Nintendo Entertainment System - Nintendos grauer Wunderkasten

Verfasst von Christian Suessmeier am 27.07.2016 um 18:30

 

Beim ersten Anblick des NES fragte man sich zurecht, was genau da vor einem steht. Ist es ein supermoderner Toaster oder ein Videorekorder für Kinder. Doch als man den grauen, unscheinbaren Kasten das erste Mal einschaltete, eröffnete sich einem eine bis dahin unbekannte Welt.

 

Doch beginnen wir einige Zeit früher. Wir schreiben das Jahr 1983 und die Videospielbranche erlebte ihren großen Zusammenbruch. Zu viele Hersteller wollten auch ein Stück vom Kuchen abhaben, von dem sich Atari das Größte sicherte und drängten daher mit ihrer eigenen Konsole auf den Markt. Dass der Verbraucher irgendwann nicht mehr wusste, was er davon überhaupt kaufen soll und unter der Masse auch die Qualität der Spiele litt, führte dann letztlich zu dem großen Crash, den es so seitdem nicht mehr gab. Zugegebenermaßen betraf das vor allem den Markt in Nordamerika.

 

Bereits in den 1970ern beschäftigte man sich bei Nintendo mit dem Videospielmarkt und brachte neben der Color TV Game-Baureihe, Anfang der 80er Jahre schließlich den Vorreiter des Game Boys, die Game & Watch-Spiele, heraus. Mit den Grundkenntnissen aus der bisherigen Entwicklung von Videospielen und Geräten und dem Wunsch nach einem eigenen Hit von der Qualität eines Atari VCS 2600 angetrieben, steckte man bei Nintendo die Köpfe zusammen und setzte sich an das Konzept des Famicom.

 

Das japanische NES, das Famicom, war wesentlich farbenfroher als die westliche Variante.

 

Und so veröffentlichte man bereits am 15.Juli 1983 das Famicom(kurz für Family Computer), das bei uns einige Zeit später dann unter dem Namen Nintendo Entertainment System bekannt wurde.

 

Für rund 15000 Yen(ca. 130€) bekamen japanische Spieler nicht nur die Konsole samt zweier Controller, sondern auch eine ganze Palette voller Bugs und fehlerhafter Teile, so dass man bei Nintendo zunächst einiges an zusätzlicher Arbeit investieren und sehr viele Geräte austauschen musste. Doch dem Erfolg schadete dies keineswegs, Ende 1984 stand man bereits an der Spitze des Heimspiele-Marktes im Land der aufgehenden Sonne.

 

Natürlich wollte man nun auch in den Westen vordringen und brachte einige Ideen und Konzepte ins Rollen. Auf der einen Seite scheiterte ein Versuch, das NES unter der Marke von Atari zu veröffentlichen, auf der anderen Seite ließ man auch eine Heimcomputer-Version des NES wieder in den Papierkorb wandern.

 

Welcher NES-Besitzer spielte es damals nicht? "Super Mario Bros." ist und bleibt ein Meilenstein.

 

Schließlich überarbeite man das Design des Gerätes und ein paar technische Details für den Westen und stellte auf der CES 1985 das fertige Gerät vor, das noch im selben Jahr dann auch einen nordamerikanischen Release erhielt. Mit Titeln wie u.a. "Excitebike", "Duck Hunt" und natürlich "Super Mario Bros." gab es hochwertige Starttitel und es war für jeden Genrefan etwas dabei. Ein knappes Jahr später erfolgte letztlich auch der Release in Europa und so stand dem weltweiten Erfolg von Nintendos 8-Bit-Konsole nichts mehr im Weg.

 

Die größte Neuerung beim NES war definitiv der Controller. War es bis dahin üblich, dass man einen Joystick als Eingabegerät hatte, konnte man nun über Richtungspfeile die Figur bewegen. Das Steuerkreuz, neudeutsch D-Pad, war geboren und erschuf so einen Standard für Controller, der auch heute noch gilt. Zwar war der Controller schon damals nicht sonderlich ergonomisch und die Ecken bohrten sich förmlich in die Hände, jedoch störte das bei stundenlangen Spielesessions kaum. Denn die Spiele zogen einen in ferne Welten, die man bis dato nicht kannte.

 

Spricht man über die Spiele auf dem NES, muss man natürlich von „Super Mario Bros.“ sprechen. Selten beeinflusste ein Titel eine ganze Generation so wie Marios Rettung der Prinzessin vor dem bösen Bowser. Shigeru Miyamotos Meilenstein lag damals dem System bei und sorgte dafür, dass die Geschichte um den Klempner und kuriose Vergrößerungspilze weltbekannt wurde. Doch auch andere Serien fanden damals ihren Anfang. So zum Beispiel die Familiensaga um die vampirjagenden Belmonts in „Castlevania“, Samus Arans Weltraum-Epos „Metroid“ oder auch Links Odyssee durch Hyrule in „The Legend Of Zelda“.

 

Aber auch „Metal Gear“, „Mega Man“ oder „Probotector“ bzw. „Contra“ wurden damals auf dem NES veröffentlicht und haben heute noch eine große Bedeutung für viele Gamer.

 

Der Anfang einer echten Saga: "Metal Gear" erblickte auf dem NES(und dem MSX) das Licht der Welt.

 

Gemessen an der Zeit, in der das NES auf dem Markt war, gab es eine unglaubliche Menge an Zubehör für Nintendos 8-Bit-Kasten. Neben „Standard“-Zubehör wie einem Vierspieleradapter, einem Arcadestick mit Dauerfeuerfunktion und der Zapper-Lightgun, gab es sehr viele Kuriositäten. So war zum Beispiel der Roboter R.O.B. mit einigen Spielen kompatibel und konnte Befehle auf dem Bildschirm ablesen. Erwähnenswert ist auch der Power Glove, der durch den Film „Joy Stick Heroes“ bekannt wurde. Der futuristische Handschuh eignete sich leider auch kaum vernünftig zum Spielen und verschwand relativ schnell wieder in der Versenkung. Heutzutage genießt dieses besondere Stück Zubehör einen besonderen Ruf in der Nerdszene und findet immer wieder Erwähnung.

 

Ein weiteres Zeitzeugnis dieser Konsolengeneration und der Folgenden waren sog. Schummelmodule wie das Action Replay und das Game Genie. Zwischen Modul und Konsole gesteckt, konnte man sich so unendliche Leben oder Dauerfeuer in Spielen ergaunern. In Japan sind weiterhin einige Skurrilitäten erschienen wie die eine 3D-Brille, ein Karaokemikrofon oder ein Modem. Auch ein disketten-betriebenes Famicom Disc System wurde 1986 dort veröffentlicht, allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg. Trotzdem gab es einige Exklusivtitel für das FDS.

 

Der Power Glove ist sicherlich eines der kuriosesten Stücke Zubehör in der Geschichte der Videospiele.

 

Heutzutage unterscheiden sich die Konsolen in unterschiedlichen Regionen kaum noch voneinander, höchstens nur noch bei den Seriennummern. Früher war das noch anders. Und besonders Nintendo veröffentlichte immer wieder regionspezifische Varianten seiner Konsolen. So auch beim NES. Denn war das Famicom in Japan noch eine recht bunte Hardware, hielt man die Farben der westlichen Version eher dezent. So sollte das System weniger kindlich wirken und eher von Techniknerds akzeptiert werden.

 

Zum Ende der NES-Ära gab es in den USA und Australien nochmals eine Überarbeitung der Konsole, die optisch nun stark der US-Fassung des SNES glich. Das „NES 2“ ist heutzutage bei Sammlern besonders beliebt, da das gute Stück nicht nur PAL- und NTSC-Spiele schluckt, sondern durch die Toploader-Funktion nicht mehr so anfällig für Defekte wie das klassische NES ist. Außerdem ist der neu designte Controller viel handfreundlicher als der Alte.

 

Mit über 60 Millionen verkauften Exemplaren hält sich das Nintendo Entertainment System auch heute noch knapp in den Top 10 der meistverkauften Konsolen aller Zeiten. Auch unter Retrofans ist die Konsole ein beliebtes Sammlerobjekt, war vor allem daran liegen wird, dass für viele Gamer das NES der Einstieg in die Welt der Videospiele war.

 

Das "NES 2" war in einigen Details sinnvoll überarbeitet.

 

Lässt man mal die üblichen Emulatoren beiseite, kann man NES-Spiele heutzutage auf viele verschiedene Wege genießen. So gab es bereits auf dem Game Boy Advance die NES Classic-Reihe und auch per Virtual Console auf Wii/WiiU oder 3DS kann man heute viele Klassiker nachholen. Wer sich die Spiele jedoch als Original holen möchte, ist hier auf die einschlägigen Verkaufsseiten im Netz angewiesen. Legt man keinen Wert auf die Originalverpackung, kann man Konsole und Spiele einigermaßen günstig erwerben. Es gibt jedoch auch den ein oder anderen Schatz wie „Nintendo World Championship“ oder „Family Fun Fitness Stadium Events“, die schon für tausende von Dollar den Besitzer wechselten. Aber auch die „Mega Man“- oder „Zelda“-Spiele können in neuwertigem Zustand bis zu fünfhundert Euro wert sein.

 

Zur Überraschung der Spieleindustrie verkündete Nintendo vor zwei Wochen prompt einen „Re-Release“ des NES und zwar in Form der Classic Mini Edition. Diese wird am 11.November 2016 in den Handel kommen und 30 vorinstallierte Klassiker enthalten. Leider wird man wohl keine weiteren Spiele aufspielen können und es fehlt ein besonderer Vorgang aus der NES-Zeit: das Auspusten des Moduls, wenn es wieder mal nicht so will wie der Besitzer!!





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