Yasuzo Masumura - Engel des Kinos - Retrospektive im Filmmuseum Wien
Das Österreichische Filmmuseum widmet dem Vertreter der japanischen Nouvelle Vague im Februar eine ausführliche Retrospektive. Vom 6. bis 21. Februar 2008 werden aus dem über 60 Filme umfassenden Oeuvre des Regisseurs 18 Hauptwerke gezeigt.
Yasuzô Masumura – Jahrgang 1924 – studierte Jura und Philosophie und war der erste Japaner, der am berühmten Centro Sperimentale in Rom unter Regiegrößen wie Michelangelo Antonioni oder Luchino Visconti Regie studierte. Dort verfasste Masumura eine Abhandlung über die Geschichte des japanischen Kinos. Nach seiner Rückkehr entstanden bei den Daiei Studios seine ersten Langfilme: Kuchizuke (Der Kuss), Aozora musume (Junges Mädchen unter blauem Himmel) und Daryû (Warme Meeresströmung).
Später sollten sich vor allem Regisseure wie Ôshima Nagisa auf Masumura als Vorbild beziehen – im Gegensatz zu ihnen blieb Masumura jedoch ein Handwerker des Studiosystems. Aus den beiden Filmen Kuro no Test Car (Der schwarze Testwagen, 1962), einem Industriespionage-Thriller und Heitai yakuza (Yakuza unter Soldaten, 1965), einem anarchistischen Kriegsfil, sollten die Daiei Studios schließlich sogar erfolgreiche Reihen produzieren.
Schließlich sind es vor allem leidenschaftlich verrückte Frauenfiguren, die im Zentrum des Werkes Masumuras stehen sollten: Ob nun als hingebungsvolle Krankenschwester in Akai Tenshi (Der rote Engel, 1966) oder als betörend schönes, lasziv destruktives Modell in den Händen der „blinden Bestie“ (Mojû, 1967). Dabei bricht Masumura auch mit allerlei Tabus – sei es die Schilderung einer lesbischen Beziehung in Manji (Wirrungen, 1964) oder in dem skurril erotischen Geishadrama Irezumi (Spider Tatoo, 1966).
Das Spätwerk Masumuras steht nicht mehr besonders im Fokus der Retrospektive und wird nur durch zwei Filme repräsentiert, das mit religiösen Motiven spielende Drama Daichi no kommoriuta (Wiegenlied der Erde, 1976), und der poppig-naturalistische Sonezaki shinjû (Doppel-Selbstmord in Sonezaki, 1978). Kenner vermissen hier eventuell den zweiten Teil der berühmt-berüchtigten „Hanzo“- Reihe Goyôkiba: Kamisori Hanzô jigoku zeme (Hanzo the razor: The Snare, 1973). In den 80er Jahren bis zu seinem Tod 1986 war Masumura hauptsächlich fürs japanische Fernsehen tätig.
KURZ VORGESTELLT – A WORK IN PROGRESS
Sonezaki Shinjû (Doppel-Selbstmord in Sonezaki) Darsteller: Meiko Kaji, Uzaki Ryûdô, Igawa Hisashi, Hidari Sachiko; 1978; OmdU
Termin: Donnerstag, 7. Februar 20:30 Uhr
Romeo und Julia auf Japanisch: Tokubei ist ein armer Kaufmannsgeselle, der in die bildhübsche Geisha Ohatsu verliebt ist. Doch sowohl für ihn als auch für sie sind bereits andere Ehepartner vorgesehen. Als Tokubei auch noch Opfer eines hinterlistigen Komplots wird, sehen beide nur mehr einen Ausweg...
Meiko Kaji (Lady Snowblood, Sasori-Reihe) zählt zu den bekanntestn und beliebtesten japanischen Schauspielerinnen – eine Freude also, sie auch mal auf österreichischer Leinwand zu sehen. Am Film, der auf dem jôruri-Bühnenstück von Chikamatsu Monzaemon basiert, faszinieren sofort die Theatralik, der melancholische Soundtrack sowie die Narration, die gleich zu Beginn geschickt Zeitebenen ineinander verschwimmen lässt. Für Tokubei und Ohatsu gibt es keine irdische Rettung mehr, wenngleich die Unschuld der beiden doch noch ans Licht kommt. Am Ende des Irrens durch den Wald steht die Klimax des Films, der DoppelSelbstmord, der nicht an sublimer Symbolik spart.
Kuchizuke (Der Kuss) Darsteller: Kawaguchi Hiroshi, Nozoe Hitomi, Mimasu Aiko, Ozawa Eiterô; 1957; OmeU
Termine: Donnerstag, 7. Februar 20:30 Uhr; Samstag, 16. Februar, 18 Uhr
Kinichi trifft Akiko im Gefängnis, wo beide ihre Väter besuchen. Zu Beginn behandelt Kinichi Akiko eher ruppig, doch sie lässt sich nicht so leicht abschütteln. Aus Freundschaft wird schließlich Liebe – doch zum Glück fehlt das Geld, das die Väter aus der Gefangenschaft holen soll. Als sich beide auch noch aus den Augen verlieren, setzt Kinichi alles daran, seine Akiko wieder zu finden. Doch sie wird bereits von einem anderen bedrängt...
Masumuras Erstling sprüht vor Energie – es scheint, als würde nie jemand still stehen, alles ist in Bewegung, am meisten die Protagonisten. Im Gegensatz zu Sonezaki Shinjû oder auch Mojû kommt hier noch der jugendliche Idealismus des Regisseurs zur Geltung: Am Schluss steht ein Happy End. Zuvor folgt eine recht ansehnliche und für westliche Augen ungewohnt genaue Schilderung des japanischen Alltags der 50er Jahre. Ein pulsierender und lebendiger Film.
Aozora Musume (Junges Mädchen unter blauem Himmel) Darsteller: Wakao Ayako, Sugawara Kenji, Kawasaki Keizo, Higashiyama Chieko; 1957; Farbe; OmeU
Termin: Freitag 8. Februar 18:30 Uhr
Nach dem Tod ihrer Großmutter wird Yuko nach Tokio zu ihrem Vater geschickt. Dessen Familie ist nicht besonders glücklich mit dem unehelichen Kind und behandelt Yuko entsprechend schlecht. Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer Mutter, die ebenfalls in der Metropole sein soll. Mit Hilfe ihres Lehrers ihres Verehrers und des blauen Himmels trotzt sie allen Widerständen und findet schließlich ihr Glück...
Eigentlich furchtbar naiv – aber auf der anderen Seite für westliche Zuschauer extrem interessant! Die moderne japanische Adaption des „Aschenputtel“-Märchens. Man wartet nur darauf, dass plötzlich jemand zu singen beginnt – und schon hätte man auch noch ein perfektes Musical. Masumuras Tempo sorgt für kontinuierliche Bewegung im Film und dafür, dass dem Publikum trotz der Vorhersehbarkeit der Handlung nicht langweilig wird. Das alles macht Aozora Musume zum knalligen, exotischen Filmerlebnis.
Akai Tenshi (Der rote Engel) Darsteller: Wakao Ayako, Ashida Shinsuke, Kawazu Yusuke, Akagi Ranko, Ikegami Ayako; 1966; schwarzweiß; OmeU
Termine: Freitag 8. Februar 20:30 Uhr; Samstag 16. Februar 19:30 Uhr
China, 1936: Krankenschwester Nishi nimmt ihren Beruf ganz genau. Im Lazarett versorgt sie japanische Soldaten, die auch gerne mal über sie herfallen. Während derartige Übergriffe eher mit einseitiger Freude geschehen, erfüllt Nishi einem armlosen Soldaten auch mal freiwillig den ein oder anderen körperlichen Wunsch. Doch sie muss feststellen, dass ihr die Männer um sie herum wegsterben. Mit Dr. Okabe verbindet sie bald mehr als nur ein dienstliches Verhältnis, doch er glaubt, ob seiner Morphiumsucht impotent zu sein. Aber auch dafür scheint Nishi die richtigen Methoden zu haben. Bald schon sind derlei zwischenmenschliche Probleme irrelevant, denn der kleine Außenposten wird von chinesischen Widerstandskämpfern angegriffen und ist chancenlos...
Masumuras Kriegsfilm in drastischen schwarzweiß Bildern ist zuweilen recht starker Tobak: Er schildert zu Beginn mit schonungsloser Offenheit die Grausamkeit der Kriegsverletzungen, Gliedmaßen liegen kübelweise im Lazarett herum, und die wenigen Überlebenden sind nicht nur körperlich und geistig für immer gezeichnet, sondern auch hilflos. Lediglich der Voice-Over Nishis über dem Film ist relativ unbedeutend (etwas, das in dem Zusammenhang auch bei Mojû auffällt) und einige Elemente wie die wundersame Heilung des Dr. Okabe wirken unfreiwillig komisch. Ansonsten ist der „Rote Engel“ uneingeschränkt als eines der Hauptwerke Masumuras zu empfehlen – ein ungemein pessimistischer, wuchtiger Film.
Mojû (Die blinde Bestie) Darsteller: Funakoshi Eiji, Mako Midori, Sengoku Noriko; 1969; Farbe; OmeU
Termine: Montag 11. Februar 20:30 Uhr; Mittwoch 20. Februar 18:30 Uhr
Der blinde Bildhauer Michio ist von der hübschen Aki so besessen, dass er sie eines Nachts mit Hilfe seiner Mutter entführt um mit ihrer Vorlage die perfekte Skulptur zu schaffen. In einer komplett mit überdimensionalen Pappmaché-Körperteilen zugestellten Lagerhalle soll das Experiment von statten gehen. Aki weigert sich zunächst – als sie damit keinen Erfolg hat, versucht sie, das Vertrauen Michios zu gewinnen um sein Verhältnis mit seiner dominanten Mutter zu zerstören. Dann kommt doch alles anders...
Mojû dürfte Masumuras bekanntester Film in unseren Breitengraden sein, was nicht zuletzt an der DVD Veröffentlichung durch das deutsche Label Rapideyemovies (das übrigens auch Irezumi – Spider Tatoo auf DVD veröffentlicht hat) liegt. In drei Akten fokussiert Masumura auf ganz unterschiedliche Aspekte seiner Geschichte: Der Entführung und Wehrhaftigkeit Akis folgt ihr Trick, die Mutter-Sohn Konstellation für sich auszunutzen. Im dritten Teil des Films schließlich eine ekstatische Verbindung aus Kunst, Schmerz und Lust bis in den Tod.
Was Masumura damit sagen will, bleibt möglicherweise unklar, in seiner bedrohlichen oftmals traumhaften Atmosphäre steht das Werk jedoch ausnahmslos für sich als Parabel für die Schönheit und die Zerstörung, die Berührungen in sich bergen.
Weiterführende Links
Österreichisches Filmmuseum
Films by Yasuzo Masumura - Artikel von Jonathan Rosenbaum
Trailer zu BLIND BEAST auf YouTube.com
DVD Review zu BLIND BEAST
(Bilder: filmmuseum.at)





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