Habemus Papam - Ein Papst büxt aus

  • Informationen zum Film
  • Habemus Papam - Ein Papst büxt aus

  • Originaltitel:
    Habemus Papam
    Genre:
    Drama
    Produktionsländer:
    Frankreich, Italien
    Produktionsjahr:
    2011
    Kinostart Deutschland:
    08.12.2011
    Verleiher Deutschland:
    PROKINO Filmverleih GmbH
  • Inhalt
  • Stell dir vor, es geht um einen neuen Papst geht und keiner geht hin. Nach dem Tod von Johannes Paul II stehen die Kardinäle der ganzen Welt vor der schwierigen Aufgabe, den neuen Pontifex der katholischen Kirchenwelt zu wählen. Nicht nur ein adminstrativer Lenker, Manager, sondern der geistliche Führer einer Religion, der Vertreter Gottes auf Erden. Ein Mensch, auf dem die ganze Welt mit der Erwartung des Geleits blickt. Eine schwere Aufgabe, unter der die menschliche Hülle der Geistigen nur zu bewusst wird. Keiner möchte dieses Amt und dessen Last auf seinen Schultern tragen, doch einer müsse gewählt werden. Als schlussendlich die Wahl auf einen Außenseiter fällt, atmen viele, hinter ihrem feierlichen Lächeln, auf – zumindest bis zu dem Moment, als jener sich weigert, den Balkon für die Segnung zu betreten. Stattdessen ein Entsetzenschrei, der über die Menge tönt. Ein Ausstoß der Bürde, der Verzweiflung ...

  • Filmkritik
  • Ein Film über die Sinnkrise eines Papstes? Aha. Von Nanni Moretti inszeniert und konzipiert? Oh. Mit Michel Piccoli als Hauptdarsteller? Wo krieg ich Karten!


    „Betet für mich, dass ich nicht vor den Wölfen mein Amt im Stich lasse.“ – Benedikt XVI


    Die Verbindung aus Thema, Regie und Hauptdarsteller macht einem als Cineast den Mund dann doch ganz schon wässrig. Insbesondere im Hier und Jetzt. In einer Zeit, welche den Kathalizismus nach langer Pause wieder in die Medien bringt, scheint eine filmische Umsetzung dieser durchwegs realistischen Geschehnisse angemessen, wenn nicht sogar nötig zu sein. Und so spürt man auch gleich in den ersten Sequenzen, wie Medien, Ritus und Ereignis ineinander aufgehen. Moretti beginnt im besten Cinéma Vérité-Stil. Nicht eine Sekunde verstreichen lassen, wird das Publikum direkt in die Begräbniszeremonie (und –event) gestürzt. Der Sarg im Hintergrund, die Massen mitsamt polnischen Flaggen im Mittelgrund und das grobkörnige Filmmaterial im Vordergrund, als ewiger Erinnerer, dass es sich hierbei um tatsächliche Ereignisse handelt. Beteuert der Filmemacher auch immer wieder, dass es „sein Vatikan“ wäre, den er nachstellen möchte, begegnet er uns mit einem naturalistisch dokumentarischen Setting, welches uns genau vom Gegenteil überzeugen soll. Hier, in unserer Realität, findet er den Ausgangspunkt, um in die Katakomben des Vatikans hinabzusteigen. Zunächst noch ein wenig wackelnd und einem Nachrichtenstil nachstellend (humorvoll als (post)moderner Ritus dem jahrhundertjahre alten Ritual entgegengesetzt), dann zunehmend ruhiger, und schlussendlich gänzlich in glattester Kino- und TV-Ästhetik versinkend. Und schon hier tritt das Unbehagen auf: Nach dem eher radikalen Umschwung vom Dokumentarischen zum Illusionistischen erstrahlt die Glattheit des Bildlichen wie eine Warnung für das Inhaltliche. Jeglicher Widerstand ist ausgemerzt, dem Genuss stünde nichts mehr im Weg. Doch ist es eben dieses Andere, diese Einzigartigkeit, die sich der reinen Rezeption quer zu legen droht, welche den ganzen Reiz an dem Filmischen macht. So verpuffen selbst die Auftritte des französischen Altmeisters in einem Vakuum der Bedeutungslosigkeit. Selten dringen durch den Primitivismus Geistesblitze, die Piccoli zumindest artistisch einzusetzen wissen. Ein Pessimist würde sagen, nach dem inbrüstigen Schrei der Verzweiflung zu Beginn des Filmes sollte man zu dem beachtlichen (wenn auch übereilten) Finale vorspulen. Ein Optimist würde sagen, auch in den restlichen Szenen agiert Piccoli seinem Talent entsprechend interessant, wenn nicht sogar faszinierend. Die Antwort des Pessimisten: Herrgottnochmal, es ist Michel Piccoli. Interessant und faszinierend sollten Ausgangspunkte für die Beschreibung seines Spiels sein und eben nicht Endpunkte. Die Fatalität der Perfomance wird im Vergleich bewusst. Eine der beeindruckendsten Momente aus Theodoros Angelopoulos’ The Dust of Time ist die Ankunft auf dem deutschen Flughafen. Eine Bombendrohung macht es notwendig, die Ankommenden durch einen Nacktscanner laufen zu lassen. Unbeirrt wandert die Kamera zu dem Monitor jenes Gerätes, bis die ganze Leinwand zu jenem wird, die äußere Realität verschwindet. Bis zu dem Punkt, als Michel Piccoli im Gestus eines alten Mannes auftritt: Nackt, verzweifelt, zutiefst hilflos. Wie kann es sein, dass eine einzelne Szene, eine einzelne Einstellung mehr Aussagekraft hat als Habemus Papam als gesamtes Werk?


    Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. – Bertolt Brecht


    Die Belanglosigkeit der Ästhetik reiht sich nahtlos an jene von Piccolis Rolle, der zwar sichtlich bemüht und interessant spielt, dessen Reportoire jedoch diesem zum Verhägnis wird. Der Kern der Kritik ist damit aber noch lange nicht erreicht. Vielmehr stellt sich hier ein Gürtel der leichten, unbeschwerten und schlussendlich reibungslosen Unterhaltung vor den Augen des Zuschauers, welcher das grundlegende Problem noch nicht zu erkennen gibt. Denn worüber handelt der Film eigentlich? Über die Entwicklung des Ansehens des Heiligen Stuhls? Über die unlogische Rechtfertigung gewisser Untaten? Über die polemisch all-gemeinen Aussagen zu aktuellen Tatsachen, die in ihrer Essenz menschen-verachtend sind? Nein. Weder das Image noch der Inhalt werden von Moretti ge-, geschweige den untersucht. Der Italiener betont zwar in seinen interviews, er möchte nicht das schon Gesagte aufwärmen und tut schlussendlich genau das. Denn er zeigt die Alltäglichkeit der Würdenträger, die Schwere, unter denen sie zerbrechen drohen (und tun), und auch das Ungesagte, welches nur in Gedanken verbleiben darf (wie etwa die Gebete aller Kardinäle an Gott, dass alle nur nicht der Betende zum Papst gewählt werden sollten). Kurzum: Menschlichkeit. Moretti will zeigen, dass die oberen Zehntausend (insbesondere die religiös verklärte Elite), im Inneren (der Konklave) auch nur Menschen sind. Das Explosive der Prämisse verblasst, um ein Märchen, das sich zugerne als Parabel verstünde, des Homo Sapiens zu schreiben. Wir sehen nicht die Sprengkraft, sondern nur den Rauch, hinter dem sich nichts verbirgt. Der Film verliert seine Dornen und damit den Widerstand, den Reiz. Habemus Papam ist glatt, sodass man in einem Rutsch durch den ganzen Film gleitet. Angefangen bei dem konservativ-lateinischen Titel über das Desinteresse für derzeitige kirchenpolitische Skandale bis hin zu einem samtzahmen Finale. Von vorne bis hinten als Film konzipiert, der wahrlich niemanden auf dem Fuß zu steigen droht, ist das neueste Werk des einstigen großen Gesellschaftskritiker des italienischen Staates ein Crowdpleaser – und zwar im schlechtesten Sinne des Wortes.



    And just so you know, this is not the feel good movie of the year. So if you're one of those idiots who needs to feel good, go get yourself a foot massage. - Whatever Works

    Dieser Katholiszismus im humanen Kitsch bietet sich trotz bzw., wahrscheinlicher, wegen dessen Natur als ein Film mit wohliger Note an. Indem Moretti die eigentliche Gefahren und Diskurse um die Position des Papstes außen vorlässt, baut der Zuschauer eine innige, zutiefst menschliche und romantisierte Beziehung mit den hohen Würdeträgern auf, die sich gerne mal für ihr Publikum gänzlich zum Affen machen. Gefangen im Vatikanstaat versuchen Psychoanalytiker (gespielt von Moretti selber) und seine Leidensgenossen der Langeweile zu entfliehen, indem all das Erhabene der Würden-träger in kürzester Zeit eliminiert wird. Einmal wird Volleyball gespielt (weil Völkerball, wie der Psychoanalytiker einem jener weltfremden Schäfchen erklärt, seit 50 Jahren tot ist), in der nächsten Szene wird geschnappst. Der eine nimmt verdächtig starke Schlafmitteln, der andere arbeitet an einem Puzzle. Während Piccoli in Verzweiflungskämpfen seine inneren Dämonen gegenübersteht, amüsieren sich Kardinäle wie Zuschauer in den Höfen des Vatikans bei ungemein menschlichen Zeitvertreib. Die genuin göttliche Komödie wird zu einer humanen. Der Ritus der Konklave, der – wie der Name schon verrät – den gänzlichen Einschluss bedeutet, ist wohl eine der gelungensten Prämissen von Habemus Papam. Nicht weil er hierdurch die oben genannte harsche Kritik nachholt (die der Film hierdurch wahrscheinlich noch stärker negiert), sondern sein eigentliches Wesen zu erkennen gibt: Es ist der Einschluss von Männern in eine Eigenwelt, die nur noch bedingte Reminiszenz zu der Realität offenbart. In diesem Innersten des Inneren treten jene als Menschen und nicht als kirchlichen Auren auf. Ihre erhabenen Hüllen lassen sie fallen, damit man sie (seelisch) so sieht, wie Gott sie geschaffen hat: Augenzwinkernd humorvoll. Und möglicherweise (ver)steckt (sich) auch hier das grundlegende Anliegen Morettis: Der Ausschluss der Außenwelt geht mit jenem der politischen einher. Der Filmemacher weigert sich vehement gegen eine mögliche Aktualität seines Filmes und begnügt sich stattdessen mit einem einlullenden Charme des Harmlosen. Kurzum, eine Komödie, ohne Stacheln und Dornen.

    Fazit
    Ein Film, der wohl nur im Vatikanstaat schockiert – und selbst dort positive Kritiken erhaschen kann. So soll man sich von dem grande nom des sozialkritischen Nanni Moretti nicht täuschen und, folgerichtig, enttäuschen lassen. Denn sobald man dies übersieht, kann man Habemus Papam für das genießen, was es ist: Ein witziges, gut gespieltes Filmchen für einen Dienstagabend – auf der Fernsehcouch.

  • Wertungen
  • Story
    3,0
    Musik:
    2,5
    Unterhaltung:
    3,5
    Anspruch:
    3,0
    Spannung:
    2,5
    Darsteller:
    3,0
    Gesamt:
    3,0
    Verfasst von:
    Sebastian Klausner
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Francesco und der Papst

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