EVERY FAMILY HAS A SECRET
Der siebzehnjährige Benjamin hat den Kontakt zum Vater abgebrochen und eine Stelle als Kellner auf einem Kreuzfahrtschiff angenommen. Als das Schiff wegen technischer Probleme vor Bounos Aires anlegen muss, beschließt er kurzerhand seinen Bruder zu besuchen, den er schon jahrelang nicht mehr gesehen hat. Angelo, der mittlerweile seinen Namen auf TETRO ( Familienname: Tetrocini ) änderte, lebt mit seiner Freundin Miranda ein zurückgezogenes Leben inmitten Argentiniens Hauptstadt. Das erste Wiedersehen gestaltet sich jedoch mehr als merkwürdig. TETROS ablehnendes Verhalten ist für Bennie unerklärbar, hatte er doch damals einen so positiven Abschiedsbrief erhalten. Angelo hatte zuvor mit seinem Vater dem berühmten Dirigenten Carlo Terocini gebrochen, und Bennie, seine gesamte Familie und das Land, fluchtartig verlassen. Nur allmählich kommen sich die beiden Brüder näher. Als Bennie jedoch über die familiäre Vergangenheit zu sprechen beginnt, rastet TETRO aus, und zerstört das langsam aufgebaute Vertrauen mit einem Schlag. Doch der junge Bruder hat Blut geleckt und will mehr über die Familienhistorie erfahren. Etwas über seine Mutter, den Vater, und nicht zuletzt über TETRO selbst. In kleinen Schritten, und mit Mirandas Hilfe, kommt er einem dunklen Geheimnis näher und näher. Eines, mit dem selbst der unerschrockene Benjamin niemals gerechnet hätte.
EINER, WENN NICHT DER BEDEUTENSTE FILMSCHAFFENDE AUS DEN STAATEN
Francis Ford Coppola begann schon 1960 mit der Laufbahn als Filmregisseur. Doch erst mit der Familiensaga zu DER PATE ( 1972 ) wurde sein Name mit einem Schlag weltbekannt. Zuvor schenken seinen Werken, wie zum Beispiel BATTLE BEYOND THE SUN ( 1960 ), THE TERROR ( 1963 ), DEMENTIA 13 ( 1963 ), oder THE RAIN PEOPLE ( 1969 ), kaum jemand Beachtung. Aber das Jahr 1972 veränderte augenblicklich Francis Ford Coppolas Leben. THE GODFATHER, so im englischen Original, brachte ihm 12 Oscarnominierungen ein, und konnte drei der begehrten Preise gewinnen. DER PATE II konnte den Vorgänger sogar noch Toppen, und konnte sechs Oscars mit nach Hause nehmen. Der Filmemacher stand am höchsten Level seines Schaffens, er war die uneingeschränkte Nummer Eins. Nach einer fünfjährigen Pause kam 1979 APOKALYPSE NOW in unsere Kinos. Danach legte Francis sein Augenmerk wieder auf kleinere Produktionen, und Werke wie RUMBLE FISH ( 1983 ) oder THE OUTSIDERS ( 1983 ) entstanden. THE COTTON CLUB ( 1984 ), PEGGY SUE GOT MARRIED ( 1986 ) oder GARDEN OF STONE ( 1987 ) sollten folgen bis 1990 der dritte Teil der GODFATHER Trilogie das Licht der Kinoleinwand erblickte. DRACULA ( 1992 ) und THE RAIN MAKER ( 1997 ) waren die weiteren nennenswerten Filme bis zum heutigen Tag. Nun folgt mit TETRO ( 2009 ) wieder eine kleinere Produktion, welche von Francis Ford Coppola nicht nur inszeniert, sondern auch geschrieben wurde.
SO SCHÖN KANN KINO SEIN
Schon allein die Aufzählung seiner Filmographie lässt das Herz eines Filmliebhabers höher schlagen. Die meisten seiner Werke gelten unter Cineasten als absolute Klassiker seiner Zeit. Unter diesen Voraussetzungen einen neuen Coppola zu sehen, da kann die Erwartungshaltung gar nicht höher sein. Und TETRO schafft es, diese nicht nur zu erfüllen, sondern den Anspruch noch zu übertreffen. Es gibt nichts was der Zuseher bemängeln könnte. Jede wichtige Komponente, die TETRO zu bieten hat, wird begeistern. Beginnend mit einer unfassbaren Geschichte, die nach einer anfänglichen Leichtigkeit mit Fortdauer immer tiefer geht, und im Finale zum dramatischen Höhepunkt gelangt. Eine so gewichtige Bildsprache, die meist in malerischen Schwarz / Weiß gehalten, mit nichts vergleichbar ist. Es gelang eine Stimmung zu erzeugen, die beim Sehen eines Filmes nur selten so verspürt werden kann. TETRO ist witzig und traurig zugleich, kann Spannung mit Dramatik vereinen, und kann trotz einem komplexen Inhalt leicht verstanden werden. Kurzum wird von einem Kunstwerk gesprochen, dass den Betrachter in TETROS Welt tauchen lässt, und ein Gänsehautgefühl garantiert.
… AND THE OSCARS GOES TO …
Francis Ford Coppola und das Produzententeam verzichtet bei der Besetzung weitgehend auf große Namen, wobei diese Bezeichnung relativ gesehen werden muss. Denn der Österreicher Klaus Maria Brandauer, der in einer kleinen Doppelrolle agiert, ist nicht nur national ein anerkannter Darsteller. Zudem darf der eigentliche Hauptdarsteller Vincent Gallo auf namhafte Regisseure verweisen, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat. Abel Ferrara, Emir Kusturica, Martin Scorsese oder Roland Joffè sind nur einige Namen, die dies bestätigen. Die weibliche Protagonistin Maribel Verdù kommt aus dem spanischen Raum und besitzt bereits 65 Werke in ihrer Filmographie. Die Titel dürften einen Cineasten im europäischen Raum schon geläufig sein. LA ZONA, Y TU MAMÀ TAMBIÈN und PAN`S LABYRINTH sind nur drei Beispiele ihres Schaffens. Für die Rolle des jungen Benjamin besetzten die Verantwortlichen einen völligen Neuling. Alden Ehrenreich durfte sein Konterfei bislang nur vereinzelt in TV Serien zur Schau stellen. Aber Alden, sowie all die Anderen sollen nicht einzeln bewertet, sondern müssen in einem Atemzug genannt werden. In der Kombination ergeben sie die perfekte Wahl für einen großartigen Film!
TETRO, A MASTERPIECE ??
TETRO kann nicht im Vorübergehen konsumiert werden. Dafür ist er nicht gemacht. Zudem ist dieses 2009 entstandene Werk trotz seiner einfachen Erzählweise nicht bequem zu verstehen. Der Zuseher muss sich, will er TETRO eine echte Chance geben, auf den Film einlassen, und in seine Tiefe eintauchen. Dann wird er, für die gesamte Spielfilmlänge diese Faszination und die Kunstfertigkeit, die TETRO versprüht, erkennen. Es wurden selten so schön gewählte Einstellungen benutzt, die sich zudem immer im richtigen Rahmen bewegen. Selbst ein großer Spiegel, der nichts Unwesentliches zeigt, wird oft zum mitspielenden Objekt. Eine ruhige aber oft bewegte Kamera, die primären Dinge in den Vordergrund stellt. Ein Schnitt, der sich meisterhaft zwischen den Zeiten bewegt. Eine Musik die es versteht, obwohl sie dezent im Hintergrund gehalten wird, den Film zu tragen. Und nicht zuletzt das Licht / Schatten Verhältnis, welches immer die bestmögliche Variation wählt. All das und die vielen kleinen Detaillierungen die hier fehlen, schließlich soll der Betrachter selbst auf Entdeckungsreise gehen, ergeben eine Symbiose, ein großes Ganzes. Kann also TETRO als Meisterwerk bestehen ?
Fazit:
TETRO ist jener Film geworden, der vielleicht noch nicht heute, aber in absehbarer Zukunft als Meisterwerk gelten wird. Bleibt zu hoffen, das dieses Werk so viele Leute wie nur möglich zu Gesicht bekommen werden. Wegen der Produktionsfirma, die TETRO insgesamt im kleinen Rahmen halten wollen, auch das Filmfestival in Cannes durfte ihn nur in einer Nebenschiene zeigen, besteht Gefahr, ihn nicht mal im Kino sehen zu dürfen. Dabei würde TETRO eine größtmögliche Leinwand benötigen, um aus dem Vollen schöpfen zu können.
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