Lars macht mobil -----
MANDERLAY knüpft nahtlos an Lars von Triers DOGVILLE an und ist der zweite Teil seiner Amerika Trilogie. Stilistisch sind beide Filme wie aus einem Guß. Wieder sind die Kulissen auf ein absolutes Minimum reduziert, oftmals umreissen lediglich gezeichnete Grundlinien am Boden die Gebäude und Schauplätze des Films. Wie auch schon in DOGVILLE wird MANDERLAY durch einen inszenatorischen Stil beeinflusst, der eher vom Theater herrührt, als vom Kino geprägt zu sein. Trotz offensichtlicher Gemeinsamkeiten mit DOGVILLE ist die visuelle Ebene von MANDERLAY noch weiter geschärft und verfeinert worden. Die Ausleuchtung der kunstvoll reduzierten Kulissen erzielt in sich geschlossene Kontraste, grenzt die verschiedenen Elemente des breitformatigen Cinemascope-Bildes mit messerscharfen Kanten gegeneinander ab und erzielt dabei eine atemberaubende Ästhetik. Hinzu gesellt sich die typische Lars von Trier Montagetechnik, welche einerseits alle gängigen kinematographischen "Don'ts" in sich subsummiert, sich mit aller Kraft gegen eingefahrene Sehgewohnheiten zur Wehr setzt, damit andererseits jedoch Ergebnisse erzielt, die nach wie vor spannender nicht sein können. Gleiches gilt für die überlegt ungewohnte Kameraführung, welche Bildausschnitte einfängt, die weitab des üblichen Framings liegen und einmal statisch, distanziert, dann wieder dynamische und fließende Bilder generiert. Die Bildersprache von MANDERLAY ist ohne Zweifel eines der raren Highlights für visuell verwöhnte Cineastenaugen und ist dabei so herrlich gegen den Strich gebürstet, dass nahezu jede Einstellung einen Schritt ins Unbekannte darstellt. Der Film funktioniert in seinen Images als eine erlesene Melange aus gleichzeitiger Reduktion und Opulenz, aus Schlichtheit und Komplexität, die trotz (oder gerade wegen) ihrer Gegensätzlichkeit ein optisch geschlossenes, kontrastreiches Spannungsfeld aufbaut, das seinesgleichen sucht. MANDERLAY ist ein stilistisches Meisterwerk!
Happiness in slavery -----
Inhaltlich, sowie erzählerisch, ist MANDERLAY ebenso stilsicher. Die Unterteilung in Kapitel, welche bereits in DOGVILLE als Erzählstruktur etabliert wurde, ist wiederum der Rahmen, der vom zeitweise ziemlich süffisanten Kommentar des Off-Erzählers (John Hurt) perfekt umspannt wird. Pointiert, kurz und klar wird bereits nach den ersten Minuten das thematische Dilemma etabliert. MANDERLAY ist ein Film über Tweety, den Kanarienvogel der Hauptfigur Grace, diesmal dargestellt von Bryce Dallas Howard. Als Kind konnte sie den Gedanken nicht ertragen, dass ihr Tweety immer nur im Käfig eingesperrt war. Sie öffnete den Käfig, der Vogel flog in seine Freiheit, starb jedoch kurze Zeit später, weil er aufgrund der niedrigen Außentemperaturen erfroren ist. In gewisser Weise ist diese kleine Anekdote, umgelegt auf die befreiten Sklaven in den amerikanischen Südstaaten, der zentale Punkt in MANDERLAY, welcher in den folgenden zwei Stunden facettenreich konkretisiert und auf sehr vielschichtige Weise erörtert wird. Dabei bewegt sich Lars von Triers Film nicht nur einmal auf sensiblen Terrain. Menschenrechte und demokratiepolitische Zusammenhänge lebt der Film teils auf höchst emotioneller, teils auf sehr nüchterner und pragmatischer Ebene aus, wobei sich beide Sichtweisen mit auffallender Häufigkeit gegenseitig untergraben. Dieses, inhaltlich ohnehin schon komplexe Konstrukt, skandiert Regisseur Lars von Trier mit offenkundig provokanter, teilweise sogar lüstern sarkastischer Erzählmethodik. Gute Intentionen verkehren sich unbeabsichtigt ins fatale Gegenteil, brodelnde Konflikte kulminieren in drastischen Lösungen. Als letztendlich in den End-Credits die montierten Fotographien von Unterdrückung, Rassenkonflikten und Armut, begleitet vom David Bowie Song 'Young Americans', über die Leinwand huschen, ist man als Zuseher unwiederbringlich im perfekt geschlossenen Teufelskreis der komplexen Thematik des Films gefangen. No way out - Happiness in slavery! Der Film bringt sein Thema nicht nur zum kochen, er verlagert es direkt in den hitzigen Hochofen mitten in Teufels Küche! MANDERLAY ist wahrlich eine Ausnahmeerscheinung im sonst weitaus zu glatten, politisch konformen Kino dieser Tage. Hier hat sich offenkundig jemand was getraut, dass ihm nicht nur Freunde machen wird... Bitte mehr davon!
State of Grace -----
Spielte in DOGVILLE noch Nicole Kidman die Figur der Grace, so ist es in MANDERLAY die Schauspielerin Bryce Dallas Howard (THE VILLAGE). Obwohl die Leidensrolle von Kidman meiner Ansicht nach weitaus "dankbarer" für die Mimin war, braucht sich Bryce Dallas Howard keinesfalls dahinter zu verstecken. Ihre Performance ist absolut sehenswert, sie versteht es die diffizielen inneren Konflikte ihrer Figur gut sichtbar auf die Leinwand zu bringen und steht Nicole Kidman in Summe sicher in nichts nach. Der Vater von Grace wurde ebenso neu besetzt, war es in DOGVILLE noch James Caan, so glänzt in MANDERLAY der Edelmime Willem Dafoe in dieser Rolle. Danny Glover brilliert ebenfalls mit seiner zurückhaltenden Interpretation der Figur des alternden Sklaven Wilhelm und auch die Nebenrollen sind mit Lauren Bacall, Jean-Marc Barr und dem Lars von Trier "Regular" Udo Kier hochkarätig besetzt. Auch in diesem Punkt braucht MANDERLAY in keinster Weise den Vergleich mit DOGVILLE zu scheuen. Insgesamt ist MANDERLAY ein ganz klares Hightlight des heurigen Kinojahrs, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Die grandiose Inszenierung, in Kombination mit der facettenreich aufgearbeiteten Inhalte des Films, dargeboten in erzählerischer Stärke, und die wunderschönen Performances der Darsteller lassen MANDERLAY zum perfekten Film avancieren. Auf einige wenige Regisseure ist eben nach wie vor Verlass. Nicht zuletzt deshalb ist Lars von Trier nach wie vor einer der bedeutendsten europäischen Filmemacher überhaupt und MANDERLAY absolutes Pflichtprogramm für Cineasten!
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