14 unendliche Jahre mussten vergehen, dass auf dem berüchtigten Filmfestival von Cannes wieder ein maleysischer Film die Leinwand erblicken durfte. Nachdem Mitte der 1990er Kaki bakar von U-Wei Haji Saari auf der Leinwand erstrahlte, kommt Langfilmdebütanten Chris Chong Chan Fui erneut diese beachtliche Ehre zu teil. Und scheinbar packte dieses außergewöhnliche Werk aus dem fernen Lande auch ViENNALE-Programmdirektor Hurch, der allzu gerne dem diesjährigen Publikum Karaoke präsentiert.
Der in Kanada lebende Chris Chong Chan Fui hat sich in den letzten Jahren einen ganz speziellen Stil angeeignet. Seine Kurzfilme, welche er seit Anfang des neuen Jahrtausends dreht, sind stets willkommen an den internationalen Filmfestivals, die den Regisseur auch gerne mit einer Hand voll Auszeichnungen beglückten. So durfte natürlich sein Langfilmdebüt nicht lange warten und dem Filmemacher wurde auch die Möglichkeit eingeräumt, seine wunderbaren Geschichten auf eine volle Länge zu erzählen. Die Idee von Karaoke war da und in kürzester Zeit hatte Chris Chong Chan Fui seinen ersten Langfilm fertig. Der visuelle Künstler zeugt in seinem neuesten Projekt von einem tiefen Verständnis von der Jugend seiner Heimat. Mit der Figur des Betnik, leichtfüßig und intensiv von Zahiril Adzim gespielt, stellt der Regisseur eine Parabel vor, welche das Eigentümliche der malaysischen Jugend zu bebildern weiß. Chris Chong Chan Fui stülpt sein Sujet geschickt über seinen Protagonisten. Der Visualist will gar nicht eine konkrete Geschichte seinem Zuschauer näherbringen, sondern will vielmehr ein Lebensgefühl der derzeitigen Jugend seinem Publikum präsentieren. Die Geschichte um Betnik wird zu einer parabelhaften Erzählung einer Jugend ohne Sinn. Es ist die Aussichtlossigkeit, die nicht nur in jener Szene Jugendlicher zu spüren ist, sondern sogar weltweit. Es ist jenes „Was nun?“-Gefühl, welches schon Michael Glawoggers Figuren in Nacktschnecken vorstellten. Man findet sich in einer Welt, die auch schon das beachtliche Drama Half Nelson in sich trug. Wir sehen hinter diesen Aufschreien verschiedenster Filmkulturen eine neue Generation heranwachsen, die ihren Weg nicht mehr zu finden weiß. Die Jahre der Generation X eines Kevin Smith ist vorbei. Nun spiegelt die Filmwelt eine neue Schicht wieder: Generation Y – Generation Why. Chris Chong Chan Fui präsentiert mit seinem beachtlichen Debüt nicht nur ein schauerlich gut bebildertes Werk, der eine interessante Erzählung seinem Auditorium zu berichten vermag. Nein Karaoke ist zugleich ein wundersamer Aufschrei einer jungen Filmgeneration, die mit voller Wucht in eine Sackgasse prallte. Der einzige Ausweg aus dieser Tristese ist eine beachtliche Selbstrefelxion, die dem Werk eine ganz besondere Note verleiht.
Mit den Worten „schauerlich gut bebildertes Werk“ schon angekündigt, will ich mich nun auch noch der interessanten Visualisierung von Chris Chong Chan Fui in dessen Debüt widmen. Karaoke sprüht nur vor intensiver Visualität, die ihr Sujet in packenden Bildern zu transformieren versteht. Immer wieder gleitet der Film, und mit ihm sein Zuschauer, von einer Ästhetik- und Fiktionsebene in die Nächste. Der Regisseur betont das Gefühl eines unsteten Grundes. Es ist jene Firmamentsuche des Protagonisten, die sich der Zuschauer in der Visualität verbunden fühlt. Sind die ersten Aufnahmen noch von höchster Schnelligkeit, von einer Verwirrtheit geprägt, die den geometrischen Raum der Leinwand in ein Ungetüm verwandeln, beruhigt sich dies schnell, wenn die Karaokebar ihre Sinnhaftigkeit verliert. Nach dem Ineinanderfließen der Sinne, welche durch Alkohol, Lieder und andere Rausche indiziert wird, tritt das müde und trockene Arbeitsleben ins Bild. Die gleiche Bar wird von einem anderen Licht durchleuchtet. Sie bietet keine untergründige Energie, ihre Übergröße verblasst zu einem Nichts. Was bleibt ist die Geometrie der Arbeit. In diesem Duktus wechselt Regisseur und Filmtrickser Chris Chong Chan Fui stets jene Schichten der Wahrheiten. Nie weiß der Zuschauer genau, wo er sich befindet. Alles ist real – und doch bleibt der Schein stets sein teuflischer Verbündeter. Hat der Film auch seine gewissen Längen, die sich trotz der kurzen 75 Minuten in das Werk einschlichen, gelingt es ihm gerade in dem Punkt seiner Visualität seine größte Trumpfkarte auszuspielen: Sich selber. Karaoke ist ein Werk, das nur eines sein kann: Film. Die Vision, die der Filmemacher mit seinem Sujet zu vertreten versucht, ist intensivstes Kino vom Feinsten! Ausgetüftelt in seinem Inhalt, umgesetzt in seiner Visualität. Der bebilderte Buchstabe der sonstigen Filmkultur verschwindet. Das Visuelle in seiner Reinheit tritt zum Vorschein.
Fazit:
Manchmal zwar gar „langweilig“ möchte man meinen und dennoch birgt Karaoke eine ungeheuerliche Kraft in sich. Regisseur Chris Chong Chan Fui gelingt in seinem Debüt ein höchstes Maß an Reflexion seiner Selbst und seiner Generation, die den Zuschauer in ein Gebilde undurchdringbarer Tristese eintauchen lässt. Karaoke ist ein visuell wunderschöner Trip in ein Universum, welches zwischen den Welten hin und herpendelt. Ein beachtlicher Film, der es verdient hat seine junge, kraftvolle Regiegeneration auf Cannes und auf der ViENNALE zu vertreten!
Kommentare
Um einen Kommentar verfassen zu können müssen Sie sich einloggen. Sollten Sie noch keinen DVD-Forum.at Account haben, registrieren Sie sich bitte hier.