Nach dem überwältigenden Erfolg von Universals "Dracula" (1931) versuchte MGM an diesen triumphalen Siegeszug mit einem noch härteren und schrecklicheren Horrorfilm anzuknüpfen. Das Ergebnis: "Freaks - Missgestalten" (1932), ein bis heute einzigartiges und unvergessenes Hollywoodunikat, das faszinierend und abstoßend zu gleich wirkt. Für dieses einmalige und bizarre Hollywoodexperiment holte man sich als Regisseur keinen geringeren an Bord als Dracula-Director und Stummfilmveteran Tod Browning, der in den Zwanziger Jahren mit Lon Chaney sen. - den damals erfolgreichsten Schauspieler - einige veritable Leinwanderfolge feierte. Browning sollte sich aber an den Tonfilm nie gewöhnen und fürchtete sich regelrecht vor Dialogszenen, welche ihn bei "Dracula" wie auch bei "Freaks", die kurz nach Einführung des Tonfilms entstanden, deutlich Probleme bereiteten.
Das Besondere an Brownings "Freaks" stellen aber weder die Dialoge noch die relativ simple Drama/Kriminalgeschichte dar, sondern die Tatsache, dass der Regisseur erstmals (und letztmals in der Filmgeschichte) echte Missgestaltete, die auch im echten Leben als Jahrmarktattraktionen in Wanderzirkussen auftraten, verwendete. Neben einigen Zwergwüchsigen sehen wir siamesische Zwillinge, einen Mann ohne Unterleib, eine bärtige Frau, ein "lebendes Skelett", "Nadelköpfe", armlose Mädchen, "Vogelköpfe" und einen Mann, dem Arme und Beine fehlen. Mit diesem Tabubruch, echte deformierte Menschen in einem Film zu zeigen und mit ihnen sogar noch die Hauptrollen zu belegen, setzte Browning seine ganze Karriere auf's Spiel und sollte später sogar mit einem Berufsverbot belegt werden. Brownings Botschaft für mehr Toleranz gegenüber missgestalteten Menschen stieß auf Unverständnis und Ablehnung bei Publikum und Kritik. Der Film wurde von Kritikern als selbstzweckhaft und ausbeuterisch bezeichnet, der das Leid deformierter Menschen ausnutzt und schamlos zur Schau stellt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Browning dreht in "Freaks" den Spieß um. Hier sind die Freaks die Sympathieträger, während die "normalen" Menschen das Böse und Schlechte verkörpern. Schon die Gebrüder Grimm lehrten uns in ihren Märchen, dass alles Böse auch hässlich sein muss. Browning stellt diese falsche Moralvorstellung auf den Kopf und beweist mit "Freaks" das Gegenteil.
So oder so, das damalige Publikum war für diese unverblühmte Wahrheit noch nicht reif genug. Der Film wurde stark zensiert und in etlichen Länden mit jahrzehntelangen Aufführungsverboten belegt. Erst in den 60er Jahren begann eine neue Generation von Filmfans sich für diesen Film wieder zu interessieren. Von den ursprünglich rund 90 Minuten überlebte lediglich eine nur einstündige Fassung. Das restliche Filmmaterial gilt bis heute als verschollen. Nichtsdestotrotz lässt diese verstümmelte Kurzfassung das ursprüngliche Meisterwerk von Tod Browning erahnen. 1994 erhielt der Film endlich die Würdigung, die ihn gebührt. "Freaks" wurde vom Amerikanischen Filminstitut in die Liste der "schützenswerten Filme" mitaufgenommen.
Fazit: "Freaks" ist ein eindringliches und bedeutendes Stück Filmgeschichte. Ein absolutes Muss, für all diejenigen, die sich nicht nur oberflächlich mit der filmhistorischen Materie befassen.
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