Michael steht inmitten seines Lebens. Auf der beruflichen Ebene dürfte soweit alles stimmen, denn der nächsthöhere Posten in einer Versicherungsfirma könnte schon bald ihm gehören. Im privaten Bereich sieht es allerdings eintönig aus. Freunde hat er keine, und sollte ihm jemand nähern, blockt er ab. Die eigene Familie sieht er selten. Gerade mit seiner Schwester trifft sich Michael ab und an mal auf einen Kaffee. Wenn er nach seiner Arbeit nach Hause fährt, stellt er sein Auto in die Garage. Anschließend werden die Jalousien im gesamten Haus auf blickdicht, und zwei Teller auf den Tisch gestellt. Zwei Bestecksets legt der 35 Jährige ab und Himbeerwasser gießt er in zwei Gläser. Dann steigt er hinab in den schalldichten Keller, entsperrt eine separate Verriegelung, und öffnet die sperrige Türe…
Michael betreibt ein Doppelleben. Denn hinter dieser Tür lebt Wolfgang, den Michael seit einiger Zeit gefangen hält. Der 10 jährige Junge wirkt eingeschüchtert und hört mit wenig Widerwillen auf das was Michael sagt. Dieser lässt seinen Empfindungen freien Lauf. Ist er besser gelaunt wird von seiner Seite ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Kommen aber seine Triebe zum Vorschein, wird auf Wolfgang keine Rücksicht genommen. Auch wenn Michael für ein paar Tage verreisen möchte, wird der „Häftling“ mit jeder Menge 5 Minuten Terrinen eingedeckt, und einfach weggefahren.
Dieser Film beschreibt die letzten 5 Monate dieses Zusammenlebens
Für Regisseur Markus Schleinzer ist MICHAEL sein erster Spielfilm. Zuvor arbeitete der 1971 geborene Wiener als Casting Director für verschiedenste Projekte. Zum Beispiel wurde ihm die Verantwortung zuteil, die Kinder für Michael Hanekes DAS WEISSE BAND auszuwählen, und danach als Trainer die einzelnen Szenen zu erarbeiten. Für sein Regiedebüt wählte Markus ein Thema aus jenes er aus der Öffentlichkeit kennt. Seit Jahren beschäftigt ihm, wie die Allgemeinheit mit dem Täterbegriff umgeht.
„Täter werden in den Medien zu Monstern stilisiert“
Um die Distanz zwischen den „Normalos“ und jenen Personen so groß wie möglich zu halten wird in der Bevölkerung, und in den Medien, gerne zu Fabelwesen gegriffen. Dabei erleben wir diese Menschen doch zumeist wie das übliche Volk. Sie gehen einer geregelten Arbeit nach, werden vom Umfeld geschätzt, und erleben den größten Teil ihres Daseins wie wir selbst.
Das Thema Ausbeutung und Sexualität mit einer sensiblen Handhabe
Regisseur Markus Schleinzer schuf mit MICHAEL einen Film, der auf realistische Weise zeigt, wie es hinter verschlossenen Fenstern tatsächlich passieren könnte. Weder wird der mahnende Zeigefinger erhoben, noch die Form dieses Zusammenlebens abgemildert. Michael wirkt als Film auch weniger verstörend denn ehrlich. Zugegeben, das Thema ist nicht einfach darzustellen. Schnell könnten Tendenzen in eine Richtung gehen, aber dies war nicht die Intension des Filmemachers. Vielmehr nahm er sich das Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“ zu Herzen und agierte dementsprechend. Diese Thematik bietet so viel Essenzielles, so dass ein Eingriff von außen nur störend wirken könnte. In einer zurücknehmenden Art, und mit einem geschickten Schnitt, lässt er diese Geschichte für sich ganz alleine strahlen.
Markus Schleinzer: „ Ich wünsche ihm dass die nächste Rolle eine andere ist.“
Der Schauspieler Michael Fuith trat diesem schwerzuspielenden Charakter mit Akribie entgegen. Mit viel Recherche hat er sich der Thematik angenähert. Von großer Bedeutung war es ihm auch dass für den Zuseher die Handlung dieser Figur nachvollziehbar und glaubhaft bleibt, wenngleich man sie zu keiner Zeit gutheißen kann. Markus zollte seinem Hauptdarsteller viel Lob, und wünscht ihn für die Zukunft einfachere Rollen.
Markus Schleinzer:“ Ohne dieses Vorwissen hätte ich mich an MICHAEL nicht herangetraut.“
Die Tätigkeiten als Casting Director haben dem Filmemacher sehr geholfen, sodass er mit dem 10 jährigen David Rauchenberger ein glaubhaftes Ergebnis erzielen konnte. Ihm gelang es, Wolfang als eine eigene Person mit einer eigenen Meinung darzustellen. Niemals soll der Eindruck entstehen dass ein Kind in einem fiktiven Film einem Voyeurismus ausgesetzt wird. Dieses Vorhaben ist dank dem geschulten Händchen von Markus Schleinzer vollauf gelungen.
…mehr als ein Fazit:
MICHAEL ist ein beklemmendes Kino jenes unbequem in der Magengegend liegt. Mehr obliegt es der Phantasie eines jeden einzelnen, wie sehr er sich seiner Vorstellungskraft unterwirft. Ohne das Extreme zu sehen, weiß der Zuseher zu jeder Sekunde, was passiert. Auch das oberflächliche Arrangement zwischen den zu spielenden Charakteren, lässt keinen inneren Frieden zu. Dieser Film ist nicht nur wegen der Vorfälle der vergangenen Jahre einer, dessen Thema aufgearbeitet werden musste. Und da war es wahrlich die beste Entscheidung diese Aufarbeitung in diesem Rahmen zu realisieren. Ein kleines intensives Produkt, jenes mit einem sensiblen Händchen geführt wurde, aber seine Geschichte schonungslos und in aller Deutlichkeit vor Augen führt. Für Kinofans mit Anspruch ist MICHAEL ein unbedingtes Muss. Wahrscheinlich gelang Markus Schleinzer mit seinem Debüt sogar der beste österreichische Film seit DAS WEISSE BAND.
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