Die Stereotype ist die Umformung eines Nichts. Jene Exotik eines Anderen ist die reinste Essenz des Vorurteil. Das Unbekannte, welches dem Blick auf die Realität verschränkt. Kurzum: Das Fremde.
"Es gibt keinen Ehrenmord und keinen Eifersuchtsmord. Es gibt nur Mord" - Sema Meray
Die österreichisch-türkische Filmemacherin Feo Aladag präsentiert in ihrem Debüt, Die Fremde, den kulturellen Zusammenstoß ihrer beiden Kulturkreise. Nein, hier findet der Zuschauer keinen Skinhead-Film, wo Neonazis Migranten jagen. Auch ein wirkliches Treffen zweier Personen verschiedener Kulturen, die jeweils als ihre Repräsentanten gelten können, ist hier nicht gemeint. Vielmehr bildet Die Fremde das Zusammentreffen von Mentalität und Film. Das österreichische bzw. westliche Denken prallt mit einer gewaltigen Macht gegen das Zelluloid. All die Vorurteile, all das Voreingenommene, schleppt der Zuschauer in den Kinosaal mit. Eine Tendenz, welche der Zuschauer relativ schnell zu spüren bekommt. Denn schon die erste Einstellung bildet eine Verführung von Fehlschlüssen, die erst im Laufe der Spielfilmlänge zu einem adäquaten Ergebnis kommen. So wollen wir gleich noch ein wenig beim Anfang verharren. In diesen ersten kurzen Einstellungen wird der Zuschauer eiskalt in einen Tümpel der Brutalität und patriachalen Wahnsinn geschmissen. Ein See, der einem zu verschlingen droht. Minutenlang verhält sich das Zelluloid dem rumänischen Meisterwerk 4 Monate 3 Wochen und 2 Tage gleich. In dem angesprochenen Titel macht das Nicht-Wissen des Zuschauers einen ungeheuren Teil der Spannung aus. Aladag agiert auch in diesem Duktus in ihrem Die Fremde. Eiskalte und genau kalkulierte Bilder zersetzen die Welt des Seins in einen Zustand der Ratio. Unsichtbare Vektoren machen die ersten ruhigen Sequenzen zu präzise wiedergegebenen Eindrücken, die ähnlich wie in Hanekes 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls von den schwarzen Kadern des Ungewissen sauber durchtrennt sind. Ein Junge zückt eine Pistole und hält sie einer scheinbaren Mutter ins Gesicht. Schnitt. Kalt in der Bildsprache, kälter in der Montage. Die Debütantin findet mit diesen wenigen Minuten eine unglaublich packende Form des Einstieges, der den Abstieg einer Frau in einer patriarchalischen Kultur beschreiben sollte.
People are strange when you're a stranger. Faces look ugly when you're alone
Die Fremde ist die mutige Geschichte um den (zu) oft praktizierten „Ehrenmord“. Ein Ritual, um die Ehre, die moralischen Vorstellungen wieder herzustellen. Dass es sich hierbei um eine stark patriarchalische Tradition handelt, ist hierbei leider selbstredend. In dieser Problematik, welche die Regisseurin in vielen Belangen überaus subtil und akkurat wiedergibt, findet sie auch in den Belangen ihrer Inszenierung eine interessante Sprache, welche den Zuschauer beinahe die gesamte Filmdauer zu fesseln vermag. Die im ersten Absatz schon angesprochene Tendenz zur Ratio, zur Vernunft, welche gerade im Patriarchat klassisch zur Monopolsstellung erhoben wird, fängt die Regisseurin in simpel, aber doch „mathematisierten“ Visionen ein. Doch dies ist erst der Anfang. Denn, wenn sie in diesen ersten Minuten den männlichen Protagonismus in den Vordergrund stellt, kann man das nur als eine perfide Taktik bezeichnen, der erschreckenden Geschichte um den Ehrenmord eine erweiterte Gender-Dimension einzufügen. Dort, wo die Handlung von „dem“ Mann inszeniert wird, muss das Weibliche eine Nebenrolle spielen. Doch die Regisseurin sprengt das patriarchalische Monopol auf, um ihren Blick zu finden. Die Fremde ist ein brutales und wildes Aufsprengen männlicher Bildtraditionen, welche der Frau eine untergeordnete Stellung zuweisen. Die rauen und lebendigen Bilder, die sich im Laufe des Films einstellen, drücken die Unterdrückung der Hauptfigur aus, aber auch das Erkämpfen ihres eigenen Lebensraum aus. Die Schnitte, das Kameraschwanken, die Komposition – all dies schließt sich zusammen, um dem Debüt einem Gender-Blick einzuhauchen. Denn Die Fremde ist nicht nur eine ungenannte Unbekannte, ein minimalisiertes Opfer der HERRschaft, sondern bildet viel mehr auch den fremden Blick eines Anderen. Die Fremde ist die verfremdete Perspektive auf eine Kultur, die wir sonst nur von unserem Augen wahrnehmen. Unsere Mentalität wird zur Seite geschoben, um in den Geist jener Unbekannten einzudringen. Um die Welt – und somit auch die Problematik – aus dem Blickwinkel eines marginalisierten Anderen zu sehen. Um auch uns aus den Augen von Feo Aladag zu betrachten.
Fazit:
Mit Die Fremde gelingt der österreichisch-türkischen Spielfilmdebütantin Leo Aladag beachtliche Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Nicht nur ist der Film in seinem Plot ein packender Einblick in eine grausame Praxis der Intoleranz und des Sexismus, aus welcher Kultur auch immer dieser entsteht, sondern analysiert in subtilen Bildern die erschütternde Ideologie des Ehrenmord als kritische Beobachtung einer gesellschaftlichen Tendenz. In dieser Hinsicht ist Die Fremde wahrlich ein Stück Geschichte.
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