In Memoriam Michael Glawogger

Verfasst von Phil Heron am 24.04.2014 um 17:03

 

Wie gestern von DVD-Forum.at berichtet, ist der österreichische Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Michael Glawogger in der Nacht auf Mittwoch, den 23.4.2014 in Liberia, Afrika an den folgen einer schweren Malariaerkrankung verstorben. Glawogger war 54 Jahre alt. Dies haben wir zum Anlass genommen, um hier im Gedenken an einen der größten und einflussreichsten österreichischen Filmschaffenden einen Nachruf zu veröffentlichen, in dem wir auf sein Leben und einige seiner Werke näher eingehen werden.

Michael Glawogger wurde am 3. Dezember 1959 in Graz, Steiermark geboren. Von 1981 bis 1982 besuchte er das San Francisco Art Institute in den USA und studierte im Anschluss daran von 1983 bis 1989 an der Filmakademie Wien. 1981 drehte Glawogger bereits seinen ersten Film, den Kurzfilm Pacific Motion, während er noch in San Francisco studierte. Dort entstand auch 1982 ein weiterer Kurzfilm mit dem Titel Street Noise. 1984 und 1987 entstanden in Wien weitere Kurfspielfilme mit den Titeln Tod eines Lesenden (mit dem er den Hauptpreis des 1. Internationalen Kurzfilmfestivals Berlin 1984 gewann)und Haiku. Im Jahr 1989 drehte Glawogger mit Krieg in Wien seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, der sich damit beschäftigte, wie in verschiedenen Teilen der Welt mit Nachrichten umgegangen wird. Im selben Jahr drehte er mit Die Stadt der Anderen einen weiteren Kurzfilm, der sich diesmal mit zwei verschiedenen Frauen in zwei verschiedenen Ländern beschäftigte, deren Leben für einen Moment unerklärlicherweise miteinander verbunden sind.

 

Foto: Slumming

 

1995 stellte Michael Glawogger seinen ersten Langspielfilm fertig, die Wiener Komödie Die Ameisenstraße. Die Ameisenstraße dreht sich um ein altes Wiener Mietshaus und deren Mieter, dass der neue Besitzer sanieren möchte. Selbstverständlich ohne die darin wohnenden Mieter. Skurril und typisch wienerisch sind die Figuren, die das Haus bewohnen und sich gegen das Rausekeln mit originellen Methoden wehren. Neben Wolfgang Böck, Robert Meyer, Brigitte Kren und Nikolaus Paryla spielten in dem preisgekrönten Film auch Burgschauspieler wie Bibiana Zeller oder Branko Samarovski mit. 1995 gewann Glawogger mit Die Ameisenstraße den Wiener Filmpreis und 1996 den Filmpreis des saarländischen Ministerpräsidenten. Ein Jahr später folgte mit dem experimentellen Film Kino Im Kopf ein Dokumentarfilm, in dem mehrere Filmschaffende über Filme erzählen, die es nie gegeben hat oder vor dem Dreh von Kino Im Kopf nicht gegeben hat.

Als Glawogger 1998 seinen Dokumentarfilm Megacities drehte, begann er eines seiner wichtigsten Themen zu behandlen, das in seinem späteren Filmschaffen immer wieder auftauchte: die Globalisierung. Mit seinen eindrucksvollen Bildern und der hintergründigen und intelligenten Herangehensweise wurde Glawogger durch Megacities auch über die Grenzen von Europa bekannt, denn als Megacities 1998 zum renommierten Sundance Film Festival in den USA eingeladen wurde, war dies der erste Film aus Österreich, dem diese Ehre zuteil wurde. Der Film erzählt die Geschichten von vier verschiedenen Menschen in vier verschiedenen Metropolen, Mumbai, New York City, Moskau und Mexico City, die trotz schwieriger Lebensbedingungen mit Einfallsreichtum und einem eisernen Überlebenswillen ihren Alltag in diesen Metropolen meistern.

 

Foto: Whore's Glory

 

Ein Thema, das Glawogger 2005 in seinem großartigen Dokumentarfilm Workingman's Death wieder aufgriff, hier aber Schwerstarbeiter auf der ganzen Welt bei ihrem Arbeitsalltag begleitete. Extreme Arbeitsbedingungen in der Ukraine, Indonesien, Nigeria, Pakistan und China wurden von Glawogger und Kameramann Wolfgang Thaler eindrucksvoll eindringlich gefilmt. Untermalt von der ausgezeichneten Filmmusik des amerikanischen Avantgardekomponisten John Zorn und inspiriert durch den Film Entuziazm (Simfoniya Donbassa) des russischen Avantgardisten Dziga Vertov ist Workingman's Death einer der besten Dokumentarfilme des 21. Jahrhunderts. Mit dem Dokumentarfilm Wohre's Glory von 2011, der Prostitution in verschiedenen Ländern zum Thema hatte, schloß sich der Kreis einer Trilogie über die Folgen der Globalisierung und des Übergangs vom 20. ins 21. Jahrhundert auf der Welt wieder.

Doch Michael Glawogger hatte trotz der Beschäftigung mit ernsten Themen nicht seinen Bezug zur Komik verloren. 2003 drehte er die Komödie Nacktschnecken mit Michael Ostrowski, Raimund Wallisch und Georg Friedrich, die einen ein wenig chaotischen Pornodreh einer Gruppe von Amateuren behandelt, die dadurch versuchen ihre finanzielle Lage zu verbessern. Einige der Figuren aus Nacktschnecken tauchten auch in seiner 2009 veröffentlichten Komödie Contact High wieder auf und versuchen sich in diesem einen mysteriösen Koffer aus Polen nach Österreich zu bringen. Mit einem vielschichtigen Soundtrack und schrägem Humor wurde Contact High schnell zu einem beliebten und oft im TV zu sehenden österreichischen Film. Neben schrägen Komödien und Dokumentarfilmen brillierte Michael Glawogger auch in Genre des Dramas. So drehte er zum Beispiel mit Burschauspieler und mittlerweile schon Hollywood Export August Diehl, Paulus Manker und Michael Ostrowski 2006 das düstere Drama Slumming, das von dem Ennui zweier junger und wohlhabender Männer (Diehl und Ostrowski) und einem exzentrischen Straßenpoeten (Manker) erzählt, dem die beiden einen folgenschweren Streich spielen, der weit über das Ziel hinausschießt. Mit Das Vaterspiel konnte Glawogger auch in dem Fach der Literaturverfilmung punkten, in dem der den gleichnamigen Roman von Josef Haslinger mit Helmut Köpping, Sabine Timoteo und Ulrich Tukur verfilmte.

 

Foto: Die Frau mit einem Schuh


Zuletzt arbeitete Michael Glawogger an einem weiteren Dokumentarfilm, der diesmal eine vollkommen neuen Herangehensweise als seine vorigen Filme haben sollte. Ende 2013 machte er sich mit Kameramann Attile Boa und Tontechnicker Manuel Siebert auf, um auf der ganzen Welt einen "Film ohne Namen" zu drehen, jedoch ohne vorgefertigten Plan oder ein besonderes Thema. Als erste Station war Kroatien auf dem Plan, danach folgten Stationen in Bosnien-Herzegowina, Albanien, Italien, Marokko und der Westsahara, Mauretanien, Senegal, Mali, Guinea und Sierra Leone. Liberia wurde aber tragischerweise nicht nur zur letzten Station der Dreharbeiten. Am 23. 4. 2014 starb Michael Glawogger an den Folgen einer schweren Malariainfektion. Die österreichische und internationale Filmwelt wird diesen vielschichtigen und einflussreichen Visionär des Kinos sehr vermissen.


  • 1981: Pacific Motion
  • 1982: Street Noise
  • 1984: Tod eines Lesenden
  • 1987: Haiku
  • 1989: Krieg in Wien
  • 1989: Die Stadt der Anderen
  • 1995: Die Ameisenstraße
  • 1996: Kino im Kopf
  • 1998: Megacities
  • 1999: Frankreich, wir kommen!
  • 2002: Zur Lage: Österreich in sechs Kapiteln (Regie mit Barbara Albert, Ulrich Seidl, Michael Sturminger)
  • 2003: Nacktschnecken
  • 2005: Workingman’s Death
  • 2005: Mai Thai
  • 2006: Slumming
  • 2009: Das Vaterspiel
  • 2009: Contact High
  • 2011: Whores’ Glory
  • 2013: Kathedralen der Kultur (Regie: Wim Wenders; Glawogger-Episode über St. Petersburg)
  • 2014: Die Frau mit einem Schuh (TV-Krimi für den ORF)




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