Dort, wo der Journalismus in den Alltag bricht, steht ein Mann felsenfest gegen die Konvention. Nein, ich spreche nicht über multipliden Sacha Borat Baron Brüno Cohen. Ebenso kann der Ambush-Journalist Michael Moore kaum entfernter jenem Ideal kommen. Die Sprache ist von jenem Maestro, dessen Name schon längst in dem akademischen Jargon des Journalismus integriert wurde: Günter Wallraff.
"Das hat nix mit Ausländerfeindlichkeit zu tun, aber DIE passen nit!"
Mit seinem neuesten Projekt geht der seit langem als Extremist unter den Reportern Geltende erneut an die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten. Das deutsche Zeitungs- und Fernsehwesen wäre in den letzten Dekaden wohl kaum derartig ausgebildet gewesen, hätte ein gewisser Günter Wallraff die oberflächliche Maske des deutschen Bürgertums und Kapitalismus entrissen. Waren die ersten Erfolge des Aufklärungsjournalist noch ihm aufgezwungen worden, sucht Wallraff seit Jahrzehnten die Missstände der deutschen Gesellschaft aufzuschlüsseln. So kam nicht nur das Heer, sondern auch schon die Industrie und die Gastarbeiterschaft unter den brutalen Reißwolf des enthüllenden Wortes. Diese schriftsterllerischen Waffen, welcher jener schon längst auf das Fernsehformat verwirklichte, bringt Wallraff nun erfolgreich auf die große Leinwand. Mit dem Dokumentarfilm Schwarz auf Weiß fällt nun auch der letzte Schleier eines verborgenen Alternativs in der heutigen Gesellschaftskonstruktion. Wallraff schmeißt sich in (afrikanische) Schale, um auf die Spuren von dem amerikanischen Autor John Howard Griffinzu wandern. Das Vorbild hat schon in den 1960ern all die Vorurteile und dunklen Seiten eines verborgenen Amerikas freigelegt. In Wallraffs Arbeit wird nun jener us-amerikanischen Buchversion ein deutsches Pendant entgegengestellt. Verkleidet als afrikanischer Einwanderer – mit unterschiedlicher Ausprägung – wandert Wallraff in den verschiedensten Regionen der deutschen Kultur. Entrüstet sieht der Zuschauer, wie selbst in all den geographischen als auch den kulturellen Gebieten der latente Rassismus sein bösartiges Gesicht zeigt. Ein brutales Geschehen, welches nicht bei stumpfen, grölenden Holigans endet, sondern bis hinauf in die dunkelsten Rängen der Bürokratie rankt. Mit versteckter Kamera erährt der Zuschauer beinahe in einer Egoperspektive den gesamten Hass einer Gesellschaft. Wenn der Leser von Griffins "Black Like Me" die psychische Verzweiflung des Autors fühlt, erlebt das Publikum von Schwarz auf Weiß jedes bösartige Wort, verendet in der Verachtung seines Gegenüber. Es entsteht eine furchtbare Pyramide eines latenten Rassismus. Beginnend mit dubiosen Blicken über verachtenden Benachteiligungen bis hin zu hasserfüllten „Heil Hitler“. Das Traurige an der Geschichte: Wenn Ruth Beckermann den Film für Österreich produziert hätte, käme dabei kaum ein anderes Ergebnis heraus.
Wir kennen uns hier alle. Dich kennen wir nicht. Verstehst du! Ende!
Die Heldenreise, einmal etwas anders. So könnte ein Alternativtitel zu Wallraffs neuesten Werk lauten. Christopher Vogler hat einst den Begriff der „Heldenreise“ als ein eigenes naratives Universum geprägt, welches sich seinen Erzählstrang Untertan macht. Nun begibt sich der in Tarnung Weilende ebenso auf eine Odysseeische Irrfahrt. Denn mit Schwarz auf Weiß kommt ein leicht differenzierteres Road Movie in die österreichischen Kinos. Die aufregende Reise durch Deutschland symbolisiert nicht nur eine geographische Inventur, sondern ebenso einen Abstieg in den letzten der Höllenkreise. Obwohl Erfolgsjournalist Günter Wallraff nicht einmal die radikalen No-Go-Areas der deutschen Bundesländer besuchte, trifft er nicht nur auf all den Hass, den sich ein Zuschauer vorstellen kann. Nein, er findet noch mehr. Denn jener Hass ist nur ein Minimum von der eigentlichen furchterregenden Realität. Die Filmemacher um das Projekt, welche schon öfters selber mit dem Enthüllungsreporter zusammen gearbeitet haben, bauen in einer größtenteils chronologischen Aufschlüsselun der Geschehnisse eine Aristotelische Dramenstruktur auf, welcher selbst der Meisterdichter Shakespeare erfreute. Denn beginnt der Film mit sonderbaren Blickhierarchien noch allzu harmlos, endet die Reise in einer Apokalypse. Es ist die Vernichtung einer Weltanschauung des Guten. Stückchen für Stückchen reist Wallraff in die Tiefen der deutschen Gebilde – Stückchen für Stückchen reißt Schwarz auf Weiß den Glauben an eine vorurteilsfreie Menschheit aus dem Zuschauer heraus. Die Regisseure Susanne Jäger und Pagonis Pagonakis haben mit Schwarz auf Weiß sicherlich ihre beste Arbeit produziert. Die verschiedenen Kameraperspektiven fließen harmonisch in einander, um ein „fiktives“ Ganzes zu entwerfen. Und dabei das „echte“ Ganze zu entwirren. Der Dokumentarfilm entwickelt eine ausgesprochene Dynamik, die sein Publikum in den Abgrund mitnimmt. Ihn förmlich gewaltsam packt. Ein brutales Manöver, das keinen Zuschauer kalt lassen wird. Und so sieht man es erneut: Die Wirklichkeit erzählt halt doch die erschüttersten Epen.
Fazit:
Mit dem neuen deutschen Dokumentarfilm Schwarz auf Weiß trifft der österreichische Zuschauer zum ersten Mal den radikalen Aufdeckungsjournalist Günter Wallraff in überlebensgroßer Farbe. Seine Reise durch seine Heimat in afrikanischen Trachten entwickelt sich zu einem aufdeckerischen Manöver, welches all die hasserfüllten Facetten einer Kultur – zu welcher „wir“ (Österreicher) auch zählen – auflistet. Wir schlüpfen in die Haut der Opfer, werden erniedrigt, gedemütigt, aggressiv. Und bei der schlichten Frage nach dem Grund dieser Anschuldigungen – nach dem WARUM, erhalten wir nur ein: „Egal warum!“
Kommentare
Um einen Kommentar verfassen zu können müssen Sie sich einloggen. Sollten Sie noch keinen DVD-Forum.at Account haben, registrieren Sie sich bitte hier.