Nioh [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 02.02.2017 um 10:38

 

Fast im Reich der Dämonen versunken!

 

„Nioh“ von Team Ninja(u.a. die „Ninja Gaiden“- oder „Dead or Alive“-Serie“) erging es ähnlich wie „The Last Guardian“ oder „Final Fantasy XV“. Bereits 2004 wurde das Spiel damals noch als Rollenspiel basierend auf einem Drehbuch von Akira Kurosawa angekündigt, dann jedoch immer weiter nach hinten verschoben und mehrere Male komplett umgeworfen. Auf der Tokyo Game Show 2015 kündigte man es letztlich als das Action-RPG an, das es nun geworden ist. Das PS4-exklusive „Nioh“ ist dabei ein ziemlich klarer „Dark Souls“-Klon, der sich stark an der Mechanik der From Software-Spiele orientiert, mit dem Setting aber einen frischen und unverbrauchten Weg geht. Ob sich Koei Tecmos Spiel so deutlich vom Konkurrenten abhebt, dass ein Kauf sich lohnt und wie schwer „Nioh“ letztlich geworden ist, lest ihr in unserem Test.

 

Auf in den Fernen Osten! – Das Land der aufgehenden Sonne wartet

 

Willkommen zu einer kleinen Geschichtsstunde! Im Jahr 1598 begab sich William Adams, ein englischer Seefahrer, auf den Weg nach Japan und wurde dort ansässig. Dabei wurde er nicht nur der erste westliche Samurai, sondern auch Berater des Shoguns und öffnete einigen westlichen Händlern den Weg nach Japan. Warum ihr das wissen solltet? „Nioh“ basiert lose auf der Geschichte von William Adams und garniert diese mit einigen fantastischen und mystischen Elementen. So verfolgt euer Protagonist eigentlich Edward Kelley nach Japan, der durch die Macht des Stein der Weisen die Menschheit unterwerfen will. Doch dort angekommen trefft ihr zunächst auf eine mysteriöse Welt voller Geister und Piraten, die euch alles andere als freundlich gesinnt sind. Schon bald seid ihr Teil eines Kampfes zwischen der Yokai(japanische Geister)-Welt und den Heeren des Shoguns, die Japan vor dem Unheil bewahren wollen.

 

 

„Nioh Souls“ oder „Dark Nioh“?

 

Was Kennern der Spieleszene sofort nach dem Starten von „Nioh“ auffällt, ist die extreme Nähe zu der „Souls“-Reihe von From Software. Entwickler Team Ninja machte daraus auch keinen Hehl und gab zu, dass es viele Fans dieser Reihe im Team gibt und man sich an dessen Gameplay-Mechaniken orientiere. So basiert das Kampfsystem ebenso auf einem gutem Timing und dem Blick auf die Ausdauerleiste. Auch in „Nioh“ kann euch ein Standardgegner ohne Probleme das Leben kosten, größere Feinde sowie Endgegner bedarf es einer ordentlichen Prise Taktik im Kampf. Dazu aber später mehr. Die eigentlichen RPG-Wurzeln kann „Nioh“ zu keiner Zeit verstecken. So gibt es unzählige Möglichkeiten, euren Charakter zu verbessern und aufzuwerten. Dies beginnt mit Ausrüstungsgegenständen, die Feinde nach ihrem Ableben hinterlassen oder die man in Kisten findet und endet mit Rufpunkten, die ihr für bestimmte absolvierte Aufgaben erhaltet. Diese könnt ihr dann in zusätzliche Boosts verwenden, die euch weniger Schaden erleiden oder bessere Items finden lassen.

 

Herzstück ist aber das Levelsystem von William, das im Endeffekt jenes von „Dark Souls“ 1:1 kopiert. So bekommt ihr für jeden besiegten Gegner oder durch gefundene Geistersteine die sogenannten Amrita. Mit diesen könnt ihr eure Figur in einzelnen Kategorien aufleveln, wobei jeder neue Level mehr Amrita kostet. Ähnlich wie die Rufpunkte sind auch die Fähigkeitspunkte zu sehen, die ihr nach bestimmten Kriterien und Missionen zugeteilt bekommt. Diese könnt ihr in die drei Kategorien „Samurai“, „Ninjutsu“ oder „Onmyo“ investieren, die entweder eure Kunst mit der Waffe, eure Magiefähigkeiten oder die Ninjatechniken verbessern. Ihr seht, es gibt viele Untermenüs und das ist auch einer der großen Kritikpunkte. Für ein reinrassiges Rollenspiel wären die Optionen sicherlich sinnvoll, jedoch wirken sie bei „Nioh“ etwas fehl am Platz. Viel mehr hätte man die einzelnen Boni, erlernbaren Fähigkeiten und Levelfunktionen unter einem Punkt zusammenfassen und etwas ausdünnen können.

 

 

Die Kunst des Schnetzelns

 

Trotz der großen Nähe zu „Dark Souls“ besticht das Kampfsystem von „Nioh“ mit einigen zusätzlichen Gimmicks und Ideen. Am Anfang müsst ihr einen von drei Schutzgeistern und eure zwei Hauptwaffen wählen was der Wahl einer Charakterklasse sehr nahe kommt. So könnt ihr entweder mit besseren Vitalitätswerten starten oder mit einem größeren Hang zum Einsatz von Magie. Im Kampf selbst habt ihr die Wahl zwischen zwei verschiedenen Angriffen, die diesmal aber nicht auf den Schulterbuttons liegen, was erfahrene „Souls“-Spieler anfangs etwas verwirren wird. Die Attacken kosten euch natürlich Ausdauer, die ihr aber dank einem gut getimten Druck auf den R1-Button schneller regenerieren könnt. Diese Funktion vergisst man aber besonders im Eifer des Gefechts häufiger, auch weil die Ausdauer schon zu Beginn wesentlich ausreichender als bei den „Souls“-Spielen ist. Durch die oben ernannten Fähigkeitspunkte lernt ihr nach und nach immer mehr Moves für eure Waffen bzw. schaltet ihr diese durch deren Einsatz frei. So entfaltet sich nach einiger Spielzeit ein Kampfsystem, das zu verschiedenen Kombos verknüpfbar ist und es dem Gegner deutlich schwerer macht. Der Schwierigkeitsgrad bei „Nioh“ befindet sich ungefähr auf einem Level mit dem letzten „Dark Souls“. So werden die normalen Feinde recht schnell leicht durchschaubar und harmlos, große Gegner hingegen sind nur mit viel Geschick zu schlagen.

 

Kopie mit individueller Note

 

Was bei „Dark Souls“ die Lagerfeuer waren, sind bei „Nioh“ die Schreine. Diese sind über die Welt verteilt und füllen nicht nur eure Energie wieder auf oder dienen als Speicherpunkt, sondern füllen die Welt wieder mit schon totgeglaubten Gegnern. An diesen könnt ihr eure Amrita gegen Levelaufstiege eintauschen, euren Schutzgeist(und so eure Charakterklasse) wechseln oder nicht benötigte Gegenstände den Göttern opfern. Dafür bekommt ihr je nach Seltenheit und Klasse des Items von den Göttern Geschenke in Form von Elixier(zum Wiederherstellen von Lebensenergie) oder andere nützliche Dinge. Wie in den „Souls“-Spielen erhaltet ihr nach und nach allerlei Items, die ihr entweder für das Verbessern eurer Waffen einsetzen könnt oder für den Kampf gegen eure Widersacher. So findet ihr Ninjasterne, Fernkampfwaffen wie Bögen oder Lunten und Granaten und kann seinen Kampfstil also sehr individualisieren und sich auf die individuellen Stärken konzentrieren.

 

Habt ihr den ersten großen Endgegner gelegt, öffnet sich euch das komplette Spiel. Dann findet ihr euch in einem Menü wieder, von dem ihr einzelne Missionen gezielt anwählen, im Dojo trainieren oder den Waffenschmied besuchen könnt. Außerdem kann man dort den Schrein zum Aufleveln besuchen oder man betritt die sogenannte Torii-Pforte, das Portal für die Onlinefunktionen. Vor allem zu Beginn wirkt die Steuerung, das HUD und die Buttonbelegung total überladen, mit der Zeit und etwas Überlegung beim Einsatz von Items kann man aber wesentlich geplanter vorgehen als am Anfang des Spiels.

 

 

Schön wie ein japanischer Holzschnitt?

 

Kommen wir zur technischen und grafischen Seite von „Nioh“. Eines vorweg: dem Titel sieht man letztlich einfach an, dass er so lange in Entwicklung war. So ist die Grafik hübsch, vor allem die Beleuchtung ist stimmig, jedoch wirken einige Ecken sehr grob und lieblos gestaltet. Auch gibt es hier und da grobe Kanten und eckige Polygone, was im Jahr 2017 nicht mehr ganz so zeitgemäß wirkt. Besonders störend wirkte der speckige Glanz des ersten Levels, der bei strömenden Regen durchkämpft werden muss. Das erinnerte sehr an einige frühere Titel der Unreal Engine 3, die den meisten Figuren einen Plastiklook gab. Dennoch ist der Stil etwas ganz besonderes und war so seit den „Onimusha“- oder „Tenchu“-Spielen in Europa nicht mehr zu sehen. Die Welt strahlt etwas mystisches und exotisches aus, kommt also dem realen Japan(abseits vom Großstadtdschungel) sehr nahe. Dazu passt auch die Musik und die Sounduntermalung, die nie aufdringlich wirkt und das Spiel sehr atmosphärisch macht. Noch vor Release und Ankündigung der PS4 Pro machte „Nioh“ mit seinen Grafikoptionen von sich Reden. Denn man kann auch auf einer Standard-PS4 zwischen mehreren Optionen wählen. So habt ihr die Möglichkeit, den Titel mit 60fps und geringerer Auflösung zu spielen oder mit der vollen Grafikpracht und mit 30fps. Bei solch einem Titel bietet sich natürlich die erste Option an, welche auch ziemlich gut lief.

 

Ein großes technisches Manko ist allerdings die Programmierung der gegnerischen KI. So sind die Feinde durch die Bank dumm wie Stroh. So wird man eigentlich nur gesehen, wenn man frontal auf diese zuläuft, kommt man von der Seite oder von hinten bemerken sie einen sehr spät oder gar nicht. Falls sie den Spieler zeitig entdecken, laufen sie meist ins offene Messer. Das ist nicht immer so und trotzdem sind einige Gegner wirklich harte Nüsse, aber das schmälert den guten Gesamteindruck etwas und bedarf Nachbesserung. Ein weiterer Pluspunkt: bewegt ihr euch in schmalen und engen Arealen werden Objekte, die euch die Sicht auf William versperren transparent. Weniger schön ist aber der löchrige Effekt der Objekte, der an die Transparenzeffekte eines Sega Saturn erinnert.

 

 

Zusammen stirbt es sich doch am schönsten!

 

Auch für PS4-Spieler mit Onlineanbindung bietet „Nioh“ einige Inhalte, die teilweise stark an die Vorlage von From Software erinnern. Denn neben einem PvP-Modus, der noch per Update nachgereicht werden soll, könnt ihr euch andere Mitspieler an den Schreinen in euer Reich rufen, um dann gemeinsam auf die Yokai-Jagd zu gehen. Dieser Modus entspricht fast 1:1 dem aus „Dark Souls“. Per Geste kann man sich begrüßen und ist der Level beendet trennen sich die Wege der Spieler wieder.
In den Welten sind außerdem immer wieder Gräber gefallener Spieler zu finden, deren Geist ihr herausfordern könnt. Solltet ihr die anspruchsvollen Kämpfe für euch entscheiden, bekommt ihr meist besondere Items als Belohnung.

 

FAZIT: „Nioh“ erfrischt das Genre, wird aber nicht jedem gefallen

 

„Nioh“ ist irgendwie ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite stehen das unverbrauchte Setting mit seinem exotischen Flair, das herrliche Monsterdesign und die ausführlichen Individualisierungsmöglichkeiten eures Kampfstils. Auf der anderen Seite ist es aber einfach eine dreiste Kopie von „Dark Souls“. Doch das möchte man dem Titel nicht ankreiden, denn mal ehrlich, wie viele AAA-Spiele setzen heutzutage auf neue und eigene Spielkonzepte? Natürlich hätte man den ein oder anderen Punkt noch etwas abwandeln können, aber warum kein funktionierendes Konzept übernehmen und mit einer eigenen Note versehen? „Nioh“ ruft ähnliche Gefühle herbei wie „Dark Souls III“. Angst vor dem nächsten Boss? Check. Händezittern, da man kurz davor steht, viele Amrita zu verlieren? Check. Langsames und auf Sicherheit bedachtes Vorgehen? Check. Riesige Freude, wenn man die ersten großen Gegner legt und langsam stärker wird? Check. Und deshalb kann man dem Titel auch beruhigt eine hohe Wertung geben.

 

Ein Problem könnte es aber noch geben: „Nioh“ ist exotisch. Alles in dem Spiel strotzt vor japanischen Einflüssen. Sei es Monsterdesign, Architektur oder eben japanische Begriffe. Das könnte den ein oder anderen Spieler abschrecken, soll es aber bitte nicht. Fast aus dem Stand erreicht Team Ninja mit seinem neusten Titel den Primus „Dark Souls“, ist im Detail aber oft viel zu komplex und verwirrend. Dazu kommen technische Minuspunkte wie die schlechte KI oder die etwas altbackene Optik, die bei einer eventuellen Fortsetzung besser gemacht werden könnten. Alles in allem kann „Nioh“ aber vollends überzeugen und ist ein Muss für Fans der japanischen Kultur und für die der „Souls“-Reihe sowieso.

 






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