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Die 120 Tage von Sodom

  • Informationen zum Film
  • Die 120 Tage von Sodom

  • Originaltitel:
    Salò o le 120 giornate di Sodoma
    Genre:
    Thriller, Krieg, Drama
    Produktionsländer:
    Italien, Frankreich
    Produktionsjahr:
    1975
  • Inhalt
  • 'Nun, lieber Freund und Leser, bereite dein Herz und deinen Geist für den unzüchtigsten Bericht, der je gegeben wurde, seitdem die Welt existiert.' (Marquis De Sade)

    Der Film spielt im Italien der Jahre 1944/45. In der faschistischen Republik Salò werden junge Mädchen und Burschen von SS-Leuten in ein abgeschiedenes Anwesen verschleppt. Die vier sogenannten 'Herren' - ein Bischof, ein Richter, ein Fürst und ein Präsident - haben sich dort eingefunden um sich in orgiastischen, zügellosen Ausschweifungen zu ergehen. Ihre 16 Opfer - 8 Mädchen, 8 Burschen - werden auf perverse Art gequält, erniedrigt und getötet. Sie sind auf Objekte, die zur Befriedigung primitiver Triebe dienen, reduziert. Während abwechselnd eine der vier anwesenden Huren zur Unterhaltung der Wüstlinge eine obszöne Erzählung zum Besten gibt, werden die Opfer von den 'Herren' sexuell gedemütigt und missbraucht ('Höllenkreis der Leidenschaften'), dazu gezwungen ihre (eigenen) Exkremente zu verspeisen ('Höllenkreis der Scheiße') und ihre Körper letztendlich gefoltert, zerstückelt und exekutiert ('Höllenkreis des Blutes').
  • Filmkritik
  • Pasolini, Dante, De Sade und die Faschisten -----
    SALÒ basiert auf der literarischen Vorlage 'Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Libertinage', verfasst von einem der berüchtigtsten Schriftsteller und Querdenker Frankreichs - dem Marquis De Sade (1740-1814). Seine provokanten Thesen die Lasterhaftigkeit zur primären Tugend zu erheben, und sein ausschweifender Lebenswandel ließen ihn fast 30 Jahre seines Lebens im Gefängnis zubringen, wo er einige seiner Schlüsselwerke (darunter 'Die 120 Tage von Sodom') schrieb. Pasolini setzte die Handlung von SALÒ in den neuen historischen Kontext des in Italien herrschenden Faschismus, und reichert den Film noch zusätzlich mit Ideen aus Dante's Inferno an. Nach Fertigstellung seiner 'Trilogie des Lebens' - IL DECAMERON (1971), I RACCONTI DI CANTERBURY (1972) und IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE (1974) - stürzte Pasolini in eine existenzielle Krise, die letztendlich dazu führte, dass er Distanz zu seinen bisherigen Werken suchte und sie in der grimmigen Thematik des Marquis De Sade fand. Das Ergebnis war SALÒ, gleichzeitig ist es sein düsteres Vermächtnis. Pier Paolo Pasolini wurde am 2. November 1975 ermordet. Der Täter war angeblich ein jugendlicher Prostituierter. Pasolini hat bis zuletzt an SALÒ gearbeitet.

    'A cinematic ground zero' (John Powers) -----
    SALÒ ist das mit Abstand perverseste, giftigste, perfideste und verstörendste Werk das jemals von einen renommierten Regisseur filmisch in Szene gesetzt wurde. Die expliziten psychischen und physischen Gewaltdarstellungen des Films, inszeniert mit effizient strukturierter, erbarmungsloser Kaltschnäuzigkeit, bewegen sich nicht nur an der Grenze des Darstellbaren - sie sind die Grenze! Würde es sich hierbei lediglich um ein geschmackloses, ultrabrutales Exploitationmovie handeln wäre ja alles in Ordnung. Ist es aber nicht! SALÒ ist vielmehr das Werk eines international anerkannten Regisseurs, eines als Künstler geltenden, italienischen Vorzeige Intellektuellen seiner Zeit. SALÒ hat etwas, dass die vergleichsweise harmlosen Horror- und Exploitationmovies nicht haben - es hat eine Philosophie, und genau darin liegt die Gefahr für den Betrachter. SALÒ ist pathologisch destruktiv! Niemals sonst waren zwei Stunden Kino so deprimierend, so niederschmetternd und so schmerzhaft. Der Film entwickelt eine Intensität die bis ins Mark trifft, brennt sich unauslöschlich in das Erinnerungsvermögen des Zusehers ein. SALÒ ist eine filmische Grenzerfahrung, welche die 'Unschuldigen' von den 'Überlebenden' trennt. Auf welcher Seite man besser aufgehoben ist wage ich nicht zu sagen, eins ist aber fix: Ein Wechsel von der einen auf die andere Seite ist unumkehrbar und die Erfahrung könnte einen für immer verändern.

    'Die Mächtigen sind immer Sadisten, und wer Macht erdulden muss, dessen Körper wird zur Sache, zur Ware.' (Pier Paolo Pasolini) -----
    SALÒ ist der ultimative Film zum Thema Macht. Sowohl über die Ausübung, als auch über die Erduldung von Macht. De Sade setzt in seinen Werken Macht meist mit Machtmissbrauch gleich, Pasolini setzt diesen Gedanken mit radikalen Mitteln filmisch um und bleibt somit - zumindest in diesen Punkt - die bis dato einzig ernstzunehmende und adäquate Adaption des De Sade'schen Oeuvres. Es mag nicht verwunderlich sein, dass in den Werken des Marquis De Sade ein hochgradig gestörtes Verhältnis zu Autorität im Allgemeinen, und zu Macht im Besonderen zum Ausdruck gebracht wird. Wenn man gezwungen (!) ist, über ein Drittel seines Lebens in Gefangenschaft zu verbringen, könnten die Mächtigen (jene Autorität, die einem das antut) mitunter das einzige rote Tuch sein, dass einem noch leidenschaftlich zu hassen verbleibt. Angesichts dieser Überlegung kann es wohl kaum als Zufall anmuten, dass die 'Herren' in SALÒ ausnahmslos aus den Reihen kirchlicher bzw. staatlicher Autorität stammen. Ein Bischof, ein Richter, ein Fürst und ein Präsident werden zum Symbol struktureller Macht(ausübung), gegen die weder das Individuum selbst, noch das unterdrückte Kollektiv ein Mittel der Gegenwehr entwickeln kann. Somit schließt sich der Höllenkreis des zutiefst pessimistischen und destruktiven Weltbilds des Marquis De Sade direkt aus dem Film heraus um die Kehle des Betrachters - und Pasolini drückt zu.

    Clockwork Salò -----
    Die verstörende Qualität von SALÒ liegt primär darin den Zuseher ebenso zu nötigen wie die 'Herren' ihre Opfer. Der Regisseur repräsentiert jene autoritäre Macht im dunklen Kinosaal, um die es in der Geschichte geht - der Zuschauer ist das Opfer dieses ungeheuerlichen Machtmissbrauchs und muss erdulden was immer auch kommen mag. Pasolini macht das Thema des Films körperlich spürbar, prügelt es zwei Stunden lang in den Verstand des Betrachters und bleibt letztendlich klarer Sieger durch K.O. Immer wieder fällt mir in dieser Situation Stanley Kubrick's A CLOCKWORK ORANGE ein. SALÒ ist für mich die (viel zu) reale Umsetzung jener Szene, als Alex im Rahmen seiner Therapie / Gehirnwäsche gezwungen wird sich filmische Greulszenen anzusehen. An den Kinosessel gefesselt, die Augenlider mittels Klemmen auseinandergezogen und von Zeit zu Zeit mit Augentropfen versorgt, muss er stundenlang Sex- und Gewaltfilme über sich ergehen lassen. Nach dieser radikalen Therapie ist der vormalig gewalttätige Verbrecher Alex zum lammfrommen Jugendlichen geworden, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Nun... SALÒ könnte exakt jener Film sein, der Alex vorgeführt wurde! Im übertragenen Sinne könnte man nach Ansicht von SALÒ fragen: Bin ich Alex? Und wenn ja, wie geht's mir jetzt?
  • Wertungen
  • Story
    4,0
    Musik:
    3,0
    Unterhaltung:
    0,0
    Anspruch:
    5,0
    Spannung:
    2,0
    Darsteller:
    4,0
    Gesamt:
    5,0
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Pier Paolo Pasolini ist mit seinem letzten Film vielleicht etwas gelungen, was nicht jeder Filmemacher in seiner Laufbahn schafft. Er hat einen der kontroversesten Filme aller Zeiten gedreht. Er nahm dazu „Die 120 Tage von Sodom“ von de Sade als ...

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geschrieben am 16.11.2013 um 09:27

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ø Wertung: 7,4/10 | Wertungen: 10 | Kritiken: 1