Um Produktionen aus dem Hause Troma freudvoll genießen zu können, bedarf es dem geneigten Fan üblicherweise einiger Vorlieben, die ihn von der breiten Masse der Filmseher unterscheiden. Schließlich bietet der durchschnittliche Tromafilm passionierten, tabubrechenden Trash, der sich vor allem durch brachiale Gewaltdarstellung, politische Unkorrektheit, comichafte Szenerie und ein anarchistisches Gesellschaftsbild charakterisiert. Tromas gewollter Dilettantismus gepaart mit allerhand Geschmacklosigkeiten ist trotz des Deckmantels „Schwarzer Humor“ für den Normalseher oft nur als Schund nachvollziehbar. Vorweg: „Cannibal! The Musical“ ist anders.
Keine Sorge, auf ausschweifende Gewaltszenen wird nicht verzichtet, obgleich diese im Vergleich zu anderen Troma-Werken reduziert wurden und gemildert wirken. Die grafisch eindeutigen Splatterszenen dienen der zeitweiligen Auflockerung der Handlung und es stehen diese zumeist in einem komödiantischen Kontext, sodass der Zuseher durch gekonnten Slapstick zum Schmunzeln animiert wird. Wesentliches Qualitätsmerkmal des Films ist jedoch die Troma- untypische Charakterarbeit. Hier zeigt sich das Genie der South Park-Macher Trey Parker (Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller) und Matt Stone, die dem Film zur notwendigen Tiefe verhelfen. Die Hauptcharaktere werden in ihren Absichten und Bedürfnissen sehr gut gezeichnet und bieten somit einige Identifikationspunkte für den Zuseher. Es macht einfach einen Mordsspaß, diesen bunt zusammen gewürfelten Haufen bei ihrem Himmelfahrtskommando zu beobachten. Die Erzählung des Alferd Packer dient dabei nicht der Überleitung zwischen Splatterszenen, sondern es steht diese im Mittelpunkt und schildert die zwischenmenschlichen Entwicklungen in der Gruppe.
Der Film bietet eine ungewöhnliche Mischung aus Western, Splatter, Musical und Drama. Die sechs Goldsucher, angeführt von Alferd Packer, streifen durch die Rocky Mountains, wobei der zu Beginn herrschende Optimismus und die anfängliche Lagerfeuerromanik durch schöne Landschaftsaufnahmen und ein gemächliches Erzähltempo gelungen eingefangen wurden. Herausstechend sind vor allem die lyrisch und musikalisch sehr gelungenen Songdarbietungen, die sich ausgezeichnet in das Geschehen einfügen und die unterschiedlichen Stimmungslagen der Mannschaft widerspiegeln. Der sich mit fortschreitender Reise einstellende Koller anhand der gesungenen Lieder schön abgelesen werden. Auf der Reise gerät die Gruppe in einige skurille Situationen, in denen sich Gelegenheit für witzige Dialoge und tragikomische Handlungen bietet.
Die schauspielerischen Leistungen können als professionell bezeichnet werden. Den einzigen Kritikpunkt stellt eventuell der Indianerhäuptling mit einer überaus schlechten, deutschen Syncro dar. Unbeholfene Mimik und nerviges Gekreische findet man glücklicherweise nicht vor. Die semiprofessionelle Ausstattung der Darsteller – vor allem an offensichtlich aufgeklebten Bärten erkennbar – und der Schauplätze fällt nicht negativ ins Gewicht, da dem Film natürlich ein (gewollter) B-Movie-Charme anhaftet.
Für meinen Geschmack findet man in Cannibal! The Musical die ideale Mischung aus Trash und Professionalität. Wie steht so schön am Cover der dt. DVD: 6 Goldsucher, 5 angenagte Opfer, 1 überlebender und 7 großartige Songs. Das ergibt schlussendlich 97 Minuten ausgezeichneter Unterhaltung. Ansehen!
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