Horizon Zero Dawn [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 06.03.2017 um 17:41

 

Zurück in die Zukunft

 

Guerilla Games aus Holland sind seit PlayStation2-Zeiten Sonys Haus- und Hofentwickler für die „Killzone“-Serie. Diese überzeugte vor allem mit ihrer hohen, technischen Qualität und stach durch ihr etwas langsameres Gameplay aus der Egoshooter-Masse heraus. Nach vier Hauptspielen und einer Umsetzung für die PSP, stößt man nun aber in andere Gefilde vor. Neben einer eigenen Engine, der Decima, die u.a. auch bei Hideo Kojimas „Death Stranding“ eingesetzt wird, entwickelte man mit „Horizon Zero Dawn“ erstmals ein Open World-Spiel. Auch das Setting könnte nicht frischer sein, denn das Game spielt in einer postapokalyptischen Welt mit Metall-Dinosauriern. Doch der Titel soll nicht nur spielerisch überzeugen, sondern auch deutlich machen, was die PS4 Pro leisten kann. So ist „Horizon Zero Dawn“ mittlerweile zum Vorzeigetitel geworden, wenn es um die Grafikpower der 4K-PlayStation geht. In unserem Test klären wir nun, ob das Spiel nicht nur ein Grafikblender ist und auch spielerisch etwas auf dem Kasten hat.

 

Postapokalyptische Suche nach der Mutter

 

In einer nahen postapokalyptischen Zukunft leben die Menschen ähnlich wie ihre Vorfahren in der Steinzeit. Die Natur hat sich ihren Platz zurückerobert, aber seltsame, dino-ähnliche Metallwesen bedrohen die Menschheit. Ihr spielt dabei die Rolle von Aloy, die von ihrem Ziehvater Rost als Ausgestoßene fernab der anderen Stämme leben. Mit wachsendem Alter will Aloy irgendwann natürlich wissen wer ihre Mutter ist und woher sie stammt. Um dies zu erfahren, muss sie jedoch in den Stamm aufgenommen werden und setzt nun alles darauf, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Ob ihr dies gelingt und welche Geheimnisse hinter den gefährlichen Metallwesen stecken, erfahrt ihr dann im Laufe der Geschichte.

 

 

Open World vom Feinsten

 

Wie oben schon geschrieben handelt es sich bei „Horizon Zero Dawn“ um Guerilla Games erstes Open World-Spiel, doch das merkt man dem Titel nicht an. So hat man sich von anderen Spielen des Genres inspirieren lassen und ein kleines Best of zusammengestellt. Die relativ weitläufige Landkarte präsentiert sich dabei mit allerlei Aufgaben, die es zu erledigen gibt. So erforscht ihr Ruinen, in denen es seltene Rohstoffe gibt, helft NPCs bei Aufgaben wie dem Auffinden eines vermissten Verwandten oder eines Erbstücks und sammelt auf dem Weg zwischen den Missionen allerlei Beute, die ihr dann zum Erstellen neuer Items nutzen könnt oder an den nächstbesten Händler verkauft. Um euch gegen die feindlichen Wesen beziehungsweise später auch Menschen wehren zu können, habt ihr entweder die Wahl aus zwei unterschiedlich starken Nahkampfattacken mit eurem Speer oder ihr nutz den Bogen samt allerlei Zubehör. Denn neben verschiedenen Pfeilarten gibt es zum Beispiel auch eine Stolperfalle, die ihr legen könnt und die dem Gegner bei Bedarf auch einen Elektroschock gibt.

 

„Horizon Zero Dawn“ ist dabei allerdings kein stumpfer Actiontitel, sondern verlangt euch einiges an Köpfchen ab. Denn die Feinde reagieren meist sehr aggressiv sobald ihr euch in ihrem Blickfeld bewegt, daher ist das Anschleichen und vorsichtige Vorgehen bei der Jagd und in Missionen sehr empfehlenswert. Unterstützung bekommt ihr dabei durch die Fokusfunktion, die ihr durch Druck auf R3 auslösen könnt. Der dafür verantwortliche „Knopf im Ohr“ zeigt euch dann nicht nur die jeweilige Art des Gegners und seine Schwachpunkte an, sondern kann auch für die Routenanzeige dieser genutzt werden. In Nebenmissionen oder Ruinen könnt ihr damit Audio- oder Videosequenzen abspielen und Spuren von Personen sichtbar machen. Natürlich kann und muss Aloy auch viel Klettern in der endzeitlichen Welt, die voller Ruinen und anderer Hindernisse ist. Hier bedient man sich aber an einer recht simplen Mechanik, die das Klettern sehr frustfrei macht. So sieht man durch gelbe Markierungen wo man klettern kann und steuert dies dann durch simples Drücken in die Richtung des nächsten Halts oder Vorsprungs.

 

 

Schleich, schleich

 

Da das Anschleichen und lautlose Töten der Feinde in den meisten Fällen ratsamer ist als die Rambo-Methode, hat sich Guerilla Games hierfür eine wirklich gute Mechanik überlegt. So sieht man am oberen Bildschirmrand ein Auge, das euch den Status eurer Sichtbarkeit anzeigt. Ist dieses geschlossen, können euch Gegner nicht sehen. Weiterhin kommt es aber auch auf die Geräusche an, die ihr macht. Man sollte also auch darauf achten, dass man möglichst leise vorgeht. Deckung findet ihr in hohen Gräsern aus denen ihr bei entsprechender Nähe zum Gegner einen Stealthkill machen könnt. Sollten euch die Feinde doch einmal entdecken, müsst ihr schnell das Weite suchen, da diese alles tun, um euch zu erledigen. Glücklicherweise stoppen die Gegner die Verfolgung, wenn ihr weit genug von ihnen entfernt seid. Nach einigen Stunden könnt ihr Gegner außerdem auch zu Reittieren umprogrammieren. Auch hier müsst ihr euch nahe heranschleichen und könnt diese dann manipulieren. Solltet ihr euch einer Übermacht von Feinden entgegen sehen, könnt ihr die Gruppe auch durch gezielte Steinwürfe oder abgeschossene Pfeile auseinandertreiben. Wird es euch doch einmal zu viel könnt ihr einfach vor den Gegnern weglaufen, da euch diese nur über eine bestimmte Strecke verfolgen.

 

Beute ohne Ende

 

Ähnlich wie in aktuellen Spielen wie „Rise of the Tomb Raider“ oder „Nioh“ findet ihr bei erledigten Feinden Beute oder in der Spielwelt herumliegende beziehungsweise wachsende Rohstoffe. Diese nutzt ihr in eurem Craftingmenü entweder zur Herstellung von neuen Pfeilsorten und Heiltränken oder erweitert damit eure Tragefähigkeit. Solltet ihr ein bestimmtes Material benötigen, könnt ihr aber auch zum lokalen Händler gehen, der euch meist eine ordentliche Auswahl an Items bietet. Dort gibt es dann auch Spezialwaffen oder Heiltränke zu kaufen. Auch „Horizon Zero Dawn“ unterscheidet hierbei in einem Seltenheitsgrad des Loots. So findet man bei größern und hartnäckigeren Gegnern natürlich auch dementsprechend mehr und interessantere Beute. Diese kann dann entweder für teures Geld(hier Steinscherben genannt) verkauft werden oder Waffen einen ordentlichen Boost geben.

 

 

Aloy kann was

 

Durch gemeisterte Kämpfe beziehungsweise erfolgreich absolvierte Missionen erhält Aloy Erfahrungspunkte, die euch in bestimmten Abstufungen im Level aufsteigen lassen. Für jeden Levelaufstieg bekommt ihr dabei Fähigkeitspunkte, die ihr in eine von drei Kategorien im Skilltree investieren könnt und somit Aloys Fertigkeiten nach und nach stetig verbessert. In den Kategorien Jäger, Krieger und Sammler erlernt ihr so neue Kampfaktionen und verbessert eure Kampfskills oder erhöht die Menge an gefundenen Rohstoffen. Weiterhin gibt es neue Fähigkeiten beim Schleichen oder den Angriffen aus der Deckung. Der Skilltree ist dabei sehr ausgewogen, es sind kaum Fertigkeiten dabei, die unnötig oder uninteressant erscheinen. Weiterhin haben verschiedene Outfits auch Auswirkungen auf euer Können. So gibt es Kleidung, die euch vor Nahkampfattacken schützt oder euch schwieriger sichtbar für Feinde macht. Die Outfits bekommt ihr bei Händlern und könnt diese auch mit Materialien weiter modifizieren.

 

Technik aus einer anderen Welt

 

Guerilla Games verstand es schon immer, wie man aus Sonys Hardware möglichst viele Wow-Effekte herausholen kann. Zwar waren sie technisch nie so perfekt wie es zum Beispiel Naughty Dogs Werke sind doch brauchen sie sich vor der Konkurrenz nicht verstecken. Und mit „Horizon Zero Dawn“ gelingt ihnen wohl eines der schönsten und perfektesten Spiele für die PS4 seit „Uncharted 4“. Die Spielwelt ist so wunderschön modelliert und detailliert dargestellt, dass es uns ab und an die Sprache verschlag während des Tests. Hinzu kommen die abwechslungsreichen Settings vom verschneiten Bergpass über die verwinkelten Städte bis hin zu kargen Wüstenlandschaften, die ein wahrer Hingucker sind und eine grandiose Weitsicht bieten. Dabei wirkt die Welt immer lebendig und nie künstlich oder unwirklich. Der heimliche Star ist aber die verfallene Zivilisation und deren Ruinen, die sich oft erst auf den zweiten Blick als solche offenbaren. Hier wurde einiges an Arbeit investiert und keine Levels per Zufallsprinzip oder total wahllos gestaltet. So will man am liebsten jeden Quadratzentimeter der verfallenen Städte inspizieren und herausfinden welche Gebäude dies früher einmal waren und wie die Menschen dort lebten. Auch die Gestik und Mimik der Hauptfiguren in den Zwischensequenzen ist auf einem hohen Niveau. Leider kann man dies von den Nebenfiguren und der deutschen Vertonung nicht sagen. So sind bedeutungslose NPCs sehr detailarm gestaltet und bleiben ziemlich blass. Die Synchronisierung ist gut, allerdings sehr häufig asynchron was definitiv nicht zu solch einem Triple A-Spiel passt.

 

 

FAZIT: „Horizon Zero Dawn“ gehört in jede Spielesammlung

 

Wer dachte, dass „Uncharted 4“ die Spitzenposition in Sachen Grafik auf der PS4 behält, der hat sich geirrt. Denn „Horizon Zero Dawn“ ist mindestens gleichwertig, wenn nicht in einigen Momenten sogar besser als Nathan Drakes Abschiedsspiel. Doch nicht nur optisch ist das Action-Adventure mit RPG-Elementen einen Blick wert. So kann man das Spiel bereits für seine sympathische Hauptfigur Aloy loben, die weit entfernt von glatten Blockbuster-Heldinnen ist. Sie ist weder übersexualisiert dargestellt noch ist sie die dauerglückliche Sprücheklopferin. Sie zeigt Emotionen und diese auch sehr glaubwürdig. Auch die anderen Hauptfiguren sind teilweise sehr gut geschrieben, auch wenn hier und da einige Klischees zum Vorschein kommen. Letztlich ist aber die Welt und ihre Flora und Fauna wohl der wirkliche Held des Spiels. Gerade bei einem sehr zeitaufwändigem Open World-Spiel erlebt man es selten, dass man einfach die Umwelt genießt und sich die sehr lebendig wirkende Umgebung anschaut. Auch im umfangreichen Fotomodus kann man so die ein oder andere Stunde Spielzeit verbringen.

 

Wenn man etwas an „Horizon Zero Dawn“ kritisieren muss, ist es die Gameplay-Mechanik, die euch nur wenig Neues bietet. Hier bediente man sich an allerlei anderen Open World-Spielen, so dass man zum Beispiel für das Freischalten von Kartenteilen auf einen Langhals steigen muss, der die Umgebung scannt. „Assassins Creed“ lässt grüßen! Auch die ein oder andere technische Schludrigkeit wie die asynchronen Lippenbewegungen hätte man doch noch ausmerzen müssen. Das Kampfgeschehen hingegen gefällt mit seinem taktischen Kniffen sehr gut. So kommt man mit bloßem Tastengehämmer nicht weit und muss die Umgebung und die Feinde vorher gut studieren. Alles in allem überzeugt bei „Horizon Zero Dawn“ also nicht nur die technische Seite, sondern auch das Gameplay. Und so schuf Guerilla Games eines der bisher besten PS4-Spiele, das es in diesem Jahr mindestens unter die Top 3 schaffen wird.

 






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