For Honor [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 20.02.2017 um 14:07

 

Mann gegen Mann

 

Natürlich kann man viele Spiele-Genres aufzählen, wenn man die Evolution des Videospiels veranschaulichen will. Ob immer realitätsnähere Sportsimulationen oder umfangreichere Open World-Titel - der Fortschritt der letzten 30 Jahre in diesem Sektor war einfach gigantisch. Auch bei den Kampfsystemen in Actionspielen wurden die einzelnen Mechanismen immer weiter verfeinert und mit einem vielfältigen Bewegungsrepertoir ausgestattet. Beschränkte man sich zum größten Teil auf simples Buttondrücken mit vereinzelten Herausforderungen beim Timing, berücksichtigte man zum Beispiel in „Dark Souls“ die Ausdauer des Charakters oder beim jüngst erschienenen „Nioh“ sogar die Haltung der Waffe. Durch gut überlegten Einsatz von Waffenhieben und einem Schild als Deckung, konnte man so ein Kampfsystem etablieren, das vor allem im Kampf 1 vs. 1 – am besten mit einem menschlichen Kontrahenten am Joypad – zu unvergesslichen Momenten und spannenden Gefechten führen kann. Ubisoft stellt in „For Honor“ nun das überlegte Vorgehen bei einem Kampf Mann gegen Mann in den Fokus und kombiniert dies mit einem umfangreichen Multiplayer-Modus. Ob das Experiment gelungen ist, lest ihr in unserem Test.

 

Samurai trifft Wikinger trifft Ritter

 

In einer dem Mittleralter nicht unähnlichen Zeit erschüttert ein verheerendes Erdbeben die Erde und lässt die Zivilisation im Chaos versinken. Die drei Fraktionen Wikinger, Ritter und Samurais kämpfen in unerbittlichen Schlachten um Rohstoffe wie Nahrung oder um ganze Territorien. Als wäre dies nicht schlimm genug, mischt sich die Kriegsherrin Apollyon in das Geschehen ein und bringt die unterschiedlichen Fraktionen immer wieder gegeneinander auf. So entsteht ein nicht enden wollender Krieg zwischen den einzelnen Klans und eine Spirale der Gewalt. So ernst die Geschichte jedoch nun klingen mag, desto lockerer wird sie euch aber erzählt. Sie nimmt sich nicht allzu ernst und hin und wieder gibt es auch den ein oder anderen Lacher.

 

 

Einsamer Samurai?

 

„For Honor“ ist hauptsächlich auf Multiplayer-Kämpfe ausgelegt, die aber zu einem späteren Zeitpunkt im Test behandelt werden. Denn auch für Solospieler hält das Spiel eine ausführliche, aber recht knappe Kampagne bereit. In dieser übernehmt ihr in drei Kapiteln zuerst die Ritter, dann die Wikinger und letztlich die Samurai im Kampf gegen Apollyon. In jeweils sechs Missionen unterteilt stürzt ihr euch dabei in große Schlachten mit vielen Fußsoldaten, begleitet einen Rammbock sicher zu einer Festung oder verfolgt einen der Warlords auf dem Pferd durch den Wald. Ein anderes Mal infiltriert ihr im Alleingang ein Lager der Feinde oder öffnet für eure Verbündeten das Tor eines Schlosses.
Man sieht also, dass für genügend Abwechslung gesorgt ist. Leider ist die Kampagne mit knapp 6 bis 8 Stunden Spielzeit aber recht übersichtlich und bietet wenig Wiederspielwert. Dennoch bringt sie euch die einzelnen Eigenheiten der verschiedenen Klassen gut herüber und so seid ihr für die Multiplayer-Schlachten bestens gerüstet.
Dank XPs für das erfolgreiche Absolvieren der Missionen oder bestimmter Aufgaben wie dem Zerstören einer vorgegebenen Anzahl Tonbehälter, steigt ihr in eurem Level immer weiter an und erhaltet für den Onlinemodus Ingame-Währung oder diverse Items. Tolles Feature: die Solokampagne kann man auch im Koop mit einem Freund durchspielen.

 

Schwert poliert, Rüstung an und los geht’s!

 

Herzstück von „For Honor“ ist und bleibt aber das Kampfsystem, das euch dank ausführlicher Tutorials gut erklärt wird. So basiert der Kampf gegen Andere vor allem auf eurer Haltung des Schwertes und dem Blocken der gegnerischen Angriffe. Mit Druck auf L2 geht eure Figur in die Kampfhaltung bei der auch die Kamera näher an die Action herangeht. Anschließend kann man dann mit dem rechten Analogstick wählen, ob man über links, rechts oder von oben attackieren will. Genauso funktioniert es beim Blocken. Durch eine Richtungsanzeige beim Gegner weiß man auch immer über welche Seite dieser angreift und kann notfalls blocken und sogar parieren. Besonders hartnäckige Gegner kann man mit einem Druck auf den Quadrat-Button zurückstoßen und so deren Deckung durchbrechen. Die Angriffe sind dabei über leichte und schwere Attacken auf R1 bzw. R2 dosierbar, kosten euch bei allzu übertriebenem Einsatz aber eure Kondition. In diesen Momenten seid ihr besonders anfällig für gegnerische Angriffe, könnt euch aber nur noch langsam bewegen, um der Situation zu entfliehen.

 

 

Der Einsatz dieses Kampfsystems ist allerdings nur bei den „richtigen“ Gegnern anzuwenden, die normalen Fußsoldaten sind eher Kanonenfutter, das durch einen Hieb sofort besiegt ist. Habt ihr einen der Krieger mittels einer schweren Attacke den letzten Rest Energie geraubt, könnt ihr diesen auf unterschiedliche Arten exekutieren. In den drei Klassen Wikinger, Samurai und Ritter gibt es weitere Unterteilungen in vier Unterklassen. So habt ihr im Multiplayer-Modus die Wahl aus flotten, dafür etwas schlechter gepanzerten Kriegerinnen und Kriegern oder ihr entscheidet euch für das andere Extrem und habt eine langsame, aber sehr starke Figur. Diese tragen passend dazu auch jeweils andere Waffen vom Schwert bis zur Axt und unterscheiden sich in ihren Rüstungen auch optisch stark voneinander. Im Kampf seid ihr aber nicht nur auf eure Schwertkünste angewiesen, denn ihr könnt auch eure Umgebung miteinbeziehen. So verletzt ihr eure Gegner zum Beispiel durch das Drängen in Geysire oder offene Feuer.

 

Skillmanagement

 

Ähnlich wie in Ubisofts „The Division“ könnt ihr eure Figur mit unterschiedlichen Perks, hier Gaben genannt, ausrüsten. Diese liegen auf den linken und rechten Richtungsbuttons des Steuerkreuzes und laden sich nach Gebrauch wieder auf. So könnt ihr euch zwischen den Kämpfen heilen, einen Bonus auf eure Abwehrfähigkeiten aktivieren oder eure Angriffswerte kurzzeitig verbessern. In den Levels selbst findet ihr auch immer wieder für den Moment ausrüstbare Gaben. So erhaltet ihr zum Beispiel Blendgranaten, Feuerbomben oder eine Amokfunktion, die euch schneller und stärker werden lässt. Während ihr euch durch die Feinde schnetzelt lädt sich außerdem eine Rache-Anzeige auf, die euch bei Aktivierung kurzzeitig fast unbesiegbar macht und euch so in aussichtslosen Situationen helfen kann. Die Gaben werden durch Aufleveln eurer Figur und dem Fortschritt in der Kampagne fortwährend erweitert und bieten euch ein breites Spektrum an Hilfen für den gepflegten Zweikampf.

 

 

Gute Arbeit des Technikschmieds

 

Der Grafikstil und das Setting von „For Honor“ wirken absolut stimmig. So begeistern auf der einen Seite die flüssigen Kämpfe und die teils großartig detaillierten Szenerien, trotzdem gibt es den ein oder anderen Mangel in der grafischen Darstellung. Denn besonders Flächen wie Pelze oder Kettenhemden sind nicht ausmodelliert, sondern nur ein Texturenteppich. Das will nicht so recht zu den opulenten Rüstungen passen, die die Krieger in ihrem Kampf tragen. Denn diese können sich wirklich sehen lassen. So gibt es überall besondere Verzierungen und Details zu entdecken, die oft an Serien wie „Game of Thrones“ erinnern. Was so gar nicht zu „For Honor“ passen will, sind Menü- und HUD-Gestaltung. Denn diese könnten so direkt aus anderen Spielen aus dem Hause Ubisoft passen, vor allem die Ingame-Anzeigen wie Ausdauer- und Energieleiste wirken eher einem futuristischem Shooter wie „The Division“ entsprungen als aus einem mittelalterlichen Schlachtenspektakel. Hier wäre etwas mehr Kreativität schön gewesen.

 

Auch die Kameraführung ist anfangs viel zu sensitiv eingestellt, kann man aber per Schieberegler im Menü zum Glück ändern. Die Musik, sei es in den Menüs oder in den Schlachten, ist atmosphärisch und passt immer sehr gut zu den Szenerien. Lustiges Detail am Rande: die Gegner sprechen immer in ihrer natürlichen Sprache ohne Untertitel, daher versteht ihr sie also nicht. Die Rolle in der ihr gerade spielt, ist jedoch ins Deutsche übersetzt.

 

 

Globale Schlachtplatte

 

Natürlich konzentriert sich Ubisoft bei einem Onlinespiel wie „For Honor“ hauptsächlich auf die Multiplayer-Komponenten. So gibt es die vier Modi „Deathmatch“, „Herrschaft“, „Events“ oder „1v1 Duelle“, die abwechselnde Kampfmethoden fordern. Außer im direkten Zweikampf bilden immer bis zu vier Mitspieler eine Gruppe, die bei Bedarf auch durch KI-Bots aufgefüllt werden kann. In den Kampf zieht ihr schließlich entweder gegen Kontrahenten aus Fleisch und Blut oder verhaut die computergesteuerten Gegner. Der Onlinepart ist unterteilt in fünf Runden, die je 12 Tage andauern. Nach diesen fünf Runden endet eine Saison und eine neue beginnt. Dadurch, dass ihr euch am Anfang einer der drei Fraktionen anschließt kämpft ihr für diese fortwährend in allen Multiplayer-Schlachten um das Erobern von Territorien auf der Karte. Interessanterweise werden die Maps der Duelle dann so umgestaltet, dass man zum Beispiel erkennt wenn ein Wikingerdorf von den Samurais erobert wurde.

 

Durch den Einsatz von erspielten Kriegsressourcen könnt ihr übrigens die einzelnen Territorien verstärken und dem Feind die Eroberung schwerer machen. Seid ihr mit der Ausrüstung eures Kriegers nicht zufrieden, könnt ihr durch das erfolgreiche Abschließen von Matches neue Items und Ausrüstungsgegenstände erwerben. Aber auch mit der Ingame-Währung bzw. echtem Geld lassen sich einige Vorteile im Spiel erkaufen. So bekommt ihr im Menüpunkt „Ausrüstung aufsammeln“ gegen erspielte Goldmünzen immer ein Set an Ausrüstungsgegenständen, im Online-Shop hingegen könnt ihr euch Monturen, Gaben oder einen kurzzeitigen Champions-Status sichern.

 

Während unseres Tests fand das Spiel relativ flott andere Mitstreiter und auch die Matches an sich liefen sehr flüssig ab. Von einer Eingabeverzögerung oder ähnlichem war nichts zu spüren.

 

 

FAZIT: „For Honor“ ist innovativ, leidet jedoch an einigen Kinderkrankheiten

 

Auch wenn das Genre nicht passt, aber „For Honor“ lässt sich ein bißchen mit Ubisofts „Steep“ vergleichen. So nimmt der französische Konzern hier ein bekanntes Konzept und frischt dies mit neuen Ideen und Innovation ordentlich auf. Jedoch wäre es auch hier wünschenswert, wenn man noch einige Details verbessern und Feinschliff vornehmen würde. Denn gerade die Langzeitmotivation ist auch in „For Honor“ fraglich.

 

Neben solchen Ärgernissen wie dem unpassenden HUD oder kleinen Grafikmängeln, ist es nämlich vor allem das Kampfsystem selbst, das noch unrund wirkt und vor allem in hektischen Momenten zum einfachen Buttonmashing führt. Ebenso wirken einige Klassen viel zu stark für Andere, so dass ein sehr starkes Gefälle innerhalb des Spiels entsteht. So ist es zwar realistisch, dass ein schwerer Wikinger seine Probleme mit einer flinkfüßigen Ritterdame hat, trotzdem geraten solche Duelle zu echten Geduldsproben. Ob weiterhin die Fußsoldaten, die man mit einem einfachen Hieb töten kann, wirklich nötig waren, sei dahin gestellt. Denn auf der einen Seite haben besonders diese ein miserables Trefferfeedback und fördern die Unübersichtlichkeit auf dem Schlachtfeld. So verliert man schnell einen der Krieger aus dem Auge und dieser fällt einem in den Rücken. Besonders nervig sind die eigenen Kollegen, die euch vor die Waffe laufen und so quasi den Gegner schützen. Eventuell wäre dies durch eine Lockon-Funktion und eine bessere KI behoben?

 

Im Multiplayer-Part fühlen sich die Kämpfe aber wesentlich besser an und erinnern teilweise an die Eindringlinge aus den „Dark Souls“-Spielen. Dennoch stumpft das Gameplay viel zu schnell ab und wird eintönig. Da helfen auch die unterschiedlichen Online-Modi leider nicht. „For Honor“ wird so leider den Erwartungen und den vielen Vorschusslorbeeren nicht gerecht. Zwar unterhält das Spiel für einige Stunden und hat eine gewisse Frische, die aber leider relativ schnell auch wieder verflogen ist. Ob die Onlinemodi längerfristig Spieler binden können, wird sich zeigen. Hier muss Ubisoft aber definitiv richtig gute Inhalte nachschieben.

 

 

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