Das Fest - Vergleich von Film und Theaterstück

Verfasst von Student Slasher am 07.12.2004 um 00:00

Feiern auf Leinwand und Bühne – Dasselbe Fest in zwei Medien

Ein Vergleich zwischen Thomas Vinterbergs Film „Das Fest“ mit der Inszenierung Albert Langs am Nürnberger Staatstheater




Ein gründlicher Blick auf die Bühne genügt, um zu sehen, was heute Abend passieren wird (wer den Film kennt ist natürlich im Vorteil und sieht mehr). Noch bevor die ersten Charaktere auftreten, gibt das Bühnenbild Hinweise auf das Kommende. Ein Festbankett steht an – die Tische sind bereits gedeckt und warten nur noch auf die Gäste. Ihrer drei, überbrücken sie den Mittelteil des Flickwerks aus schiefen Podesten und abschüssigen Rampen. Dieses Bühnenbild ist nicht nur Ausstattung und Hintergrund (den eine einholbare Leinwand mit Sonne bildet); es schlägt das Thema von Vinterbergs und Rukovs Drehbuch an; gibt ihm eine bildlich-materielle Form. Es zeigt uns noch bevor der erste Festteilnehmer erschienen, bevor das erste Wort gefallen ist, an: Hier gerät eine Festgesellschaft aus den Fugen, hier kommt eine Familie in Schieflage. Wenn die drei Tische dieses abschüssige Flickenmuster wie hineingetackerte Klammern zusammenhalten, wird die rituelle Zeremonie als sozialer Kitt bestimmt. Denn das ist das Fest: Forcierter Zusammenhalt und Ersticken jeglichen Missklangs, der die gesellschaftliche Eintracht stören könnte. Im skandinavischen Kino ein immer widerkehrendes Thema, sei es in Form der abweisenden, bigotten Religionsgemeinschaft („Insel der Finsternis“), der selbstbezogenen Insel- bzw. Dorfgemeinschaft und ihres Umgangs mit „Tabubrechern“ („Bye Bye Bluebird“), des isolierten Aneinandervorbeilebens inner- und außerhalb der Familie („Richtig menschlich“, „Fiasko“) oder der selbstsüchtigen, gefühlskalten Festtagsamokläufe („Nar nettene blir lange“ von Mona J. Hoel erzählt eine ähnliche Grundidee ebenfalls nach Dogma-Regeln in einem closed space).

Es ist die Eigenart der Familienfeste kaschierte Konflikte an den Tag zu bringen. Im „Fest“ ist die Kohäsions-Funktion des Familienrituals zunehmend destabilisiert und schließlich völlig entkräftet: Das Gravitätszentrum, Vater und Jubiliar, aus der Mitte gestoßen, die einzelnen Teile emanzipiert. Darin folgt die Inszenierung Albert Langs am Nürnberger Staatstheater konsequent der dramatischen Vorlage. Dieser Weg ist nicht immer einfach, sind doch die Medien Film und Theater nicht beliebig untereinander substituierbar. Während Thalheimer die Zuschauer klugerweise zu Gästen machte und ihnen damit die Nähe zum Geschehen verschaffte, die das Medium Film – ganz besonders die Dogma-Filme – dem Betrachter bietet, bleibt es in Nürnberg bei Trennung und Guckkastenperspektive. Ein klares Hemmnis, denn nun fehlen nicht nur die Schnitte (die sich der Zuschauer – sofern ihm die Regie überhaupt parallele Szenen und Handlungen bieten mag – durch Verknüpfen des Gleichzeitigen oder durch In-Bezug-Setzen des linear Abfolgenden erschließen und gestalten muss) sondern auch die Nahaufnahmen. Ohne close ups und Zooms würde „Das Fest“ nicht so gut funktionieren, subtile Bezüge herstellen und Verhältnisse bezeichnen. Was kann das Theater aus der Totalen dem entgegensetzen? Einen alten Trick: Den Monolog ad spectatores. Auf diese Weise tritt der Vater in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Sein Profil schärft sich in unserer Wahrnehmung, da er seine Gedanken nicht durch einen Gesichtsausdruck formen muss (wer lenkte den Zuschauerblicke und spräche: Schaut, jetzt, auf ihn – und nun rasch wieder zurück!), sondern sich direkt, in Worten, an uns wenden kann. So ganz kann dieser Kniff die Lücke nicht füllen – die Schnitttechnik ist den Bühnenmitteln in dieser Hinsicht überlegen.

Doch das Problem der Gleichzeitigkeit und der Herstellung von Bezügen in der Gleichzeitigkeit kann auch eine Herausforderung mit Vorzügen sein. In den Szenen der drei Geschwister in ihren Zimmern findet das Theater die bessere Lösung. Ihr zeitliches Nebeneinander lässt sich auf einer geräumigen Staatstheaterbühne sehr gut darstellen. Lang und sein Team bleiben der Vorgabe des Films treu und beweisen zugleich ihre Überlegenheit gegenüber dem Filmschnitt an dieser Stelle. Die drei Paare spielen nur wenige Schritte voneinander entfernt und definieren doch ihren eigenen abgeschotteten Raum. Während der Fokus zwischen ihnen wechselt, führen die gerade nicht Sprechenden ihre Handlung in stummem Spiel weiter. So wird nicht nur ein Raum durch Spiel und Beleuchtung elegant in drei Räume geteilt und Gleichzeitigkeit in der räumlichen Dimension ermöglicht, sondern auch eine allzu unpraktische Parallelisierung vermieden, indem der Text zwar dem strikt linearen Schema des Nacheinander folgt, das kontinuierliche Spiel die Gleichzeitigkeit aber auch in der zeitlichen Dimension verankert.

Überhaupt geht die Inszenierung gewieft mit den aristotelischen Einheiten um. Deren Verbindlichkeit laut Dogma-Manifest ist eines der Argumente für eine Umsetzung des Stoffes auf dem Theater. Lang übertrumpft das reduktionistische Streben der Dogma-Gründer noch, indem er die Einheit des Ortes in sich selbst weiter reduziert. Nicht mehr das Hotel, sondern der Festsaal ist der einzige vorhandene Raum. Je nach Bedarf wird er durch angrenzende Türen oder ein Luke im Bühnenboden erweitert, wird er durch das Spiel der Darsteller, die Ausleuchtung und einige wenige Requisiten abgegrenzt und neu geformt. In dieser Ökonomie geht die Inszenierung mit dem Film und seinen Regeln konform: keine überflüssige Ausstattung, keine großen Umbauten und langwierigen Szenenwechsel, Funktionalität und Zweckmäßigkeit statt Pomp und Effekt.

Soviel zu den technischen Mitteln. Doch was ist mit dem belebten Material, den Charakteren? Stefan Lorch erreicht als Christian nicht immer die Ausstrahlungskraft von Ulrich Thomsen und entwickelt sich in Nürnberg auch nicht so zur zentralen Figur. Sebastian Hölz’ Michael bewegt sich nahe an der energetischen, intensiven Umsetzung, die man von Thomas Bo Larsen kennt, ohne darüber zum Abklatsch zu werden. Zwar ist auch Hölz kein Mittelpunkt – ebenso wenig wie Tanja Kübler als Helene – doch ragt er aus dem Ensemble heraus. Kübler findet für die verträumt-kindliche Seite der Schwester einen überzeugenden Ausdruck, meistert auch die Schwierigkeiten der zornigen Momente und ihres korrigierenden Eingreifens passabel, bleibt aber ausgerechnet in der Szene ihrer größten Trauer zu zaghaft, dem Klischee verhaftet anstatt ihrem Schmerz nachzufühlen und ihn in die schonungslose Realität des Stücks einzupassen. Zweifelsohne kein Problem ihrer Präsenz. Koch Kim (Pius Maria Cüppers) wird nach seinem ersten Auftritt zum Glück vor der Anlage als Witzfigur gerettet, aber als Rückendeckung und strategisch handelnder Antreiber des geschwisterlichen Widerstandes verschenkt. Da wussten Vinterberg und Rukov ihren Küchenchef und seine Streitmacht weitaus besser auszuarbeiten und in Szene zu setzen. Jochen Kuhl und Jutta Richter-Haaser bleiben blass, wenngleich der Trick mit den Monologen die Figur des Vaters überhaupt erst für die Bühne greifbar und den Zuschauer plastisch werden lässt. Leider reicht das noch nicht aus, um den Nachteil des Mediums Theaters und seiner Distanz gegenüber dem Film wettzumachen.

Damit ist das zentrale Problem der Aufführung eingekreist. Sicherlich ist „Das Fest“ ein sehr, sehr guter Film und als Meßlatte sehr hoch. Man kann an seiner Adaption scheitern – durchaus glanzvoll. Der Grund dafür, dass er so gut funktioniert, dürfte gerade im verwendeten Medium zu suchen sein. Was die Mittel des Mediums betrifft, so hat sich gezeigt, dass sowohl der Film als auch das Theater seine Vorzüge hat. Die räumliche Distanz der Nürnberger Inszenierung kann insgesamt durch einige gelungene Umsetzungen und intelligent gewählte Techniken gemildert, doch nicht völlig aufgewogen werden. Womöglich gibt das Wesen des Mediums in diesem Falle den Ausschlag. Obwohl der Realitätsbezug des Stückes und die erkennbar verständliche Schaffung eines illusionistischen Rahmens (etwa in den gleichzeitigen Szenen auf den Zimmern der Geschwister) über weite Strecken offen liegen, schafft es der Film als fiktionales Werk mit seinen dem Dokumentarfilm entlehnten Regeln zum einen realitätsnaher zu wirken, zum andern den Betrachter in einen fesselnden Sog zu ziehen, den man sonst so nur aus hochgradig illusionistischen Filmen kennt. So paradox es klingen mag: Der Film, der sich gegen das Illusionskino richtet und – was er auch nicht ändern, nur unterlaufen kann – in dem illusionistischen Medium schlechthin wirkt, ist in der Verneinung der Illusion eine derart vollständige Illusion, dass er schon wieder als Darstellung der Realität begriffen werden kann. Dem Theater hingegen, dass doch in seiner Unmittelbarkeit, seiner physischen Präsenz das realitätsspiegelndere Medium sein sollte, gelingt es weder so recht lebendes Abbild der Realität noch Illusion mit Sogwirkung zu sein. Irgendwie ist es nur – Theater.


Nürnberger Inszenierung nach dem Originaldrehbuch von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov, für die Bühne bearbeitet von Bo hr. Hansen, deutsch von Renate Bleibtreu. Premiere: 9.10.04 im Schauspielhaus.

Uraufführung: 11.09.00 Staatsschauspiel Dresden, in der Regie von Michael Thalheimer