V'07 - Urteil ohne Einsicht - Maria Ramos JUÍZO
Die brasilianische Filmemacherin Maria Ramos setzte sich bereits 2004 in ihrer Dokumentation Justica mit der Rechtssprechung und der Behandlung von Gefangenen in ihrem Land auseinander. Damals lag der Fokus auf Frauengefängnissen, in ihrem neuen Film Juízo - auf Deutsch „Urteil“, „Einsicht“ oder „Verstand“ setzt sie ihre Beobachtungen fort. Diesmal rücken jugendliche Straftäter ins Zentrum. Da sie vom Gesetz her nicht gefilmt werden dürfen, wenn sie unter Anklage stehen, musste die Regisseurin ausweichen und mit Darstellern arbeiten, die sie aus den Favelas von Rio de Janeiro rekrutierte.
Aber eigentlich ist es Luciana Fiala da Siqueira Carvalho, die Richterin, die ihren Job mit viel Elan verrichtet und täglich dutzende Fälle von jugendlichen Straftätern – Dealern, Dieben oder sogar Vatermördern – bearbeitet. Ihr Ziel, zu den Angeklagten durchzudringen, sie wirklich zum Einsehen zu bewegen, sie überhaupt zu bewegen, erreicht sie allerdings selten. Regungslos nehmen die jungen Menschen hin, was auf sie zukommt, ohne große Einsicht oder Reue zu zeigen. Dies zeigt sich ganz besonders drastisch am Beispiel eines Jungen, der seinen eigenen Vater im Schlaf erstochen hat. Er habe ihn und seine Mutter ständig geschlagen und terrorisiert – da hat der Junge es einfach nicht mehr ausgehalten. Dass der Vater auch das Gesetz symbolisiere, führt die Staatsanwältin als weiteres gewichtiges Argument an.
Seinen protokoll- Charakter verliert der Film nämlich auch außerhalb des Gerichtsgebäudes nicht: Gleich einem Ritual zeigt er die Aufnahme in einem der Jugendgefängnisse, in denen die Neuzugänge erst mal mit den harten Umgangstönen vertraut gemacht werden und gleich am eigenen Leibe spüren, wie es ist, zur Nummer reduziert zu werden. In heruntergekommenen und völlig verdreckten Schlafräumen untergebracht werden sie alles andere als zu „besseren“ Mitbürgern. Die meisten verwarnt Richterin Luciana zwar nur, doch es dauert nicht lange, bis sie wieder aufgegriffen werden.
Jugendkriminalität ist besonders in den lateinamerikanischen Großstädten ein Gesellschaftsproblem, dem die Politik machtlos gegenüber steht, und das karitative Organisationen nur schwer bekämpfen können. Juízo repräsentiert vielmehr die ausführenden Organe des Systems, als das System an sich und wird für den Zuschauer zu einer bedrückenden und vor allem sehr starken Erfahrung.
Juízo
90 Min, OmeU
Doku
21.10. – 11:00 Uhr - Urania
26.10. – 16:00 Uhr – Metrokino



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