Das Leben ist zu kurz, um sich hinter Fassaden zu verstecken. Doch das Leben ist ebenso zu kurz, um dies nicht zu tun. Eine Erkenntnis, welche der gewiefte Betrüger Steve Russell schnell erkennt. Um jede einzelne Minute, die ihm gegeben ist, zu genießen, zieht er eine Maske über die Nächste und schwingt sich von einer Lüge zu der Nächsten – bis er sich schlussendlich in den Knast schwingt. Doch wenn eine Gefängnistüre sich schließt, öffnet sich eine ander. Und so kommt es, dass Russell hinter schwedischen Gardinen sein Schicksal findet: Einen lieblichen, blonden Jüngling namens Phillip Morris. Russell schwört sich: Er wird alles tun, um ihn und sich das perfekte Paradies auf Erden zu schaffen …
Es gibt so gewisse Ereignisse für eine (unterdrückte) Minorität, die einfach den Charakter eines Meilensteins offenbaren. Für afroamerikanische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten war dies das imposante Auftreten von Martin Luther King. Für die Shoah-Überlebenden in Österreich war dies das mutige Einschreiten von Simon Wiesenthal. Und für die homosexuelle Gemeinde der (westlichen) Welt war dies die leidenschaftliche Liebe zwischen Ewan McGregor und Jim Carrey – ähm, was ?
Then one day something wonderful happened ...
Es ist eine Prämisse, welche im Unterhaltungskino seinesgleichen sucht: Jim Carrey liebt Ewan McGregor. Die 60-Million-Dollar-Produktion I Love You Phillip Morris kommt mit einem wahrlich tollen Staraufgebot in den Hauptrollen auf, um die Thematik der Homosexualität erneut in das Bewusstsein der Gesellschaft zu bringen. Zumindest scheint es so. Denn trotz der exzessiv steigenden Medienpräsenz, welche sich um das Sujet sammelt, verweilt die Thematik – gerade in der selbst erkorenen Filmnation Nr. 1 – in einer zwielichtigen Zwischenposition. In liberalen Kreisen schon längst akzeptiert und befürwortet, in konservativen Grüppchen noch immer verachtend angestarrt. Kein Wunder, dass I Love You Phillip Morris – gerade aufgrund von einigen etwas expliziteren Darstellungen von einer Beziehungen zweier Männer – in den USA keinen Verleih fand. Und doch ist es eigentlich ein Wunder. Eine Verwunderung meinerseits. Eine verärgerte Verwunderung. Der Film bespricht weder ein politisches Aufbegehren wie MILK, noch sozialpolitische Probleme der 1990er wie Philadelphia, und bricht schon gar nicht irgendwelche US-amerikanischen Männlichkeitsmythen wie Brokeback Mountain. I Love You Phillip Morris macht sich seinen Titel zum Programm: Die Liebe. Sie ist das eigentliche universale Thema des Films und genau an diesem Punkt macht der Film vieles richtig. So wie Jim Carrey als Steve Russell, in seinem wunderbar überdrehten Südstaatenakzent, sagt: „Oh – didn't I mention it: I'm gay.“ Ein Nebensatz im Skript, welcher erst nach mehr als 15 Minuten in der Diegese ausgesprochen wird. Der Film verlagert sein Hauptaugenmerk weg von der Thematik der Homosexualität und fokussiert gänzlich auf die Leidenschaft, welche zwischen den beiden Hauptdarstellern gedeiht. In einigen Momenten erinnert I Love You Phillip Morris an – das französische Original von – Ein Käfig voller Narren, aber enkleidet subtil das politisierende Element, um in die greifbare Nähe von Erdbeeren und Schokolade zu kommen – ohne auch nur ansatzweise mit der schriftstellerischen Rafinesse des Letztgenannten mitzuhalten. Doch dem Film gelingt der beinahe willkürlich erscheinende Spagat zwischen schrillen Humor – ohne dabei in die Mechanismen der stereotypen TV-Persiflage zu verfallen – und romantischen Abenteuer. Warum? 2 Worte: Carrey-McGregor. In Buchstaben ist es gar nicht zu fassen, was zwischen den beiden Darstellern passiert. Sie sind nicht nur die tragende Publicity-Kraft, sondern auch – besonders Carrey – der essentielle Kern von I Love You Phillip Morris an sich. Es sprudeln nur so die Funken. Anders als in vielen der Mainstreamliebesfilmproduktionen, in denen die Protagonisten leicht mit Schaufensterpuppen verwechselt werden können, wirkt gerade die Beziehung der beiden Stars unglaublich vital. Wenn sie eng umschlungen in dem Gefängnis tanzen, sich sexuell auf hoher See vergnügen oder auch einfach nur traute Zweisamkeit genießen. Die beiden Schauspieler wirken in ihrer Beziehung völlig ungezwungen und frei. Der Film versprüht frischen Wind. Schwungvoll, lustvoll und romantisch.
Pardon my French. My mother smoked during pregnancy.
Holprig, lüstern und kurzweilig – um die Eigenschaftsaufzählung des Films zu vervollständigen. Auch wenn das obere Lob an dem Film beinahe nach einem Meisterwerk schreit, sollte man sich vor zu großen Erwartungshaltungen doch erneut hüten. Besonders die beiden Regisserue Glenn Ficarra und John Requa , die auch die wahre Geschichte um Steve Russell in ein Drehbuch verwandelt haben, scheinen auf ihrem ersten Ausritt in die weiten Lande des Inszenieren ein wenig verloren gegangen zu sein. Zwar wirkt der Film auf weite Strecken relativ straff – wenn auch etwas konventionell – inszeniert, doch rutschen Ficarra und Requa oftmals ins wage Feld der Sinnlosigkeit. Immer wieder wachsen aus dem Nichts Szenen, die in ihrem Ursprung ihren (Un-)Sinn finden. Redundante Elemente zersetzen den straff konstruierten Handlungsbogen, schaffen unnötige Lücken, welche mit noch unnützeren Gags gefüllt werden. Sowohl inszenatorisch als auch im Script-Writing finden sich grobe Fahrlässigkeiten, welche auch in einem abendfülllenden Regie-Debüt eigentlich nicht passieren sollten. Sie führen I Love You Phillip Morris in das Feld der Mittelmäßigkeit. Und so bleibt schlussendlich alles, an dem Gummigesicht Jim Carrey hängen. Zwar bildet Carrey und McGregor in der Handlung ein wunderschönes Pärchen, doch der britische Darsteller findet sich schnell – sowohl handwerklich, als auch inhaltlich – in der stereotypen Rolle des konservativen Frauenbilds: McGregor ist der passive Partner in ihrer Beziehung. Ihm wird einfach nicht die Position des gleichberechtigten Hauptdarstellers zugesprochen. Ist auch sein romantisches Flirten mit dem Filmpartner erhellend, verweilt er als zweite Geige im gigantiscehn Schatten von Carreys Performance. Indem der gesamte andere Cast in eine marginalsierte Bedeutung verdrängt wird, kann sich Carrey – nach seinen teilweise arg langeweiligen Ausflügen in das Mainstreamkino der letzten Jahre – erneut von seiner besten Seite präsentieren. Grimassenschneiden, ohne blöd zu wirken. Überdreht sein, ohne Stereotypen aufzurufen. Carrey kann wieder mal zeigen, welche unerwarteten Größen in ihm schlummern. Er liefert nicht nur eine lebendige Performance, die frischen Wind in das müde Liebeskomödiengenre bringt, sondern wird selber – zusammen mit McGregor – zum romantischen und humorvollen Herzstück von I Love You Phillip Morris.
Fazit:
I Love You Phillip Morris ist keineswegs ein Meisterwerk, welches subtil-kritisch über eine Thematik spricht, die erst „erarbeitet“ werden muss. Noch ist es ein Blödelfilm a la Bully, welche sich pariodistisch und stereotyp an die Homosexualität nähert. Der Film ist eine Liebesgeschichte. Eine kleine Romanze mit zwei der sympathischsten Darsteller unserer Zeit – und zufälligerweise sind beide Männer. Und DAS ist die erfrischende Note von I Love You Phillip Morris: Homosexualität ist Prämisse weder für eine bestimmte Thematik noch ein spezifisches Genre. Das Werk will romantisch-humorvoll sein und dank der Chemie zwischen der beiden Hauptdarsteller ist er es auch! Für alle, die Lust auf traute Zweisamkeit haben und die Prüderie Hollywoods hinter sich lassen wollen.
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