DIAGONALE 08 - Tag 2: DIAGONALE ist... Atmosphäre
Tag 2 (Freitag) war eigentlich voller großer Pläne und vieler Filme. Dass man aber nicht zu sehr mit vorgefassten Erwartungshaltungen ins Festival gehen sollte, wurde mir erst später klar...
Gemütlich begann der Tag mit dem Gerbert Rappaport Programm, das in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum entstand: Gezeigt wurden der Kurzfilm So lange der Faden sich dreht und der Operettenfilm (!!!) Cherry Town aus dem Jahr 1963. Der Rausch der Farben und Bilder, von übermäßiger Fantasie oder Kitsch geschwängert, wie eine grelle Disney-Realverfilmung, zieht entweder sofort in seinen Bann, oder stößt ab. Bei mir war ersteres der Fall. Ich bin schlicht und einfach begeistert von so viel Freude im Film, in dem ein Song (übrigens komponiert von Shostakowitsch) den anderen jagt. Das hat man heute eigentlich nur noch im indischen Kino.
Aufgeheitert von so viel Enthusiasmus ging es – nach einer kleinen Stärkung im Kunsthaus – weiter zum zweiten Film, einem wesentlich schwereren Brocken: Michael Pilz, dem eine Personale gewidmet ist, zeigt sein filmisches Tagebuch einer Reise nach Indien: Days at Sree Shankara. Nach dem immer gerne gehörten Pachelbel Kanon präsentiert er uns meist statische Bilder, ähnlich der Urlaubsfotos, die man selbst nie machen würde. Selten wird auch mal geschwenkt, noch seltener interagieren Menschen mit der Kamera oder dem Film. Das gilt zumindest für die von mir gesehenen 40 Minuten. Ich habs gerne mal etwas schwierig oder sperrig oder schwer zugänglich, aber irgendwo ist auch bei mir eine Grenze. Dass Indian Diary: Days at Sree Shankara selbstverständlich all unsere Erwartungen an einen Film auf den Kopf stellt, ist schnell klar, doch ob man den Film deshalb als solchen bezeichnen kann? Das wäre in etwa so, als würde ich mich aus einem Winkel des Raumes gerade filmen, wie ich diese Zeilen tippe und das drei Stunden lang. Richtig gelesen – Pilz mag es nicht besonders kurz, die meisten Filme sind deutlich länger als zwei Stunden. In diesem Fall wären es knapp drei gewesen. Doch dem machte ich selbst – und zahlreiche Menschen des ohnehin nicht besonders stark besetzten Kinosaals – schnell ein Ende.

Mit der gewonnenen Zeit hieß es schnell umdisponieren. Doch zuerst mal mit ein paar bekannten Kollegen auf einen Kaffee und über die ersten Tage des Festivals zu resümieren. Dann rechtzeitig ab ins UCI Annenhof, wo ich mich wieder den vergleichsweise niederen Gefilden des Erzählfilms widmete: Freigesprochen von Peter Patzak stand dort am Programm. Meine Erwartungen waren, kannte ich doch das Review von Kollegen Kentaro-san, ebenfalls wieder nur gering – im Endeffekt ist auch dieser Film nur eine mäßige Ödön von Horvath Adaption über Schuld und Sühne – total fehlbesetzt (undankbar: Alfred Dorfer darf nur als Geisterengel erscheinen), aber immerhin mit viel Kapsreither-Bier im Bild, was mich doch sofort an meine Heimatstadt erinnert hat. Selbst in Graz holt sie dich ein...
So wurde es schnell Abend und eigentlich war die Premiere von Herzausreißer geplant. Doch kaum ein Festival ohne seine Tücken und so fand ich mich trotz meiner Reservierung ohne Karte wieder. „Fehler im System“ hieß es von der freundlichen Schalterdame im Schubertkino. Zwar hatte ich dann noch die Möglichkeit über Karten vom Produzenten reinzukommen – so wichtig war mir der Film dann aber auch nicht. Schließlich ist der Kinostart nicht mehr weit! Also gings mit ein paar Freunden/Kollegen wieder zurück ins Kunsthaus um mit ein paar Getränken die Wartezeit zwischen Film und anschließender Premierenfeier zu überbrücken.

Die fand in der Altsteirischen Weinstube unweit des Kinos statt, dort war es allerdings eng und etwas ungemütlich. Daher wieder zurück ins Kunsthaus um Peter Kern und seinem Stargast Hermes Phettberg im high moon talk zu lauschen. Kern inszeniert sich selbst am liebsten und von daher ist es kein Wunder, dass er zu „Casta Diva“ gesungen von Maria Callas einmarschiert und gleich mal das Publikum beschimpft, es habe einer der größten Sängerinnen aller Zeiten nicht zugehört. Was folgte war eine flammende Rede auf noch Intendantin Birgit Flos, die sich zehn Minuten lang vor Lachen krümmte. Kern zeigte einen kurzen Film über die Dreharbeiten zu United Trash von Christoph Schlingensief und wandte sich dann maximal 15 Minuten Hermes Phettberg zu. Ein paar sehr mutige junge Menschen fanden sich auch im Publikum, die ein paar provozierende Zwischenrufe tätigten, die widerum Birgit Flos mit einem bösen Blick strafte, während es der Rest amüsant fand.

Um Mitternacht gings nicht wie eigentlich gedacht in die Shorts and Skirts, sondern vielmehr wieder in leichte Kost, nämlich Alexander Hahns Midsummer Madness - bei mir innerhalb eines halben Jahres bereits zum vierten Mal und immer nur auf Premieren oder Festivalaufführungen. Ich mag den Film mittlerweile immer mehr!
(Bildquellen: 1: michaelpilz.at; 2 u 3: diagonale.at)

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