V'07 - Rückkehr in die Normandie

Verfasst von Eduardo D'Amaro am 01.11.2007 um 00:00 Nicolas Philiberts Doku Retour en Normandie ist eine filmische Rückkehr zu dem Schauplatz, an dem Philibert im Jahr 1976 als Regieassistent René Allios an dem Film Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma soeur et mon frère... mitgearbeitet hat. Diesem liegt ein tatsächlich geschehener Fall aus dem Jahr 1835 zu Grunde – Pierre Rivière, ein junger Mann aus zerrütteten Familienverhältnissen, tötet um seines Vaters Willen seine Mutter, seine Schwester und seinen jüngeren Bruder. Im Gefängnis schreibt Rivière sein „Memoire“, anhand dessen und weiterer Akten und Protokollen Allio ein Bild des geistig verwirrten Mannes erstellt:

Allios Film beginnt mit einer kontemplativen Einstellung – ein allein stehender Baum im Zentrum des Bildes weht im Winde – die Ruhe vor dem Sturm gewissermaßen. Denn nach den Credits erschüttert ein grausamer Leichenfund das kleine Dorf Aunay in der Normandie: Drei Mitglieder der Familie Rivière, Mutter, Tochter und kleiner Sohn, werden tot in ihrem Hause aufgefunden, blutverschmiert und brutal zugerichtet. Schnell erhärtet sich der Verdacht in Richtung des ältesten Sohnes Pierre, der sich – laut Auskunft der Dorfbewohner – ohnehin immer schon seltsam verhalten habe: Große Freude haben ihm das Quälen von Tieren und teuflisches Lachen gemacht – so Volkes Mund, der bei der gerichtlichen Befragung allerlei Anekdoten zu erzählen weiß. In seiner Zelle erhält Pierre die Gelegenheit, seine „Memoire“ niederzuschreiben, ein umfassendes Geständnis, welches die Umstände, die zu seiner schrecklichen Tat führen sollten, beleuchtet. Seine Mutter habe – trotz der vielen Kinder – seinen Vater immer gehasst und allerlei Schulden angehäuft, um Pierres Vater das Leben schwer zu machen. Der über Jahre andauernde Streit entzweit die Familie, Pierres Schwester zum Beispiel ergreift Partei für ihre Mutter – somit ist auch ihr Schicksal besiegelt. Seinen kleinen Bruder habe Pierre nur deswegen umgebracht, damit sein Vater ihn hassen würde und sein Todesurteil ihn nicht zu sehr kränke. Rivière wird nach eingehender Befragung zunächst zum Tode verurteilt, dann lebenslänglich eingesperrt. Einige Jahre später setzt er seinem Leben im Gefängnis selbst ein Ende.

Gedreht an Originalschauplätzen und mit Laiendarstellern ist René Allios Film ein präziser Blick auf die gesamte Bandbreite ländlichen Lebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er fächert nach und nach auf, was im Verborgenen bleiben sollte und erzeugt durch seinen verklärten Blick auf die durch und durch verwahrlosten Lebensumstände Spannung und Authentizität. Falscher Pathos ist fehl am Platze, deshalb verzichtet der formal recht strenge Film auch auf Musikuntermalung oder malerische Landschaftsaufnahmen.

Knapp 30 Jahre später entstand Retour en Normandie - die Rückkehr des Regieassistenten an den Entstehungsort des Films. In dieser Doku kommen Beteiligte nochmals zu Wort und erinnern sich an die Dreharbeiten des Films, bei denen alle gleichermaßen mithalfen und es keine Aufgabentrennung gab. Auch Pierre Rivière Darsteller Claude Hébert taucht wieder auf: Er ist mittlerweile Missionar auf Haiti!