mordfall oder müsst Energieschilder für die Besiedelung des Planeten abschalten.

 


Diese Missionen finden dabei immer in Teamwork statt, denn ihr habt immer mindestens zwei andere Mitglieder eures Teams mit dabei. Hierbei empfiehlt es sich, dass die Fähigkeiten der drei Kumpanen ausgeglichen sind und man zum Beispiel nicht nur schießwütige Söldner im Team hat. Auch eure Waffen und Fähigkeiten könnt ihr vor jedem eurer Einsätze wieder neu auswählen und euch somit perfekt auf die kommende Mission einstellen. Bei der Steuerung eurer Figur fällt sofort das neue Jetpack auf mit dem ihr auf Anhöhen gelangt und welches euch etwas flexibler in den Bewegungen macht. Ansonsten ähneln die Kämpfe stark den Vorgängern, dank Waffenrad wechselt ihr schnell euer Schießeisen und mit dem Digitalkreuz befehligt ihr eure Teamkameraden. Seid ihr hinter einem hohen Objekt, geht eure Figur auch selbständig in Deckung, in den Grundeinstellungen war das Zielen jedoch eine sehr schwammige Angelegenheit und bedurfte etwas Nachjustierung.

 

...erkunden, lieben

 

Dank eures eingebauten Scanners am linken Arm könnt ihr jederzeit eure Umgebung auf interessante Technologien oder fremde Spezies erkunden, was auch bei einigen Missionen zum Lösen der Aufgaben von Nöten ist. So hilft euch der Scanner bei der Rückverfolgung von Stromleitungen oder dem Öffnen von Türen. Die Rohstoffe und Materialien, die ihr während eurer Missionen auf den Planeten oder dem Scannen kleinerer Meteoriten findet, könnt ihr dabei nicht nur zur Herstellung beziehungsweise Verbesserung eurer Ausrüstung nutzen, sondern auch gegen Credits an den nächstbesten Händler verkaufen. Da die zu erkundenden Planeten nun deutlich größer sind und fast schon ausgewachsene Open World-Maße annehmen inklusive Städte oder kleinerer Stützpunkte, kommen wir dank fahrbaren Untersatzes recht schnell von A nach B. Der Nomad kann dank Sprungmechanik und zuschaltbarem Boost auch größere Hindernisse überwinden, ist aber aufgrund seiner schwammigen Steuerung leider sehr ungenau zu handhaben.

 

 

Besonders medial bekamen immer die verschiedenen Liebschaften mit euren Teamkameraden in den Vorgängern sehr große Aufmerksamkeit. Auch in „Mass Effect: Andromeda“ ist dies wieder möglich, jedoch scheint das System nicht mehr so tiefgründig zu sein wie früher. Denn musste man in den vergangenen Teilen noch die ein oder andere Nebenmission für das Objekt der Begierde machen und in den Dialogen aufpassen, was man sagt, gibt es jetzt nur noch eine sehr platte „Flirt“-Option in den Dialogen mit teils noch platteren Sprüchen. Da ist man von BioWare Besseres gewohnt. Stichwort „Dialoge“: Diese waren früher besser! Was einzelne Figuren hier teilweise loslassen, ist an Trivialität und Niveaulosigkeit kaum zu überbieten. Bot man hier früher hohe SciFi-Kost, bekommt man heutzutage leider nur noch Soap-Niveau. Zwar gibt es noch die Option, verschiedene Tonalitäten in die Antworten zu legen, allerdings kann man seinen Charakter dadurch nicht mehr so stark formen wie in den Vorgängern. So fehlt besonders die Unterscheidung in Gut und Böse.

 

Ruft bitte den Techniker!!

 

Der große Knackpunkt von „Mass Effect: Andromeda“ ist allerdings die Technik. Denn was im Jahr 2014 bei „Dragon Age Inquisition“ noch einigermaßen auf einem aktuellen Stand war, ist heutzutage nur noch gehobenes Mittelfeld. Dazu zählen auf keinen Fall die einfallsreichen und teils wunderschönen Planetenoberflächen, aber zum Beispiel die Charaktermodelle. Denn neben stacksigen Animationen fallen vor allem die nicht sehr liebevolle Mimik und die toten Augen der Figuren auf. Besonders in emotionalen Momenten können diese dafür sorgen, dass es einem die Atmosphäre versaut. Das machen andere Triple A-Produktionen wie „Horizon Zero Dawn“ oder „The Legend of Zelda: Breath of the Wild“ im Jahr 2017 einfach besser und daran muss sich BioWares SciFi-Epos ganz klar messen. Weiterhin fiel während der Testsession mit unserer Downloadfassung auf, dass das Spiel durch Ruckler ausgebremst wird und viele Texturen erst spät nachladen. Ärgerlich sind auch zu kleine Texte oder schlecht gewählte Farben dieser, die manche Informationen fast schon unleserlich machen. Neben all dem Gemecker muss man „Mass Effect: Andromeda“ aber auch loben. Denn vor allem die Sounduntermalung ist wirklich ein Brett! Neben der guten Vertonung sticht vor allem die sphärische Musik heraus, die das Weltraum-Abenteuer immer passend untermalt und das ein oder andere Mal zum Verweilen einlädt. Im Zusammenspiel mit den teils großartigen Planetenoberflächen kommt hier wirkliche Space Opera-Atmosphäre auf.

 

 

Im Weltall hört dich keiner spielen

 

Neben einem ausgewachsenen Multiplayer-Part gibt es auch die sogenannten Strike Team-Missionen, die ihr entweder selber oder von KI-Soldaten erledigen könnt. Entscheidet ihr euch für Erstere, geht ihr zusammen mit zwei anderen Mitspielern aus Fleisch und Blut auf die Jagd nach Erfahrungspunkten, um so eure Ausrüstung und Waffen aufwerten zu können. Neben Missionen, in denen es nur um das Abschießen eurer Feinde geht, müsst ihr aber auch einmal eine Drohne eskortieren oder bestimme Punkte auf der Karte sichern. Einen Innovationspreis gewinnt man damit sicherlich nicht, jedoch ist der Multiplayer-Modus sicherlich für die ein oder andere spaßige Stunde zu Dritt geeignet. Weniger Spaß macht die Integration eines Shops, in dem ihr euer wohlverdientes Geld ausgeben könnt und sollt, allerdings kann man auch mit der Ingame-Währung bezahlen. Während unseres Tests waren die Server erstaunlich oft nicht erreichbar, hoffentlich ändert sich dies noch in der Zukunft. Meist hilf nur ein Neustart des Spiels damit die Onlineverbindung funktionierte.

 

FAZIT: Hochglanz-SciFi mit Schönheitsfehlern

 

„Mass Effect: Andromeda“ kann man ein bisschen mit Nintendos „The Legend of Zelda: Breath of the Wild“ vergleichen. So haben beide Spiele mit technischen Macken zu kämpfen, können aber dank ihrer Atmosphäre so sehr ins Spielgeschehen ziehen, dass man darüber gerne hinwegschaut. Auch wenn einige Dialoge nicht sehr gelungen sind, die Animationen der Figuren teils skurril wirken und die ein oder andere Nebenmission nicht sehr einfallsreich ist, hat BioWares SciFi-Werk dennoch begeistern können. So verliert man sich gerne mal auf den fremdartigen Planeten, die so nur in großen Werken des Genres vorkommen können und gibt sich einfach der Atmosphäre hin. Und die ist dem Entwickler wie schon in „Dragon Age Inquisition“ einfach gelungen. Dank der unterschiedlichen Planeten, verschiedener Alienrassen und zig Missionen ist Unterhaltung für mindestens 40 Stunden geboten. Wer wirklich alles sehen will, kann wie in den Vorgängern, wahrscheinlich auch eine dreistellige Stundenanzahl einplanen. Mit ein bisschen mehr Feinschliff wäre „Mass Effect: Andromeda“ vermutlich der Anwärter auf den Titel „Spiel des Jahres“, so bleibt „nur“ ein sehr guter Titel, der vor allem für absolute SciFi-Fans unverzichtbar ist. Hoffen wir, dass der neueste Teil der Start in eine erfolgreiche, neue Trilogie sein wird. Verdient hätte es die Serie auf alle Fälle.

 






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