V'07 - Die Märchen vom roten Ballon
Die VIENNALE zollte dem „roten Ballon“ gleich doppelt Tribut: Denn neben dem aktuellen Spielfilm des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien mit Juliette Binoche in der Hauptrolle, präsentierte das Festival auch dessen geistiges Vorbild, den ca. 40 minütigen Le ballon rouge des französischen Filmemachers Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956.Der – wenn man so will – Originalfilm erzählt ein modernes Märchen, in dem ein kleiner Junge einen großen roten Luftballon findet, der ihm von nun an auf seinen Wegen durch Paris begleitet. Diese Freundschaft ist allerdings den anderen ein Dorn im Auge: Angefangen damit, dass der Ballon nicht in der Straßenbahn mitfahren darf, ihn die Mutter nicht ins Haus lässt, endet es schließlich damit, dass der rote Ballon von einer Bande Straßenjungen entführt und gesteinigt wird. Der Junge kommt zu spät, doch es geschieht noch etwas Wundersames: Hunderte Luftballons fliegen dem Ort des Geschehens zu und der Junge mit ihnen über die Dächer von Paris…
Albert Lamorisses „Kurzfilm“ steckt voller Poesie und begeistert groß und klein. Vor allem die schier unglaubliche Liebe zum Detail, welche diesen Film von Anfang bis Ende erfüllt, lässt staunen, lachen und rührt zu Tränen. In Le ballon rouge gibt es trotz der verhältnismäßig kurzen Laufzeit mehr zu erleben, als in den meisten zwei Stunden Filmen: Von Spaziergängen im regnerischen Paris, in denen der Junge versucht, den Ballon unter die Regenschirme anderer Passanten zu bringen, bis zu der fabelhaften Schlusssequenz, in der der Junge an einem Bündel bunter Luftballons hängend in den Himmel steigt – Lamorisse erzählt seine Geschichte mit so viel Würde und Respekt für seine Zuschauer – ob jung oder alt. Nach der Nachmittagsvorstellung des Gartenbaukinos, welche leider von viel zu wenigen Menschen besucht wurde, sah man jedenfalls nur strahlende Gesichter im Publikum.
Zuvor wurde ein weiterer Kurzfilm Lamorisses gezeigt, Crin Blanc (1953), ein schwarz weiß Film, in dem wieder eine besondere Freundschaft im Mittelpunkt steht: Der junge Folco lebt mit seiner kleinen Schwester und seinem Großvater in einem abgelegenen französischen Landstrich, in dem es viele Wildpferde gibt. Deren Anführer ist Crin Blanc (Weiße Mähne), der wildeste Hengst von allen, und es ist noch keinem Menschen gelungen, ihn zu zähmen. Eine Gruppe verwegener Cowboys versucht es dennoch – und scheitert fortwährend. Schließlich gehen sie sogar so weit, dass sie Crin Blanc in ein Feld treiben, das sie anzünden. Folco, der langsam das Vertrauen des Pferdes gewann, rettet Crin Blanc aus den Flammen und schwimmt mit ihm ins Meer hinaus…
Auch in Crin Blanc steht die idyllische Welt eines Kindes der rauen Wirklichkeit der Erwachsenen gegenüber. Und wie später in Le ballon rouge scheint der einzige Ausweg aus dieser Situation die Flucht ins „blaue“ – ob nun das Blaue des Himmels oder des Ozeans zu sein. Crin Blanc verblüfft vor allem wegen seiner vielen wagemutigen Aufnahmen von Wildpferden in Aktion und stellt ein weiteres Meisterwerk Lamorisses dar.
Der taiwanesische Regisseur Hou Hsiao-Hsien (Café Lumière) ließ sich von Le ballon rouge inspirieren und schuf ein ebenso einfühlsames und doch grundlegend anderes Werk, das mehr als Hommage an den Film, als ein Remake zu sehen ist. Zu Beginn suggeriert der Film zwar, ein solches zu sein, da er ebenfalls mit dem Fund des roten Ballons durch den jungen Simon startet, dann jedoch entwickelt sich Le voyage du ballon rouge in eine völlig andere Richtung. Simon lebt mit seiner allein erziehenden Mutter Suzanne (fabelhaft: Juliette Binoche) und seiner neuen Babysitterin, der chinesischen Filmstudentin Song (Fang Song) in Paris. Es sind die alltäglichen Probleme, welche den Plot des Films ausmachen: Simons geliebte ältere Schwester lebt in Brüssel um ihren Großvater zu pflegen, sein Vater sucht die Abgeschiedenheit auf dem Lande, um dort an einem neuen Buch zu arbeiten. Suzanne leiht den Puppen im Kindertheater ihre voluminöse Stimme und muss sich mit nervigen Untermietern quälen… Mit Song zieht Simon durch Paris um einen Film über den „roten Ballon“ zu drehen.
In der Stille und in den Schreien des Alltags, den der Film weitestgehend portraitiert, liegt die Poesie von Le voyage du ballon rouge. Hou Hsiao-Hsien schafft es nämlich mühelos, diesen Alltag mit Leben und Authentizität zu füllen. Hinzu kommen noch die wunderbar ausgeleuchteten Bilder, die in deren Ruhe der Gegenpol zum mehr oder weniger hektischen Alltagsleben liegt. In einer der schönsten Szenen des Films, wagt Hsiao-Hsien einen Rückblick auf „bessere“ Zeiten, als Simon mit seiner großen Schwester in einem Lokal „Emmenez-moi“ von Charles Aznavour hört – „hebe mich empor“. Der neue Ansatz des Films ist es, den roten Ballon in den Hintergrund zu rücken. Dennoch ist seine Präsenz durchgehend zu spüren, wie ein Schutzengel schwebt er über den kleinen Simon, der diesen womöglich gar nicht einmal bemerkt hat. Hou Hsiao-Hsien ist ein modernes Märchen gelungen, welches vor Anspielungen auf (Film-)kunst nur so strotzt und nebenbei beweist, dass „Remakes“ mit völlig neuen Zugängen mehr als nur Existenzberechtigung haben. Ein wunderschöner Film!



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