Roman Polanski's Leinwandadaption von Charles Dickens Roman OLIVER TWIST ist ein sehr ruhiger Film, der sich hauptsächlich um die Darstellung seiner Geschichte und ihrer Figuren bemüht und sich niemals dem Spektakel hingibt. OLIVER TWIST ist sehr naturalistisch, angefangen von der Charakterisierung der Figuren bis zu Polanski's hervorragender Inszenierung, die den Film von der ersten bis zur letzten Szene trägt. Die Schauplätze, die Kostüme und die Ausstattung sind bis ins letzte kleine Detail kunstvoll ausgearbeitet und werden von der Kamera in wunderschönen Bildern eingefangen. Wesentlichen Anteil an der stimmungsvollen Atmosphäre des Films hat die perfekte Ausleuchtung, welche den Eindruck erweckt, das Licht käme ausschliesslich aus im Film sichtbaren Lichtquellen wie z. B. den unzähligen Kerzen und Fackeln, welche die Szenerie erhellen und visuell interessante Kontraste aus warmen Licht und düsteren Schatten erzielen. Regisseur Polanski erzählt OLIVER TWIST in überaus düsteren Bildern, welche nur sehr selten von einzelnen hellen Szenen unterbrochen werden. Mit dieser Bildersprache wird sowohl die Story, als auch die Gefühlswelt der Hauptfigur gekonnt unterstrichen. Für die wenigen Lichtblicke im Leben des kleinen Jungen wird die düstere Bilderwelt vorübergehend etwas aufgehellt, kurze Zeit später jedoch kriechen die Schatten wieder ins Bild und gleichsam ins Leben des Oliver Twist. Eine sehr überlegte und detailliert ausgearbeitete Inszenierung, die dicht genug ist um die Geschichte atmosphärisch entsprechend zu begleiten, und gleichwohl unaufdringlich genug ist um nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. OLIVER TWIST ist eine meisterhafte Regiearbeit, die den Vergleich mit Polanski's ebenfalls exzellent inszenierten THE PIANIST nicht zu scheuen braucht.
Die Leistungen der Darsteller sind absolut sehenswert. Barney Clark ist als Oliver Twist zwar sehr zurückhaltend, aber gerade deshalb fügt sich seine Performance sehr gut in den Film ein. Eindeutiges Highlight des Films ist ohne Zweifel Ben Kingsley's hervorragende Darstellung des Fagin, den er nicht bloß als typischen Filmbösewicht anlegt, sondern deutlich vielschichtiger portraitiert. Sein Gesicht ist zwar unter aufwändig gestalteten Make Up verborgen, aber dennoch ist seine diffiziele Mimik klar erkennbar und sein Fagin gelangt zur delikat ausbalancierten Figur zwischen verschlagener Bösartigkeit und zumindest gelegentlicher, ehrlicher Fürsorge. Eine sehr wichtige Performance für den Film, zumal Fagin dadurch zur am besten ausgearbeitetsten Figur der gesamten Erzählung wird. Ein höchst interessanter und etwas überraschender Punkt, zumal der Film nicht wirklich seine Geschichte ist, sondern die von Oliver Twist...
Trotz aller positiven Eindrücke muss man aber klar sagen, dass OLIVER TWIST weder sonderlich gut für Kinder geeignet sein dürfte, noch im großen Maße unterhalten kann. Der Film ist erzählerisch ziemlich unspektakulär, was sich speziell beim jüngeren Publikum in baldiger Langeweile niederschlagen dürfte. Obwohl Polanski mit einer Regieleistung aufwartet, welche die Geschichte perfekt in Szene setzt, ist OLIVER TWIST wohl eher ein Film für Cineasten als ein Film für Zuseher, die unterhalten werden wollen. Dazu geht Polanski deutlich zu subtil und zurückhaltend mit den wenigen Spannungsmomenten und Höhepunkten der Geschichte um. Mit konsequenter Deutlichkeit verwehrt sich OLIVER TWIST den üblichen Stilkonventionen des derzeitigen Kinos. Keine irren Kameraschwenks und -fahrten, kein hektisches Editing und kein Spektakel. Die Montagetechnik ist sehr langsam und der Film erreicht dadurch wenig Tempo, was manche Zuseher bei einer Laufzeit von knapp 130 Minuten wohl etwas überfordern wird und speziell bei Kindern zu Aufmerksamkeitsverlust führen könnte.
Fazit: OLIVER TWIST ist zwar nicht sonderlich unterhaltsam, dafür aber eine wunderschöne und mit viel Liebe zu Details inszenierte Erzählung auf hohem Niveau. Auf jeden Fall ist der Film eine herausragende Regiearbeit mit einer überaus eindrucksvollen Darbietung des großartigen Ben Kingsley.
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