Interview mit Regisseur Alexander Hahn zu Midsummer Madness

Verfasst von Eduardo D'Amaro am 19.09.2007 um 00:00

 AUCH EIN ORDINÄRER QUICKY KANN MANCHMAL SEHR SCHÖN SEIN - Regisseur Alexander Hahn über seinen neuen Film Midsummer Madness




Der Zufall meint es manchmal doch ganz gut mit den Menschen. Und so fand sich in meinem Posteingang eine e-mail von Regisseur Alexander Hahn, der sich für das Filmreview bedankte. Die Gelegenheit am Schopfe gepackt, stellte ich ihm auch gleich ein paar Fragen zu seinem neuesten Film - die Antworten will ich an dieser Stelle nicht vorenthalten:


Was kann dich an einer Mittsommernacht faszinieren?

Der Flügelschlag eines Schmetterlings im flachen Licht der langsam im Meer untergehenden Sonne. Der zärtliche Kuß eines Mädchens, die nichts trägt außer eines Blumenkranzes auf dem Kopf. Das Kitzeln eines lettischen Bieres auf der Zunge, die ich mit einem Stück Kümmelkäse besänftige. Das Knistern der Feuer, die überall in Lettland angezündet werden. Die Blüte des magischen Farns. Aber ein ordinärer Quicky kann auch manchmal sehr schön sein.


Was kannst du zur Idee, die hinter der dramaturgischen Struktur des Films steht sagen? Waren zuerst die Geschichten da, oder zuerst der „Aufbau“ des Films konzipiert?

Ich wußte, dass in dieser Nacht in Lettland viele Unfälle passieren, so wie in Österreich zu Weihnachten, wenn man mit Feuer spielt. Für mich war klar, dass alle Handlungsfäden sich im Krankenhaus treffen werden. Eine Geschichte sollte dominant und etwas ernster sein, die anderen Stories sollten den Hauptplot (Curt auf der Suche nach seiner Halbschwester) auflockern.


Welche Beziehung hast du zu Lettland?

Ich habe Lettland verlassen als ich zehn Jahre alt war. Ich habe noch viele Verwandte dort und hab das Land regelmässig besucht. Vor einigen Jahren hab ich meine Frau Jolanta, eine Lettin, beim Neujahrs-Barbecue übrigens im Garten meines Freundes Talivaldis Margevich, eines namhaften lettischen Dokumentarfilmers kennen gelernt. Und Talis erzählte mir damals die Legende vom blühenden Farn. Es heisst, man könne einen blühenden Farn im Wald finden in der Mittsommernacht, wenn man die wahre Liebe gefunden hat.


Wie kam es zur Besetzung der einzelnen Figuren? Es sind bekannte Schauspieler aus vielen Ländern vertreten – wie bist du an sie mit dem Projekt herangetreten?

Vor drei Jahren, es war zwölf Uhr mittags, saß ich mit dem Produzenten Markus Fischer in seinem Linzer Büro und haben uns intensiv Gedanken gemacht über den Cast. Wir haben Fotos ausgedruckt und sie an eine Tafel gehängt. Am Ende des Tages hatten wir die Besetzung. Im Nachhinein ist das wirklich erstaunlich, daß wir alle Schauspieler auch bekommen haben.

Für die Kontakte zu den Schauspielern bin ich vor allem einer Person dankbar: Millie Comfort. Sie war die Produktionsleiter von "Goodbye Lenin" und "Männerpension" und einigen Tom Tykwer Filmen. Sie hat sie einfach angerufen und gesagt, sie liebe das Drehbuch und dass sie einfach mitmachen müssen. Und so geschah es auch.

Die Arbeit mit allen Stars war erstaunlicherweise easy. Alle waren locker drauf, haben sich gefreut, Lettland einen Kurzbesuch abzustatten. Sie haben mich nicht spüren lassen, daß sie Stars sind. Das hängt damit zusammen, daß wirkliche Stars sich nichts mehr beweisen müssen. So konnten wir die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, konfliktfrei genießen. Ich habe übrigens auch eine kleine Rolle gespielt, einen Polizisten, der Tobias Moretti mit einem Stock in den Rücken schubst. Die Szene haben wir 43 Mal gedreht. Dann hatte ich genung. Eine sehr angenehme Erfahrung. Jetzt möchte ich natürlich nur noch mit Superstars arbeiten :)


Wie war beispielsweise die Arbeit mit Dominique Pinon und Maria de Madieros und wie bist du auf sie gekommen?

Es war ein langersehnter Traum, mit Dominique Pinon arbeiten zu dürfen. "Delicatessen" ist einer meiner Lieblingsfilme. Die Rolle der Livia hab ich ursprünglich für Rossy de Palma geschrieben, die aber kurz vor dem Dreh aus privaten Gründen absagen musste. Und dann kam Maria de Medeiros ins Gespräch. Wir haben ihr das Buch geschickt. Und als sie hörte, daß auch Dominique Pinon dabei ist und Tobias Moretti, hat sie spontan ja gesagt.


Bekamen die Schauspieler eigentlich auch etwas vom Dreh der anderen Episoden mit, in denen sie nicht zu sehen sind?

Nein, die Schauspieler bekamen nichts von den anderen Episoden mit. Sie kamen, drehten eine Woche, dann kamen andere etc. Am Flughafen und im Krankenhaus gab es Überschneidungen einiger Episoden. So sind sich zum Beispiel Chulpan Khamatova, Orlando Wells und Dominique Pinon auch tatsächlich in Riga begegnet, am Flughafen. Wir haben auch oft mit Doubles arbeiten müssen weil nicht alle Schauspieler zur gleichen Zeit da waren.


Wurde der Schluss zu Beginn oder zu Ende der Dreharbeiten gedreht?

Anfang und Schluß, also alles, was im Flughafengebäude spielt, wurde als erstes gedreht, 4 Monate vor dem Sommerdreh. Der Nachteil war: es hatte minus 18 Grad draußen und drinnen war es auch nicht sehr warm. Der Vorteil: wir konnten in einem Teil des Flughafens drehen, der noch nicht in Betrieb war. So hatte wir ein riesiges Studio für uns. Die Szene, in der Maja (Birgit Minichmayr) den verbrannten Popo von Curt (Orlando Wells) behandelt, und die im Krankenhaus spielt, wurde in unserem "Flughafenstudio" aufgebaut. So konnten wir die Rolle von Birgit Minichmayr in einigen Tagen abdreht. Birgit hat Lettland im Sommer nie erlebt.


Wie kamen die Produktion und die Finanzierung dieses „europäischen“ Projekts zu Stande?

Alles hat angefangen mit einer email vom Sundance Institute. Ich sollte ein Drehbuch dort einreichen. 1 Million Dollar für konnte man gewinnen. Zunächst wollte ich nicht mitmachen, dann hat mich mein "Schreibfreund" Alexander Mahler überredet. Leider haben wir die Deadline verpasst und somit die Million nicht gewonnen. Aber wir hatten ein englisches Drehbuch. Ich hab es einigen Produzenten angeboten. Markus Fischer hat sofort reagiert und das Werk optioniert. Dann wurden wir sehr unterstützt vom Österreichischen Filminstitut. Wir haben es beim Co-Production Market in Tallinn vorgestellt. Ein englischer, lettischer und später auch noch ein russischer Produzent kamen an Bord. Bei Eurimages wurden wir ohne Gegenstimme gefördert. Ganz Europa wollte diesen Film. Jetzt hat es ihn.


Womit bist du im Nachhinein besonders zufrieden? Gibt es etwas, das du anders machen würdest?

Ich bin zufrieden, daß die zahlreichen Insektenstiche bei mir keine bleibenden Schäden verursacht haben. Ich werde zufrieden sein, wenn der Film es schafft, meine ehemalige Heimat etwas bekannter zu machen. Und wenn Lettland nicht mehr mit Litauen verwechselt wird.

Wenn ich den Film noch einmal drehen würde, würde ich nicht im Juni drehen, sondern Anfang August. Da sind die Nächte etwas länger. Und da mein Film zum Großteil in der Nacht spielt, wäre es schön gewesen etwas länger drehen zu dürfen.


Wenn du die Ereignisse, die in dieser verrückten Mittsommernacht passieren prägnant in einem kurzen Satz auf den Punkt bringen müsstest, welcher wäre das?

Wie wird man ein Lettenlover.

oder: Moretti blond. Düringer nackt.


Was können wir von einer DVD-Veröffentlichung an speziellem Bonusmaterial erwarten? Bist du selbst bei der Produktion dieser involviert?

Ich hoffe sogar auf eine Doppel DVD. Die internationale Fassung + Director's cut, in dem hauptsächlich schlechtes Englisch gesprochen wird, aber auch Deutsch, Italienisch, Spanisch, Lettisch und Russisch. Und der eine zusätzliche russische Episode enthält: zwei Kleingangster sind alles andere als an Liebe interessiert in dieser Nacht. Sie bohren lieber eine Erdölleitung an...

Ich nehme an, ich werde auch bei der Produktion der DVD mithelfen.


Zum Abschluss: Ich habe in deiner Filmografie einen Titel entdeckt, der mich neugierig gemacht hat: Worum gehts in Augustus Interruptus?


"Augustus Interruptus" ist ein Kurzfilm, den ich im schwäbischen Augsburg drehte. Die Römerstadt hiess früher Augusta Vindelicorum. Daher "Augustus".

"Interruptus" bezieht sich mehr auf das Orgasmusproblem einer Volksschullehrerin. Mal sehen, vielleicht ist das ja was für die DVD.



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An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Alexander Hahn für die rasche Beantwortung meiner Fragen und die netten mails!



Bildquelle: imdb.com