Der Weg der Termiten - Fünf Filme im Detail

Verfasst von Eduardo D'Amaro am 09.10.2007 um 00:00 Termiten haben sowohl etwas Zerstörerisches als auch etwas Konstruktives in sich. Sie höhlen Holz aus und brachten schon so manches Gebäude zum Einsturz. Andererseits erschaffen sie eindrucksvolle Termitenhügel und verfügen über ein ausgezeichnetes Kommunikationssystem untereinander. Die Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum, welche anlässlich der VIENNALE 07 läuft, trägt ihren Titel nicht umsonst. Denn der essayistische Film, dem in diesem Monat gehuldigt wird, erfüllt ähnliche Funktionen, wie diese oftmals ungeachtete Form des Kinos für den ganzen Rest: Sie untergraben konventionelle Sehgewohnheiten, unterhöhlen filmisches Bewusstsein, bringen Konventionen zum Einsturz und bauen schließlich etwas Neues daraus auf.

"Die umfassendste Beschreibung von Kunst ist überhaupt, dass sie sich termitenhaft ihren Weg durch die Trennwände der Partikularisierung hindurchfühlt, ohne ein Anzeichen dafür, dass der Künstler etwas anderes im Sinn haben könnte, als die unmittelbaren Begrenzungen seiner Kunst aufzufressen und diese Grenzen zu den Bedingungen der nächsten Errungenschaft zu machen." (Manny Farber:
White Elephant Art vs. Termite Art. In: Der Weg der Termiten. Beispiele eines Essayistischen Kinos 1909–2004.)

Ein Blick auf ausgewählte Vorstellungen:

DIE MACHT DER GEFÜHLE (Deutschland, 1983, Regie: Alexander Kluge, 109 Min)



"Es fängt an mit Verliebtheit und endet mit Scheidung. Es beginnt im Jahr 1933 und endet in Trümmern. Die großen Opern beginnen viel versprechend mit gesteigertem Gefühl, und im 5. Akt zählen wir die Toten ... Er sagte, ich liebe dich, und dann sagte er etwas Falsches." (Alexander Kluge). Die Macht der Gefühle gehört zum Genre des epischen Films.

Die Oper ist für Kluge das „Kraftwerk der Gefühle“ und in seinem Film nähert er sich gleich mehreren an – zum Beispiel wäre da Verdis Aida. Kluge erzählt die Geschichte der unglücklichen Liebe weiter: Radames und Aida wurden dank einer List aus ihrem unterirdischen Grab vom Volk befreit und sollten sich nun um ebendieses kümmern. Doch die Verliebten waren nur ineinander verliebt. Also steinigte man das Paar.

Szenenwechsel – von der Oper in den Gerichtssaal: Eine Frau muss sich verantworten, weil sie ihren Mann angeschossen hat. Zuvor erfuhr sie, dass dieser mit der gemeinsamen Tochter geschlafen hat. Eine Tat? Ein Vorfall? Oder ein Schuss?
Schließlich: Eine unglückliche Frau will ihr Leben mit Tabletten ein beenden. Sie wird von einem Mann entdeckt, der sie in seinem Wagen mitnimmt und vergewaltigt. Dabei werden sie von einem dritten verfolgt, der Anzeige erstattet. Die Frau überlebt.
Und wieder im Opernhaus: Kammersänger B. im Interview: Obwohl er zu Beginn des 1. Aktes weiß, dass das Stück am Ende tragisch ausgehen wird, legt er sich ins Zeug. Warum eigentlich? Weil alle Gefühle an einen glücklichen Ausgang glauben.

Kluges Essayfilm ist immer für Überraschungen gut und animiert seine Zuschauer. Sein Film erzählt etwa 26 Geschichten, allen geht es um die Frage, welche Macht Gefühle haben und wie sie sich organisieren. Wie Termiten?

Noch zu sehen am 31.10. um 19 Uhr

NUMÉRO DEUX (Frankreich, 1975, Regie: Jean-Luc Godard, 86 Min)



In einer Landschaft steht eine Fabrik. Was war zuerst da? Die Landschaft, oder die Fabrik?
Jeder spricht davon, wenn das Wasser eines Flusses über die Ufer tritt, niemand davon, dass das Ufer das Wasser verdrängt.
Godards Film entstand zu einer Zeit, in der sich das Fernsehgerät endgültig durchsetzte und das Kino verdrängte. Kommen daher so viele Bilder im Film aus Fernsehschirmen? Mitte der 70er war auch die Hochblüte des Feminismus. Numéro Deux ist ein feministischer Film: Die Frau will arbeiten und zu Hause leben. Godards Film ist auch ein „Film im Film“ – umrahmt von seinem arbeitswütigen Regisseur, der in seiner „Fabrik“ an Schneidetischen und Bildschirmen sitzt und seinen Film bearbeitet. Aus allen Schirmen, aus allen Lautsprechern werden Aufnahmen mit-, für- oder gegeneinander montiert. „Bevor ich lebte, war ich tot“ – schreibt ein kleines Mädchen auf eine Schultafel, der andere Bildschirm zeigt Mann und Frau motivationslos beim Sex.

„Es gibt keinen Anfang und kein Ende, sondern nur eine Serie von Auseinandersetzungen zwischen dem Mann und der Frau, die in Beziehung stehen zu den Problemen und Aggressionen der heutigen Zivilisation.“ (Produktionsmitteilung)

Link: Video auf YouTube

Noch zu sehen am 20.10. um 19 Uhr.

APPUNTI PER UN’ORESTIADE AFRICANA (Italien, 1970, Regie: Pier Paolo Pasolini, 73 Min, s/w)



Ein weiterer Film über das Filmemachen: Pasolini erzählt – ähnlich einem Reisetagebuch – seine Odyssee durch Afrika. Er bereitet einen Film vor, in dem er die „Orestie“ des griechischen Tragödiendichters Aischylos in Afrika inszenieren will. Pasolini spricht im Off sein Kommentar – er sieht Parallelen zwischen der „Orestie“ und der politischen Situation im „neuen“ Afrika der späten 60er Jahre.
Zunächst ist er auf der Suche nach geeigneten Darstellern – er findet sie in den Städten und Dörfern – er findet sie in ihrer Unschuld. Schließlich bricht der Film: Man sieht Pasolini in Rom mit einigen schwarzen männlichen Studenten beisammen sitzen – er stellt ihnen Fragen: Sollte der Film im Afrika der 60er oder im Afrika der 70er Jahre spielen, wie können bestimmte Vorgänge metaphorisiert werden, etc.
Rückkehr nach Afrika – schließlich eine Idee: Die Geschichte sollte durch moderne Jazzmusik erzählt werden – eine Sequenz die zehn Minuten dauert und seinem Zuschauer einiges an Nervenkraft, Geduld, und gutem Willen abverlangt. Was da geboten wird, ist keine gewohnte Kost für die Ohren!
Dann wieder in Afrika: Aufnahmen aus den grausamen Kriegen – Leichen liegen auf den Straßen und Feldern. Und schließlich der Held Orest, welcher in der Architektur der Universität von Dar es Salaam den Tempel der Vernunft findet – auch oder gerade weil die dortige Bibliothek u.a. chinesische Bücher führt.

Mystische Überhöhung von Unmenschlichkeiten, fast schon „mondoeske“- Anwandlungen – aber eben durch und durch Pasolini. Die Hoffnung, die „alte Welt“ würde der neuen nicht weichen, verblasst bis zum Schluss nicht.

CHEF! (Frankreich, Kamerun, 1999, Regie: Jean-Marie Teno, 61 Min)



Über 20 Jahre nach Pasolini begibt sich Jean-Marie Teno nach Jahren wieder zurück in seine Heimat Kamerun. Dort findet er einen kompletten Gegenentwurf zu dem vor, was Pasolini noch rühmt (daher harmonieren diese beiden Filme so gut, dass sie auch gemeinsam gezeigt werden). Ein Hühnerdieb wird fast Opfer der brutalen Lynchjustiz, in Eheverträgen wird der Frau jegliches alltägliche Mitspracherecht genommen und unterwürfige Verhaltensweisen vorgeschrieben. Ein Journalist wird jahrelang für eine flapsige Bemerkung in unmenschlichen Verhältnissen eingesperrt, seine schwanger Frau von den Justizbeamten so geschlagen, dass sie ihr Kind verliert.
In der postkolonialen Phase sind viele afrikanische Länder von Korruption und gesellschaftlicher Ungleichheit zerrissen. Der Zuschauer sieht, was der Regisseur sieht – und folgt getrieben von Neugierde und angewidert von der Abscheu diesem durch ein Land, in dem Chefs herrschen – ob in der Ehe, in der Dorfgemeinschaft oder in der Politik. Chefs, die bedingungslosen Gehorsam von ihren Untergebenen erwarten.

APPUNTI PER UN’ORESTIADE… & CHEF – nochmals am 26.10. um 17 Uhr zu sehen.


POTO AND CABENGO (USA, 1979, Regie: Jean-Pierre Gorin, 76 Min)



Zwei amerikanische Zwillingsschwestern beim Spielen miteinander. Das besondere: Sie sprechen eine eigene Sprache, mit der sie zwar untereinander, aber nicht mit der Umwelt kommunizieren. Daher blendet auch der Film in weißer Laufschrift den Text „What are they saying“ ein – Fragezeichen ziehen durchs Bild.
Die Doku schildert das leben von Gracie und Ginny Kennedy, die Ende der 70er Jahre durch ihre eigene Sprache gewisse mediale Berühmtheit erlangten. Jean-Pierre Gorin nimmt dies zum Anlass und besucht die beiden Mädchen, lernt ihre Familie kennen und lässt Ärzte zu Wort kommen. Das Phänomen der Idioglossie ist gerade bei Zwillingen kein Seltenes, doch war bei „Poto“ und „Cabengo“ stärker als sonst ausgeprägt. Ärzte teilten den Eltern mit, ihre Kinder wären geistig behindert, daher wurden sie auch wie solche behandelt, obwohl dies nicht der Fall war. Da die Kinder selbst in einer zweisprachigen Umgebung aufwachsen mussten (und der Gebrauch der Sprache bei Familie Kennedy ist ein durchaus skurriler), war ihre Entwicklung nicht so überraschend.
Doch der Film geht noch weiter: Familie Kennedy kommt durch den Medienrummel zu einem leichten Vermögen, welches aber schnell aufgebraucht wird. Und die Zwillinge: Werden auf verschiedene Schulen geschickt, verbringen weniger Zeit miteinander und verlernen ihre Sprache. Eine Sprache, in der es 16 verschiedene Möglichkeiten für das Wort „Kartoffel“ gab…

Gorins Film stimmt ebenso nachdenklich, wie er unterhält. Zudem ist er sehr vielseitig – er zeichnet nicht nur ein beachtliches Bild von den beiden besonderen Kindern, sondern vermittelt auch einen bleibenden Eindruck von der Unterklasse in einem San-Diegoer Vorort.
Kamera führt übrigens Les Blank („Burden of Dreams“)

Nochmals am 24.10. um 17 Uhr zu sehen!


Quelle: viennale.at