Zahnlose Franzosen - Die alte Regiegarde enttäuscht auf der VIENNALE
Mit den neuen Werken von Jacques Rivette, Claude Chabrol und Pascal Bonitzer hat die VIENNALE auch heuer wieder dafür gesorgt, dass der Wein- und Käsestaat mit Filmen ihrer bekanntesten Regisseure vertreten ist. Doch die neuen Werke der alten Meister enttäuschen…Hier ein Überblick:
La fille coupée en deux (R: Claude Chabrol, mit Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand, Mathilda May, Dauer: 115 Min)
Chabrol prägt das französische Kino wie kaum ein anderer in den letzten 50 Jahren. Alle zwei, drei Jahre bringt er einen Film ins Kino und wie ein roter Faden zieht sich die Kritik an der französischen Bourgeoise durch sein Werk. Thriller wie Das Biest muss sterben zählen zum allgemeinen Filmkanon. In seinem neuen Film ändert sich an diesem Konzept nur wenig: Die junge hübsche Wetteransagerin Gabrielle trifft zuerst den rund 30 Jahre älteren Schriftsteller Charles (Chabrol Stammakteur Francois Berléand), dann auf den jungen gleichermaßen exzentrischen wie verwöhnten Erben Paul (Benoît Magimel). Hin und her gerissen zwischen beiden Männern, die ihr jeweils nur einen Teil dessen geben können, den sie verlangt, scheinen sich die Probleme mit Charles Abreise von selbst zu lösen. Als sie Paul schließlich heiraten will, steht Charles wieder vor der Tür…
Kritik am französischen Bürgertum hat auch Chabrol schon subtiler formuliert. Hier geht diese nicht über die eindimensionalen Charaktere (verwöhnter Sohn, hochnäsige Mutter und zwischendurch weitgehend sinnfreie Gespräche über Mozart) hinaus. Überhaupt will das Personenkonstrukt, welches Chabrol entwirft, nicht so recht in sich zusammenpassen. Vor allem Charaktere wie Charles Ehefrau und dessen Verlegerin, mit denen er ebenfalls eine sehr seltsam anmutende Beziehung zu führen scheint, scheinen auf verlorenem Posten zu stehen.
Im Zentrum des Films steht Ludivine Sagnier, die sich wieder von ihrer verführerischen Seite zeigt, und so wirkt zumindest die Schlussszene, in der die Ankündigung des Filmtitels gewissermaßen auch in die Realität umgesetzt wird, nach. Der Rest, zwischen Liebesdrama und zum Schluss sogar Thriller schwankend, vermag dies nicht.
TERMINE:
25.10. – 13:00 Uhr – Gartenbaukino
26.10. – 18:30 Uhr - Urania
Ne touchez pas la hache (R: Jacques Rivette, mit Jeanne Balibar, Guillaume Depardieu, Michel Piccoli, Bulle Ogier, Dauer: 137 Min)
Auch Jacques Rivette zählt mit seinen Filmen wie Die schöne Querulantin zu den ganz großen des französischen Kinos. Sein neuer Film ist zwar schön anzusehen und auch lieblich anzuhören – inhaltlich jedoch äußerst hohl. Die Geschichte um die Herzogin von Langeais, welche sich in einen General verliebt, stammt aus der Feder von keinem geringeren als Honoré de Balzac und schildert einmal mehr, wie gesellschaftliche Schranken, die von Protagonisten nicht überwunden werden wollen, Liebesgeschichten und Heiratssachen verhindern. Ganz der literarischen Vorlage und dem historischen Flair entsprechen, lässt Rivette seine Akteure extrem gekünstelt von meist höchst irrelevanten Dingen sprechen. Wem nutzt das noch? Gibt es solche Geschichten nicht schon zu Hauf?
Das 137 minütige Quasselepos war in Berlin für den Goldenen Bären nominiert, erfreute sich aber dort nicht nur Beliebtheit. Für Frauen in fortgeschrittenem Alter mag der Film ja noch ganz nett sein, ansonsten kann der Filmtitel auch als Bitte des Regisseurs an Kritiker und Zuschauer verstanden werden: „Bitte, verreißt meinen Film nicht!“
TERMINE:
25.10. – 17:30 Uhr – Gartenbaukino
26.10. – 21:00 Uhr – Metrokino
Je pense a vous (R: Pascal Bonitzer, mit Edouard Baer, Géraldine Pailhas, Marina de Van, Charles Berling, Hippolyte Girardot, Dauer: 82 Min)
Über die Qualität der ersten beiden von mir beschriebenen Filme lässt sich sicher streiten, und natürlich stehen Geschmacksvorlieben des einen denen des anderen gegenüber. Diesen Diskurs jedoch auf diesen Film anwenden zu wollen, lasse ich nicht gelten. Denn Je pense a vous ist vielleicht handwerklich nett und schnörkellos – nicht anders als die anderen „Durschnittsfranzosen“, die man entweder mag oder nicht, aber inhaltlich wirklich übelst. Was uns Regisseur Pascal Bonitzer (der übrigens auch am Rivette Film mitgearbeitet hat) hier auftischt, sind nicht mehr als sexistische Altmännerphantasien. Schuld sind wie immer nur zwei Dinge: Handys und Frauen.
Eigentlich alles sehr simpel: Herrmann trifft zufällig seine Ex wieder, die mit dem Psychologen zusammen ist, der Herrmanns Freundin/Frau betreut. Wäre da nicht noch der fiese Worms, der dieses Zusammentreffen via MMS für die Nachwelt festhält und auch gleich an Herrmanns Freundin schickt, die zugleich seine, also Worms, Ex ist, und mit ihr wettet, ihr Geliebter würde ihr von dem Treffen nichts erzählen. So weit, so einfach. ABER: Herrmanns Freundin verliebt sich auch noch in ihren Psychologen, während sich Herrmann und seine Ex wieder näher kommen. Worms kann das egal sein, denn der hat eine rassige Russin im Wohnzimmer. Ausgehend von diesem Vierergespann, in welches das fünfte Rad regelmäßig hineinfunkt sollte sich eine amüsante Beziehungskomödie entfalten. Positiv amüsant ist sie dann, wenn gewisse Wortwitze oder komische Szenen funktionieren. Negativ amüsiert ist man aber vor allem von dem Weltbild Bonitzers, das er vermittelt: Da will die Ex die aktuelle Freundin Herrmanns im Bad ertränken, der gerade noch das Schlimmste verhindert. In der nächsten Szene findet man sich schon sympathisch und verführt Herrmann gleich zum flotten Dreier. Aus welchem Pornofilm ist das denn? Ebenfalls obligatorisch für diese Art von Film ist die generell sehr freizügige Darstellung der Frauen, die sich nehmen was und wen sie wollen – an sich ja nicht schlecht, nicht aber, wenn sie trotzdem abhängig bleiben, die Erkenntnis, dass (wir) Männer doch nichts als unschuldige Opfer der weiblichen Reize sind und last but not least, dass auch eine Hauptfigur am Schluss sterben muss, damit wenigstens ein Pärchen glücklich bleiben kann. Eigentlich eine Schande, so etwas altmodisches und reaktionäres auf einem sonst so „offenen“ Filmfestival wie der VIENNALE zu zeigen.
TERMINE:
22.10. – 21:00 Uhr – Urania
23.10. – 13:00 Uhr - Gartenbaukino



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