CAPOTE unterscheidet sich sehr deutlich von den, in letzter Zeit sehr häufig produzierten, Biographien. Der Film ist in erster Linie eine detaillierte und präzise Charakterstudie seiner Hauptfigur, dem amerikanischen Schriftsteller Truman Capote. Als solche fühlt er sich nicht an übliche Dramatisierungsmuster einer Handlungsebene gebunden, die sich sklavisch erzählerischen Spannungsbögen unterwirft um nur ja kurz und kompakt ihren Unterhaltungswert zu transportieren. Nein, CAPOTE hat Zeit bzw. nimmt sie sich einfach. Der Film verweilt oftmals um einen Deut länger in seinen Einstellungen, als es andere Filme für notwendig erachten, er manifestiert einen überaus langsamen und ruhigen Rhythmus und stellt somit gleich vorneweg klar: Das hier ist etwas für genaue Beobachter. In CAPOTE geht es um die mannigfaltigen Nuancen seiner Hauptfigur und ihre Entdeckung. Dabei lässt der Film dem aktiven Zuseher genügend Zeit und Freiräume um den überaus komplex angelegten Charakter zu erkunden und kennenzulernen. Als Truman Capote (Philip Seymour Hoffman) anfangs des Films gemeinsam mit Harper Lee (Catherine Keener) im Zug sitzt und einer der Gepäckträger ihn wegen seines letzten Buches komplimentiert, merkt sie sofort was hier gespielt wird. Sie durchschaut Truman, der den Mann für diesen Auftritt heimlich bezahlt hat. Am Ende des Films hat man als Zuseher den Eindruck, dass man nunmehr so vertraut mit Capote geworden ist, um ebenfalls eine solche Situation durchschauen zu können. Angesichts der Ambivalenz und Komplexität der Hauptfigur ist das jedoch keinesfalls ein leichtes Unterfangen...
Philip Seymour Hoffman bietet als Truman Capote eine aussergewöhnlich eindrucksvolle Leistung und trägt den Film über weite Strecken mühelos im Alleingang, obwohl auch die anderen Darsteller(innen) beachtliche Performances zeigen. Hier bedarf es zweifellos auch hervorragende Schauspieler, vieles in CAPOTE ist implizit. Ein einziger Blick zwischen Philip Seymour Hoffman und Catherine Keener bildet den substanziellen Kernpunkt einzelner Szenen, das kann natürlich nur dann funktionieren, wenn es der Zuseher auch nachvollziehen kann, und zwar ohne es ihm in theatralischer Weise auf's Aug zu drücken. Hinzu kommt, dass ein deutlicher Unterschied zwischen dem besteht was gesagt wird, und dem was damit gemeint ist. Text und Subtext vieler Sequenzen zielen in völlig verschiedene Richtungen, wobei sich dazwischen ein überaus interessantes Spannungsfeld aufbaut, das vieles über seine Figuren Preis gibt. So ist Capote immer dann am berechnendsten und manipulativsten, wenn er gleichzeitig auch am unschuldigsten und ehrlichsten ist. Er erzählt seinen, oftmals fremden, Zuhörern manchmal sehr persönliche und schmerzvolle Dinge aus seinem Privatleben, allerdings meist mit dem Kalkül dadurch einen besseren Zugang zur jeweiligen Person herzustellen um letztendlich seine Vorteile daraus zu ziehen. Philip Seymour Hoffman's hervorragend präzise Darstellung seiner Figur macht diese komplexen Vorgänge für den Betrachter gut sichtbar. Nach dem ersten Akt des Films habe ich mich nicht nur einmal dabei ertappt die Aussagen und Handlungsweisen der Hauptfigur mit argwöhnischen Misstrauen zu betrachten, immer um die Differenzierung von Aussage und dahinterliegender Intention bemüht. Ein überaus spannendes Vexierspiel, welches der grandios agierende Hoffman hier mit dem Zuseher treibt und dabei die komplizierte Ambivalenz seiner Figur meisterlich bis in die letzte kleine Nuance entwickelt. Als Gegenpol manifestieren sich Szenen, in welchen er sich in so mancher Party-Gesellschaft selbst inszeniert. Mit einem überaus hintergründigen Humor, der sowohl eine gewisse Arroganz, als auch Selbstironie in sich birgt, ist der sich selbst übertreibende Egomane vielfach der Mittelpunkt der Konversation. Auch in diesen, vielfach improvisierten, Szenen ist Philip Seymour Hoffman schlicht und einfach bestechend und hat die Auszeichnung mit dem Oscar für den besten Hauptdarsteller mehr als nur verdient.
In Summe ist CAPOTE eine überaus gekonnt inszenierte und gespielte Charakterstudie, auf die man sich als Zuseher aber auch aktiv einlassen muss, was zweifellos nicht jedermanns Sache sein wird. Spannung, Spektakel und dramatisierte Kurzweil wird man in diesen langsamen und ruhigen Film vergeblich suchen. Bennett Miller's subtile, aber überaus effektive Inszenierung fordert zwingend ein Commitment zur geduldigen Betrachtung vom Zuseher ein. Ist jemand nicht bereit dazu, wird es wohl ein äußerst langer Film werden. Lässt man sich aber darauf ein, dann wird CAPOTE zu einem der subtilsten, interessantesten und facettenreichsten Biopics der letzten Jahre.
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