Synecdoche, New York

  • Informationen zum Film
  • Synecdoche, New York

  • Originaltitel:
    Synecdoche, New York
    Genre:
    Komödie, Drama
    Produktionsland:
    USA
    Produktionsjahr:
    2008
  • Cast & Crew
  • Regie:
    Charlie Kaufman
    Drehbuch:
    Charlie Kaufman
    Musik:
    Jon Brion
    Darsteller:
    John Rothman, Josh Pais, Lynn Cohen, Michelle Williams, Tom Noonan, Philip Seymour Hoffman, Deirdre O'Connell, Jennifer Jason Leigh, Samantha Morton, Catherine Keener, Amy Wright, Jerry Adler, Hope Davis, Frank Girardeau, Mark Lotito, Peter Friedman, Charles Techman, Daniel London, Frank Wood, Erica Fae, Elizabeth Marvel, Paul Sparks, Daisy Tahan, Sadie Goldstein, Robert Seay, Stephen Adly Guirgis, Kat Peters, Amanda R. Phillips, Deanna Storey, Laura Odeh
  • Inhalt
  • Ein einfacher Wasserhahn. Ein starker Druck. Und ein Schlag auf dem Kopf. Dies sind die einzigen Komponenten, welche dem selbstzweifelnden Theaterregisseur Caden Cotard fehlten, um das Leben jenes armen Irren komplett zu verändern. Ein medizinischer Spezialist nach dem Anderen betracht den gesundheitlichen Zustand des erfolgreichen Künstlers und sind sich einig: Ernsthafte Krankheiten werden den Mann zu Fall bringen. Verzweifelnd sucht Caden Halt bei seiner Frau, die aber mit ihrer Tochter nach Berlin geht, um ihren Erfolg als Malerin nachzueifern. Tage vergehen wie Sekunden, Jahre streifen über den Körper des Verdammten. Die Zeit entwickelt sich zu einem Kumpan in seiner Selbstblendung. Als dem kreativen Kopf dann noch einen der wichtigsten Auszeichnungen inklusive Gewinnprämiere verliehen wird, will er nun endlich „sein“ Projekt in die Tat umsetzen. Er engagiert dutzende, hunderte, tausende Schauspieler. Mietet eine riesige Warenhalle – und doch fehlt ihm noch ein kleines Detail: Die Idee. Seine bisher einzige Prämisse des Traumprojekts: Er will "Leben" porträtieren …
  • Filmkritik
  • Der Blick mit der Lupe


    Wenn die Menschen in ihren eigenen Erinnerungen gefangen werden und Drehbuchautoren in postmodernen Sinnkrisen verfallen, kann nur einer dahinter stehen: Charlie Kaufmann. Und dieser eröffnet mit Synecdoche, New York ein neues Kapitel in seiner Karriere. Somit: Bühne frei für Synecdoche, New York. Somit: Bühne frei für Synecdoche, New York. Somit: Bühne frei für Synecdoche, New York. Somit: Büh...

    Ja, warum meinen Augen trauen, wenn ich im Zweifel bin. Ja warum nicht erst meine Augen überprüfen. - Jean-Luc Godard


    Die Hollywood'sche Landschaft des Drehbuchschaffen war in den 1990ern eine Welt der harten Unfarbtönen. Mit derartigen (Selbst-)Hilfebücher von Syd Field & Co im Hinterkopf entwickelt sich eine Elite an Zombies, die auf Punkt und Komma genau die Prinzipien des Aristotel'schen Ideal zu ihrer Lebensphilosophie erwählten. Der Invention wurde die rote Karte erteilt, das 0815 zum Prinzip der Götter erkoren. Doch die tristen Grautönen brechen in der farbenfroh-kitschigen Universum der Traumfabrik ein: Charlie Kaufmann. Dies ist schon längst ein Name, der für das postmoderne Andere in der heutigen Filmwelt steht. In Arbeiten wie Being John Malkovich, Eternal Sunshine of Spotless Mind oder Adaption. verliert sich der Zuschauer in surrealen Paralleluniversen eines alternativen Hollywoods – und hiermit verliert sich Kaufmann im Herzen der Cineasten und der Kritiker. Doch nun tritt der selbstreflexive Autor eine Tür in neue Möglichkeiten auf: Der Regiestuhl wird erobert. Ein kleiner Schritt für Kaufmann, aber ein großer Schritt für die Filmwelt. Nachdem sich Kaufmann für sein neuestes Projekt zwei Jahre lang in der Welt der tristen Verzweiflung begab, war der erwählte Regisseur – Spike Jonze, mit dem Kaufmann auch schon bei Adaption. und zusammenarbeitete – selber mitten in der Produktion seiner Fabel Where the Wild Things Are. Da entschloss der Filmkünstler das Bild nach seinem eigenen Vorbild zu formen: Die Geburtstunde des Regiedebüts von Charlie Kaufmann.

    I know how to do it now. There are nearly thirteen million people in the world. None of those people is an extra. They're all the leads of their own stories. They have to be given their due.


    Doch die große Frage ist eigentlich: Was ist eigentlich Synecdoche, New York? Denn der surreale Trip durch das veräußerlichte Innere eines kreativen Menschen ist die kurze Inhaltsangabe aller Arbeiten Kaufmanns. Nur die feinen Differenzen zeugen von seiner Einzigartigkeit. Und was wollte der Film des Gesundheitswahn, der Todesangst, der sexuellen Unbefriedigkeit wohl nachstellen? Nichts anderes als Leben per se. So wenn Philip Seymour Hoffmann durch die dunklen Gassen seiner Existenz humpelt, sieht der Zuschauer erneut Charlie Kaufmann in seinem Wahn. Der Versuch das Leben in seiner Perfektion zu imitieren. Vielleicht sogar das Leben in der Überdimensionale zu zeigen – über sich selber hinaus weisend. Die einzige logische Folge aus dieser Imitation ist das Zitieren und Rezitieren. Hoffmann ist in in einem riesigen Spiegellabyrinth gefangen, in dem er sich selber trifft und wieder trifft. Die Menschen werden zu Figuren, die Scheinwelt zu einem Universum einer anderen Existenz. Im höchstem Sinne Postmodern verdammt Kaufmann in seinem Regiedebüt den Menschen zu der Wiederholung der Wiederholung. Die Verewigung einer Person in der Kunst wird zu einem Akt des Zweifelns, in welchem der Künstler in ein dunkles Nichts tritt. Das Ergebnis ein Escher'sche Trip, der die Form hinter sich zu lassen scheint. Wenn Hoffmann in das Warenhaus in dem Warenhaus in dem Warenhaus tritt, um sich dem Ensemble seines Imitators Schauspielers zu widmen, wird der Zuschauer zum Betrachter des Zuschauers. In dieser Hinsicht wird Kaufmann zu jenem klugen Manipulator der Worte und Bilder: Denn nun findet der Kinobesucher nicht nur das Publikum im Blickfeld der Betrachtung, sondern in dieser Hinsicht auch seine eigene soziale Rolle, die er neben dem Schaffenden einnimmt. Mit Synecdoche, New York lädt Charlie Kaufmann sowohl uns und als auch sich selber in das Schlaraffenland des Kinos ein, um sich in dem Erzählfluss eines Brecht'schen Epos zu verlieren und schlussendlich uns selber auf immer zu finden.

    Aber wer heute Erzählungen mit Flüssen vergleicht, muß an reißendere Flüsse denken, mit steileren und steinigeren Ufern, an die keiner, der einmal den Sprung gewagt hat, so leicht wieder zurückkommt. - Ilse Aichinger


    Bertolt Brecht meinte einst, dass die einzige Möglichkeit der Dialektik der Fabel Glieder zum Äußersten zu verrenken. Ein Gedanke, dem das gesamte epische Theater mit seinem Verfremdungseffekten unterliegt. Brecht findet hier die Chance, den Zuschauer aus der Berieselung zu befreien. Kaufmann findet nun wiederum hier die Chance, den Zuschauer aus der Rezeption zu befreien. Denn in extremer Manier reißt der manische Geschichtenerzähler jener Fabel alle Glieder heraus, um diese nach Größe geordnet, dem Publikum zu präsentieren. Unterstützt von den dumpfen Klängen eines melancholischen Anderen führt der Regiedebütant sein perfid geniales Ensemble – allen natürlich voran die erlebende, und sich selber zerstörende, Performance des schauspielerischen Genius Hoffmann – in eine kafkaeseke Welt des Alptraums. Die Noten eines Jon Brion (Magnolia, Punch-Drunk Love) hängen förmlich vor den Augen des Publikums, enden tief im Inneren. Eine abstrakte Reise durch Zeit und Psyche erwartet den Zuschauer auf postmoderne Weise. Doch jene Epoche des Zitierens und Reflektieren verbirgt Bösartiges in seiner tiefsten Struktur. Das Ausrenken – bzw. hier „Ausreißen“ - der Fabel ist ebenfalls das Lindern eines gewaltigen Gewässers. Denn nur in seiner moderaten Bachform kann der Erzählfluss per se analysiert werden. Waren es in Eternal Sunshine of the Spotless Mind noch die großen Emotionen, die sein Publikum in den Bann zog, verzückte Being John Malkovich mit seinem abstrusen Unterhaltungswert. Und auf diesem Pfad scheitert – bzw. vielleicht auch perfektioniert sich – Synecdoche, New York. Der Feind der Erzählung, die Längen, schleichen sich in einem Konstrukt, welches sich Aristoteles verschließt. Immer wieder verliert sich der Zuschauer im unkoordinierbaren Strang des Perfektionswahn von Charlie Kaufmann. Jener rote Faden existiert nur bedingt – absichtlich, wie es scheint. In der Betrachtung der Betrachtung wird das Auditorium in eine wissensschaftliche wie amüsante Analyse des modernen Erzählens eingeladen. Der Zuschauer nimmt dankend an, bleibt neben der Eingangstür stehen, um von Außen einen tiefen Blick in das Geschehen und das Narrativ zu werfen.

    Fazit:
    Mit Synecdoche, New York, der ersten Regiearbeit von Charlie Kaufmann, befindet sich der Zuschauer in dem wohl erwachsensten, postmodernsten, aber auch schwerfälligsten Werk des exzentrischen Erzählers. Mit einer Brise des gängigen Kaufmann-Humors begibt er sich auf die Suche nach Antworten, um das Leben, die Kunst und das Beobachten in all seinen Facetten zu ergründen. Ein Film, der auch nach dem hundertsten Mal noch verborgene Details offenbaren wird!
  • Kurz Kritik
  • Story
    4,5
    Musik:
    4,0
    Unterhaltung:
    3,5
    Anspruch:
    4,0
    Spannung:
    3,5
    Darsteller:
    4,5
    Gesamt:
    4,0
    Verfasst von:
    Sebastian Klausner

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