In ihrem Bauch schlummert schon ihr zweites Kind. Doch die 17 jährige Precious hatte noch nie einen Freund. Noch nie war sie verliebt. Denn der Vater ihrer Nachkommenschaft ist zugleich auch ihr eigener Erzeuger. Mutter ignoriert die Tatsache des Missbrauchs. Nein, sie macht Precious sogar zur Schuldigen, da ihr Gatte wegen ihrer Tochter sie verlassen habe. Die einzige Zeit, in der ihre Mutter Precious Liebe entgegen bringt, ist das falsche Spielt über die Idylle, wenn die Sozialarbeiterin zur wöchentlichen Kontrolle erscheint. Masken der Freude werden aufgesetzt. Das ewige Lügen, des Geldes wegen, erdrückt das Mädchen innerlich. Die Schule musste sie wegen der Schwangerschaft auch fallen lassen. Ihr Leben schien schon mit ihren jungen 17 Jahren vorbei zu sein, doch als sie auf das Programm Each One Teach One aufmerksam wird, sollte sich noch einiges ändern …
Die graue Welt der Zahlen wird von dem schwarzen Universum der tristen und doch hoffnungsvollen Realität bezwungen. Precious.
For precious Girls everywhere.
Schon lange gilt die amerikanische Autorin Sapphire als eine der bedeutungsvollsten Schreiberlinge der afroamerikanischen Sub-Kultur der vereinigten Staaten. Analytisch und dennoch gefühlsvoll verleiht sie einer weiterhin unterdrückten Ethnie eine Stimme der Revolution. Einen Ruf, dem viele filmische Produzenten und Kreative gerne folgen! Eine Bewegung, an dessen Ende Precious wartet. Die erste Adaption eines der kraftvollen Romane von Sapphire. Und schon der vollständige Originaltitel der Produktion zeigt, das Naheverhältnis zu jener Quelle: Precious: Based on the Novel Push by Sapphire - die Titelverschiebung bedingt durch markttechnischen Mechanismen der heutigen Filmgesellschaft (startet doch beinahe gleichzeitig ein weiterer Film mit demselben Namen, der aber reichlich wenige Analogien mit Sapphires Werk zu lassen). Erfolgsproduzent Lee Daniels, der schon mit seinem bewegenden Südstaatendrama Monster's Ball eine Oscarnominierung einheimsen konnte, findet für seine zweite Regiearbeit mit der Vorlage einen zutiefst erschütternden Ansatzpunkt, der viele Menschen vor den Kopf stoßen wird. Denn das triste Epos von Precious spielt in einem New York, welches für die meisten Zuschauer ein anderes Universum darstellt. Die Bilder des Big Apples, welcher in den verklärten Darstellungen eines Hollywoods dargeboten werden, zerreißen jenes andere Hollywood bis auf die tiefsten Wurzeln. All die romantischen Liebeserklärungen werden vergessen. Die komödiantischen Fernsehauftritte der Metropole den Flammen vorgeworfen. Denn in Precious entsteht eine Schreckensgestalt, die jeglichen Vergleich mit Krüger & Co nicht scheuen muss. Wir, die Leser von Statistiken, Zahlen, abstrakten Berichten werden tief in einen Abgrund gezerrt, der keinen Ausweg verspricht. Kalt und ohne Verblendung zeichnet Regieneuling Lee Daniels mit subtil einfachen Bildern eine tief unter die Haut gehende Atmosphäre. Jene Schicksale, welche uns nur aus Zahlen bekannt sind, werden zu realen Personen. Das Leiden dieser zu unserem Gefährten in die Tiefe seelischer Grausamkeiten. Ein Trip, aus dem der Cineast nur schwerlich unberührt entfliehen kann.
Life is hard. Life is short. Life is painful. Life is rich. Life is … PRECIOUS
Es ist harter Tobak, welcher Daniels seinem Auditorium hier serviert. Armut, Rassismus und schließlich Tod. Es scheint beinahe so, als ob die Protagonistin nur des Leidens eingeschrieben ist. Stets sinkt sie tiefer. Doch trotz der tiefen seelischen Erniedrigungen: Precious sieht ein Licht am Ende des Tunnels. Daniels musste in die tiefsten Abgründe vordringen, um dem „Alltäglichen“ das Hoffnungsvolle zu geben. Für die meisten Zuschauer werden die Erfolge, welche die Hauptdarstellerin nach und nach verzeichnen kann, aus dem Kontext gerissen als reiner Alltag – und schlimmstenfalls sogar als noch weniger – erscheinen, doch in diesem birgt das Schönste, was man sich vorstellen kann: Eine Zukunft. Der Regisseur gelingt mit seinem Kleinepos eine düstere Darstellung der heutigen Gesellschaft, welche aber im Fortschreiten des Films eine glückliche Botschaft entfalten kann. Was beginnt mit Amelie-esken Traumphantasien, die auf ein besseres Leben verweisen, endet in dem Entkommen aus der Tristes. Dem Regisseur gelingt in diesem Kniff eine düstere Form des Good-Feel-Movies zu schaffen, der die gesellschaftliche Realität nicht ausblendet, sondern viel mehr zur Prämisse erhebt, um ein erhabenes Gefühl der Hoffnung in uns allen zu versetzen.
Fazit:
Lee Daniels zweite Regiearbeit ist ein verängstigender Trip in die dunkelsten Tiefen der menschlichen Gesellschaft. Das nach dem Roman von der Kultautorin Sapphire entstandene Werk gibt den abstrakten Zahlen unserer Gesellschaft ein Gesicht, welches das Leiden, aber auch die Hoffnung auf das Zukünftige genausten visualisieren kann. Precious ist wohl, trotz kleinerer Schwächen im Aufbau, einer der überwältigendsten, da ernsthaftesten Good-Feel-Movie des bisherigen Kinojahrs.
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