Sechs Millionen Menschen pilgern jährlich in die südfranzösische Kleinstadt Lourdes, dem Wallfahrts-Disneyland der katholischen Kirche. Geboten wird neben der Omnipräsenz von Gleichgläubigen eine Heerschar an betreuenden Mitgliedern des Malteserordens, eine breites Angebot an erstehbaren Viktualien, erfüllt von einer schier unendlich wirkenden Atmosphäre der Erwartung. Die Heilige Jungfrau Maria, so heißt es, ist nämlich in besagtem Ort 1858 der 14-jährigen Bernadette Soubirous in einer nahegelegenen Grotte erschienen, mehrmals; und irgendwann ist dann dort eine Quelle entsprungen, deren Wasser eine Frau von ihrer Lähmung befreit hat. Seit dem gibt es rund 7000 erklärte Wunderheilungen, 67 davon sind seitens des Vatikans offiziell anerkannt. 2009 feiert das Städtchen sein 150-jähriges Bestehen als Wahlfahrtsort und die an Wundern interessierte Jessica Hausner schickte sich in eben diesen Jubiläumsjahr mit Lourdes an, Ablauf und Erlebnisse einer mehrtägigen Pilgerreise zu beschreiben.
Regelrechte Menschenmassen machen sich auf das Heiligtum zu betreten. Schwer, da niemanden auf die Zehen zu treten. Der Regisseurin gelingt das trotzdem. Nüchtern und sachlich stellt sie ihre Charaktere, deren Gebrechen und Hoffnungen vor. Ein Wehwehchen hat ein jeder, eine Vielzahl der Pilger sitzt im Rollstuhl und ist auf die Fürsorge der Malteser angewiesen. Ihre Motive für die Reise sind unterschiedlicher, als man vielleicht glauben mag: Eine ältere Dame möchte endlich ihr lästiges Ekzem loswerden, ein Greis im Rollstuhl für ein paar Tage einfach nicht alleine sein, die junge Christine (Sylvie Testud) reist einfach gern. Doch auch sie hegt im Hinterkopf die leise Hoffnung, von ihrer Multiplen Sklerose geheilt zu werden. Man erzählt sich Geschichten, spekuliert über den letzten Ort einer Heilung und übt sich in Frömmigkeit. Mit der Ehrlichkeit dieser ist es freilich nicht immer weit her. Etwas Neid und Missgunst dort, Enttäuschung über das erneute Ausbleiben des Segens da. Hausner bewertet ihre Figuren aber nicht. Viel mehr liegt ihr am beobachtenden Element: Auf ein Stativ verzichtet sie nie, Kamerafahrten sind selten und gemächlich, die Sets sind zumeist in sich geschlossen oder erwecken den Anschein als ob. Wer HOTEL gesehen hat erkennt sofort die Handschrift der gebürtigen Wienerin, die erneut auch als Drehbuchautorin fungierte. Dieses wirkt ob des dokumentierenden Charakters der Pilgreise stellenweise etwas farblos, weiß dieses Manko aber mit grob skizzierten Nebenhandlungssträngen meist zu kaschieren. Eine schwer kranke Betreuerin, eine unerwiderte Liebe innerhalb der Malteser oder die amüsante Rolle eines Priesters, der immer wieder Antworten auf sonderbare Fragen seiner Pilger sucht. Verkörpert werden die Figuren in Lourdes von einem austro-französischen Stab an eher unbekannten Schauspielern. Besonders hervorzuheben sind hier Hauptdarstellerin Sylvie Testud, die mit großer Authenzität und spärlicher wohlgleich treffender Mimik die zentrale Figur Christine spielt und Elina Löwensohn als Malteserin Cécile, welche geheimnisvoll, pflichtbewusst und fromm ihre Schäfchen durch das Gesamtangebot des Wallfahrtsortes führt, denn diese Reise ist bis auf das letzte Detail durchorganisiert und ähnelt eher einem All-Inclusive Urlaub als einer besinnlichen Pilgerreise. Noch ein Wort zur Filmmusik: Diese ist eher minimal ausgeprägt und beschränkt sich auf real vorgetragene Lobpreise á la Kyrie. Einzig das dramaturgisch geschickt eingesetzte Ave Maria tönt aus dem Off und markiert das Alpha und Omega der Veranstaltung.
Jessica Hausners vierter Film Lourdes ist ein stilistisch gutes Werk und brilliert vor allem mit seiner Ästethik. Der Ansatz der Regisseurin hingegen - konkret: Die Nichtbewertung des Phänomens und ihrer Figuren - vermag nicht restlos zu überzeugen. Dazu fehlt es dem Drehbuch partiell an Substanz und Wirkung. Nichts desto trotz ist das bei den Filmfestspielen von Venedig mit Preisen überhäufte und bei der ViENNALE 09 mit dem Fipresci-Preis bedachte Werk ein gelungenes. Lourdes ist kein Film über die Kraft des Glaubens, sondern ein authentisches Wechselspiel von Hoffnung und Enttäuschung.
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