Es gibt nur zwei Arten von Menschen auf der Welt: Präpotente, unausstehliche Dummköpfe, die die Welt in ein Chaos von Kretins stürzen. Somit Horden von gehirnamputierten Wahnsinnigen, welche den Frieden auf Erden gefährden. Und Boris. Der Letztere der Beiden ist ein misanthropisches Genie, welches seine Misere durch den Sprung aus dem Fenster heilen wollte. Leider landete er auf dem Vordach. Nun humpelnd verlässt er seine Frau, sein Luxusleben, um sich in eine kleine, schäbige New-York-Downtown-Wohnung zu verkriechen. Doch das Schicksal findet einem, egal wo man sich versteckt. In diesem Zusammenhang dargestellt von einem jungen, naiven Mädchen aus den Südstaaten namens Melody, die von Zuhause weggelaufen ist. Was mit einer kleinen, noblen Geste weniger Tagen Übernachtungen beginnt, soll sich schon bald zu einem Epos aus religiösem Fanatismus, freier Liebe und natürlich Pessimismus entwickeln...
Ein kurzer Essay über die Vergänglichkeit der Unendlichkeit oder auch Das Verhängnis des Alterns
Der Exzentriker der Romantik, der Liebhaber der Neurosen lädt das diesjährige ViENNALE-Publikum ein, sich erneut in seine romantische Liebeserklärung an die neurotischen Exzentrikern zu verlieben. Woody Allen invites us to see the whole picture. He invites us to become geniuses.
And just so you know, this is not the feel good movie of the year. So if you're one of those idiots who needs to feel good, go get yourself a foot massage.
Nachdem in den Beginnjahren des neuen Jahrtausends, welches für Allen mit der unerwartet öden und glatten Teeniekomödie Anaything Else begann, die Zahl seiner Verehrer langsam zu schwanken begann, wusste jener schrullige Stadtneurotiker, ein Neuaufbruch wäre angebracht. Die Redundanz müsse besiegt werden. Die Stadtflucht war die Folge. Hiermit natürlich nicht die Flucht auf das Land gemeint – dies würde für die Exzentriker wenig Sinn ergeben, da ja bekannt ist: Die Urbanität ist die Prämisse der Neurose. Das urbane Gebiet müsse also bleiben, aber DIE Stadt dürfe sich nicht mehr blicken: Der Auszug aus New York musste sein. Als heimatloser Vagabund bereiste der Regisseure die halbe Erde von London bis nach Barcelona, um festzustellen: Zuhause ist es doch am Schönsten. Whatever Works ist der erste Film der Phase einer Rückkehr in die Heimatstadt von Woody Allen. Und dieses Heimkehren nach New York ist nicht nur ein lokales Re-Orientieren, sondern vielmehr auch ein Zurückblicken auf sich selber – aber dieses Mal aus der Fremdperspektive. In den letzten Werken des Regisseurs hat er zwar ebenfalls Neurosen begutachtet, aber die (männlichen) Hauptdarsteller waren gutaussehende Alphawesen, die mit einem Fingerschnipp (trotz ihrer exzentrischen Züge) alle Frauen dieser Welt haben könnten. Woody Allen ist keiner von ihnen und dies war stets der Charme der alten Allen-Streifen. Doch der in die Jahre gekommene Regisseur und Schauspieler erkannte in seinen späten 60ern, dass die alternde Liebe nicht sein Thema ist. Sein geliebtes Sujet ist die unendlich scheinende romantische Leidenschaft, die dann doch allzu endlich ist. Er entsorgte sich eigentlich selber – um nun den „jungen“ 62-jährigen Comedian Larry David ins Bild springen zu lassen. Es ist ein seltsames Gefühl: Erneut in New York, in der klassischen Allen-Ästhetik, der subtile Kulthumor – und dennoch ein anderes Gesicht. Woody Allen kombiniert all seine gängigen Schemata und Motive, um sie durch ein „neues altes“ Gesicht zu verbildlichen. Die Neurosen vielleicht ein wenig aggressiver, aber auch der von David gespielte Boris ist ein Allenesker Pessimist – neurotisch und romantisch zugleich. Es ist ein merkwürdiger V-Effekt, der das Innere von Allen auf einen anderen Schauspieler projiziert. Doch nach kurzer Befremdung erkennt der Zuschauer schnell, dass es einfach klappt. Der Stand-Up-Komiker, der am ehersten durch die Fernsehserie Curb Your Enthusiasm bekannt ist, bringt genau jenen Humor in das Werk, welches das Fehlen eines Allens in Persona kompensieren kann. Er ist gemein, neurotisch, unangenehm, pessimistisch und einfach nur verdammt witzig. Dass Larry David bisher erst in zwei kleinen Rollen aus Allens Repertoire inne hatte, muss als Schande angesehen werden. Denn hier steht Allens Alter Ego vor uns. Larry David ist per se eine Allen-Gestalt.
That's why I can't say enough times, whatever love you can get and give, whatever happiness you can filch or provide, every temporary measure of grace, whatever works.
Whatever Works klappt in vielen Belangen. Er ist einfach ein zum Brüllen komischer Allen-Streifen aus der Epoche „New York“. Und man glaube es nicht, aber: Hier liegt das Problem. Woody Allen endet mit seinem neuesten Film erneut in die Klassik seines Filmemachens. Dieses Phänomen kann sich kaum als Wunder bezeichnen, wurde das Drehbuch doch nur kurze Zeit vor seinem berüchtigten Annie Hall in den 1970ern fertig gestellt. Und dies spürt man in jeder Faser seiner Existenz: Whatever Works besitzt jenen Charme eines 1970er-Allen. Von der sexuellen Offenheit eines Everything You Always Wanted to Know About Sex * But Were Afraid to Ask über die neurotische Konstellation eines Manhatten bis hin sogar zu der filmischen Selbstreflexion eines Zellig. Dennoch besitzt es zugleich eine ungeheure Redundanz. Woody Allen treibt sich seit den späten 1960ern in dem filmischen Milieu herum. Seit jener Zeit hat der fleißige New Yorker über 50 Spielfilme gedreht bzw. geschrieben. Was bleibt da noch zu erzählen? Allen hat eigentlich beinahe jede Geschichte und Konstellation für sich ergriffen, um irgendwo noch die Neurosen unseres verrückten Paarungsverhaltens zu untersuchen. In manch einer Szene wirkt dies leider so, als würde er die letzten Tropfen aus der Zahnpastatube drücken. So bleibt die Frage: Kann die Unendlichkeit eines Allenesken Universum weiter bestehen? Woody Allen ist scheinbar an die Grenzen jener unerforschten Welten vorgedrungen und muss – wohl oder über – verharren. Und dennoch: Allen ist, wenn man trotzdem lacht. Trotz besseren Wissens kann man den Zwerchfell nicht befehlen, sich in Zaum zu halten. Allens neuester Streich ist trotz jener redundanten Sichtweise einfach ein verdammt lustiger Film geworden. Immer wieder – und gerade gegen Ende – schleichen sich Fehler in der Erzählung. Witze verstauben beim Aussprechen ihrer Selbst. Aber die selbst gesetzte Objektivität kann nicht stand halten. Man erkennt die Fehler, man blickt in die Tiefe einer Endlichkeit des Genius – und man lacht bis die Tränen in die Augen kommen. Whatever Works just works.
Not a Good-Feel-Movie? But it is.
Fazit:
Nach seinem europäischen Urlaub ist der Meister des New-York-Cinemas erneut in seine Heimat zurückgekehrt. Mit einem Drehbuch aus den 1970ern und einem absolut grandiosen Larry David in der Hauptrolle entstand ein überaus amüsanter Film, der trotz besseren Wissens zu den besten, da klassischsten Allen-Filmen der letzten Jahren geworden ist. Mit Whatever Works hat Allen, der Dionysos der neurotischen Filmliebeleien, einen der witzigsten Filme des Kinojahrs produziert. Zurück nach New York. Zurück in die Klassik. Und zurück auf den Kinositz!
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