Der letzte Kaiser

  • Informationen zum Film
  • Der letzte Kaiser

  • Originaltitel:
    The Last Emperor
    Genre:
    Biographie, Geschichte, Drama
    Produktionsländer:
    Frankreich, UK, Italien, China
    Produktionsjahr:
    1987
    Kinostart USA:
    18.12.1987
  • Inhalt
  • Durch Nacht und Nebel reiten die Abgesandten der königlichen Witwe, suchen nach dem Kind, das der Himmel erwählte. Im kleinen Palast des Prinzen angekommen, verlangen die Reiter den Erben des Throns, der sich weinend an die Kleider seiner Mutter klammert. Flehen und Weinen nützt nichts, der 3-jährige Knabe wird aus seiner Obhut entrissen und in die Verbotene Stadt geleitet, wo die Auftraggeberin den verängstigten empfängt. Ihre würdevollen Handbewegungen weisen durch die Hallen, über die Länder Chinas, und, vor ihrem letzten Atemzug, spricht sie mit sanften Ton, er sei der nächste Kaiser. Aufgezogen in einem alles blendenden Prunk, erzogen zu denken, Pu Yi sei vom Himmel erwählt, das größte Volk der Menschheit zu regieren. Doch noch bevor er das Jugendalter erreichte, ist das Königreich zu Ende. Einzig und allein in der Verbotenen Stadt und in seinem Kopf ist Pu Yi ein Mensch, der durch göttlicher Vorhersehung über seinen Mitstreitern steht – und das in dem Jahrhundert der Extreme. In einer Ära, in welcher der Thor zu Tode gerafft wird ...

  • Filmkritik
  • Der berüchtigte italienische Meisterregisseur Bernardo Bertolucci präsentiert in seiner Adaption der Autobiographie von Pu Yi, was es heißt, wenn Luxus, Prunk und Politik einen Menschen zu Tode raffen – oder auch: was es heißt, wenn das Leben zu einem Ornament wird.


    „Despite The Academy Award?“ “That means fuck all. It’s a sympathy vote.“ – Trainspotting


    Biopics zählen zu den beliebtesten Formen des Kinos. Kaum ein anderes Genre vermag es, die Hezen der Zuschauer mit den vermeintlich realen Figuren zu fangen. Purster Voyuerismus: Leben zu sehen, die tatsächlich gelebt haben – jene Emotionen zu fühlen, die tatsächlich gefühlt wurden. Glaubt man zu Beginn noch mit ihnen das realste Kino ins Auge zu sehen, erkennt man schnell es handle sich um das artifziellste. Eine Gefühlsmaschinerie. Und somit ist das Biopic oftmals auch die tristeste wie verkommenste Form des „Oscarköders“. Ein Grund, warum gerade Produzenten von solchen Ideen höchst angetan sind. Die Academy Awards per se stellen eine Möglichkeit parat, die Kinogänger zu einem Besuch zu motivieren und die Einspielergebnisse manipulativ in die Höhe zu treiben. Besonders wenn ein Werk dermaßen gezogen wird, wie Bertoluccis The Last Emperor als neunfacher Gewinner des Goldjungen. Denn überraschenderweise dauerte es eine durchaus lange Zeitspanne, bis das Epos überhaupt in die Top-10-Charts integriert wurde. Die Wirkung der Preisverleihung zeigt sich wohl bei kaum einen anderen Film besser, da hier der Hype erst geschaffen werden musste. Somit darf die polemische Frage gestellt werden: War es damals ein verkanntes Meisterwerk, dessen Qualität erst mit der Zeit erkannt werden konnte – oder ist es Schalatanerei, dessen Ruf nur in der Post-Oscar-Mundpropaganda konstruiert wurde? Was war zuerst? Die Qualität oder die Medienwirkung? Mehr als zwei Dekaden später formiert sich ein Urteil.



    “If you cannot say what you mean, your majesty, wou will never mean what you say and a gentleman should always mean what he says.“ – The Last Emperor


    So scheint der Kern einer guten – bzw. wohl eher oscarwürdigen – Leinwandadaption des Leben in einem elaborierten Gefühlskomplex zu ruhen. Es gäbe wohl kaum einen anderen Grund, warum Sandra Bullocks letztjährige Alltagsleistung für außergewöhnlich gehalten werden würde. Kaum einen anderen, warum die Freundschaft zwischen Monarch und Commoner (ahistorisch) die Gemüter bewegte. Solange die Tränen des Mitgefühls den Zuschauer erblinden, erstrahlen Akteur und Regisseur vor ihrem Oberflächenrausch, das den Ladenmädchen den Stumpfsinn als hohe Kunst verkauft. Jedoch, um zu Der letzte Kaiser zurückzukehren, mag eigentlich irgendjemand Pu Yi? Nicht nur jener tatsächliche Herrscher, der nur einmal in seinem Leben „Macht“ in den Händen trug – und dies war auch nur als Marionette des japanischen Imperialismus zurzeit Manchukuos –, sondern die tatsächliche Figur, die an dessen Stelle vor uns auf der Leinwand auftritt. Vielfach wird betont, dass sein Ende einen zu Tränen rühren könne – aber abseits von der Katharsis, von der Wende zum Menschenverstand, an welcher Stelle schlägt das eigene Herz hoch und ruft: Möge er doch auch mal herrschen. Er ist eine Figur des Mitleids. Dies bedeutet weniger, dass er eine sym-pathische Gestalt ist, als vielmehr eine bemitleidungswerte. Dieser letzte Kaiser – so wie eine Vielzahl an anderen Monarchen am Anfang des 20. Jahrhunderts – ist ein Mensch, der sich in die Illusion (ver)irrt. Es ist eine kopflose Flucht in einen Traum, von beinahe manischem Ausmaß. Wer kann somit diese Figur wahrhaftig leiden - und nicht nur bemitleiden? Eindeutig wäre es ein Parodoxon, sähen wir uns, als demokratische Wesen, mit jenem Tyrannen mitfiebernd, dessen Autorität über das Volk seiner göttlichen Berufung zu verdanken sei. Deshalb dekonstruiert Bertolucci absichtlich das gängige Bild des Biopics, indem er das charakterliche Wachstum negiert, die niedere Bedeutung der Nebenfiguren hervorhebt und – abzüglich der letzten fundamentalen Wende – seinen Protagonisten (brillant eindimensional: John Lone) in ein tiefes Loch der Unvernunft stößt. The Last Emperor ist kein Film über das Mitgefühl, sondern über den Wahn.



    „You saved my life to make me puppet in your own play“ – The Last Emperor


    Das Biopic ist in seiner Genre-haftigkeit gescheitert. Doch existiert ein Subgenre, welches aus der Lebensgeschichte (meist) eines Mannes gedeiht: Die Polithistorie. Diese 7 Dekaden, die jener durchmacht, sind Sinnbild einer ganzen Nation, welche sich im Umbruch befände. Wie die beiden Protagonisten in Kaige Chens (der selber, bei dem Italiener, in eine Rolle schlüpfen durfte) Opus Magnum – Ba wang bie ji – offenbart sich hinter dem persönlichen Glück und Unglück des politischen Werdegangs eines Landes, das von machthungrigen Parteien in seine Bestandteile zerlegt wird. Doch dieses Jahrhundert der Extreme – der Film beginnt im Jahre 1907 und endet (als Epilog) in der Gegenwart von 1987 – zeigt Bertolucci kaum. Immer wieder erhaschen wir, durch die prunkvollen Bilder von Kameramann Vittorio Storano, kurze Einblicke in eine zerstörte bzw. sich zerstörende Welt. In den zweieinhalb Stunden schlängelt sich die Erzählung um die wahren Ereignisse, damit der Zuschauer nur in einem Zustand des Spektakels verweilt. Die Ausstattung superb, die Kostüme verlockend und die Bauten monumental. Egal, ob Bertolucci eine Massensequenz während der Krönung oder ein intimes Finden der Körper portraitiert – stets umgibt seinen Szenen eine ornamentale Note. Es ist ein Rausch, in dem die Lebensjahre von Pu Yi vorüberziehen. Das historische Geschehen geht in einem Glanz unter, der nur den Schein erlaubt. Eine erklärende Kontextualisierung der chinesischen Republik(en) wird nicht nur ausgelassen, sondern sogar negiert. Der unwissende Zuschauer rutscht auf einem Glatteis der Ahnungslosigkeit, während er sich an der prachtvollen Kameraarbeit ergötzt – wir sind eine Synekdoche des (politischen) Lebens des letzten Kaisers: Pu Yi sieht zwar die Oberfläche, entkommt jedoch seinem eigenen Wahn bis zuletzt nicht. Der goldene Käfig, der anfangs mittels der Vebotenen Stadt portraitiert wurde, pflanzt sich in seinem Kopf fort. Dieser Monarch hat keine Ahnung, was geschieht – doch weiß er, ihm gebürt der Thron und die Regierung. Eine Insel aus Gold im alles verschlingenden Meer der Zeit.

    Fazit :

    Bertoluccis Epos des Einfachen schöpft seine Qualität aus der Umbewertung des Ausgangsmaterials. The Last Emperor ist weder Empathiewerk noch politisches Geschichtsbuch. Die Adaption des turbulenten Lebens von Pu Yi, der glaubte, durch göttliche Hand gewählt zu sein, erweist sich als Politparabel. Als eine Fabel eines simplen Mannes, der in seinem Wahn nichts erkennen vermag, außer jenes, das er erkennen möchte. In überwältigenden Bildern erzählt Bertolucci die ahistorisceh Geschichte eines tragischen Simplicissimus, welcher den Wandel der Zeit nicht versteht.

  • Wertungen
  • Story
    3,5
    Unterhaltung:
    3,5
    Anspruch:
    4,0
    Spannung:
    3,5
    Darsteller:
    4,0
    Gesamt:
    4,0
    Verfasst von:
    Sebastian Klausner
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