Während wir es hier mit dem Typ des stillen Psycho zu tun haben, der seine Morde in Schulmädchenuniform vollzieht (in seiner ersten Vision fordert das Schulmädchen ihn auf „Tu es für mich“), ist sein Kollege ein Weirdo und Sexmaniac, der als Totalversager für den comic relief sorgt. Bilder von dem Schulmädchen/der Engelsfrau ziehen sich durch den ganzen Film. Sie hängen an seinem Arbeitsplatz, pflastern die Stadt als Handzettel, Wandplakate, großformatige Fassadenplakate, als Werbezettel an dem defekten Telefon (!), über welches sie mit ihm kommuniziert und in sein Leben tritt.
An dieser Stelle manifestiert sich eine Wahrnehmungsverschiebung in der Psyche des Protagonisten, eine Umwälzung der Realität, die bereits in den Eröffnungssequenzen während der Opening Credits angedeutet wird. Das Normalbild wechselt immer wieder mit metallblauen monochromen Videoaufnahmen und Bildschirmrauschen. Das Videorauschen bricht die Kontinuität der visuell dargestellten Handlung, verweist auf die gebrochene Wahrnehmung des Protagonisten; die Aufforderung „Tu es für mich“ spricht das Schulmädchen in bläuliches Licht getaucht aus. Auch die traumatische Vergangenheit – er wurde Zeuge der Ermordung einer ihm nahe stehenden Frau, womöglich seiner Mutter – ist in Fernsehbilder und ein großes Wandgemälde verlegt. Den Weichzeichner hält Tomomatsu auch für die reinen, in blendendem Weiß ausgeleuchteten Szenen in der Wohnung des Protagonisten bereit, in der die Engelsgestalt nun ihr Heim bezieht. Die Geschichte einer sexuellen, durch das Kindheitstrauma begünstigten Obsession kann beginnen und mit ihr die Erlösungsgeschichte für die das Schulmädchen als Engelsfrau steht.
Die alte Verknüpfung von Eros und Thanatos drückt sich nicht nur in den Sexualmorden selbst aus, sondern auch im finalen Beischlaf der beiden, bei dem sie ihn auffordert sie zu erwürgen. Ging er vorher als wahre Sex Machine mit Dauerständer eher regungslos, zwanghaft und mit gefühlloser Präzision seinem Werk nach und konnte nicht auf normalem Wege kommen, so kann er sich im Sex mit seinem Engel erstmals völlig gehen lassen. Folglich wird dann auch sein Orgasmus von einem Schrei begleitet, in dem sich Lust und Schmerz zu gleichen Teilen mischen, der ihn Gewinn und Verlust erfahren und erleiden lässt. Der sexuellen Erlösung durch den „himmlischen“ Eros kann nur noch die finale Erlösung durch den Thanatos folgen.
Dieser vier Jahre vor Stacy entstandene Film weist schon die Charakteristika von Naoyuki Tomomatsus Zombieknaller auf: viel Gewalt, gestylte Bilder, einen Schuss Romantik und den Einbruch des Traumhaft-Übersinnlichen in die Alltagswelt. Die obsessive Verschmelzung von Sexualität und Gewalt, die Penetration des Fleisches in verschiedensten Varianten, zwingt den Gedanken an die Werke Cronenbergs und Lynchs auf. Stilistisch erinnert Tomomatsu an letzteren; im Visuellen liegt die Kraft seines Films (Kamera: Kenji Yokoyama/Licht: Toshihiko Inoue/Sen Tachibana). Nur bei der Erzähltechnik steht Tomomatsu noch etwas hintenan. Das gestörte Ich, die Traumhaftigkeit des Geschehens, die Engelsfrau als Medium sind hingegen klassisch surreale Zutaten die um einige Schweinereien aus der Schulmädchen- und Rape and Revenge-Ecke erweitert wurden. Im Gegensatz zu Lynch und Cronneberg gitb es am Ende eine Lösung, die gleichzeitig Erlösung ist.
Obgleich den einen zuviel Splatter und sexuelle Gewalt vorhanden sein mag, den andern zuviel „Übersinnliches“ und sprichwörtlich Weichgezeichnetes: Gerade die Verbindung dieser beiden Elemente hebt Eat The School Girl auf eine Stufe mit Buttgereits Schramm und führt ihn in die Nähe von Shinya Tsukamotos oder David Lynchs Werken.
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