Ein Fremder in dem kleinen Häuserl in einem Schtetle des verschneiten Russlands. Der Helfer in Nöten soll angeblich vor drei Jahren verstorben sein. Und doch steht er in Fleisch und Blut vor dem verblüfften Ehepaar. Der hilfreiche Gast wird von der misstrauischen Frau mit schrofem Ton angepfaucht. Er wäre ein Dibbuk, meint sie. Das Gelächter dieser albernen Vermutung über den angeblich Toten verlischt sogleich, als diese ihm einen scharfen Eispick in den Magen rammt. Tiefdunkles Blut tropft langsam aus dem Alten, der sich unerwünscht aus dem warmen Heim bewegt.
Noch ist alles in Ordnung für den jüdischen, über-vierzig-jährigen Professor für Physik Larry Gopnik. Seine Familie liebt ihn. Sein Beruf ist eine Zuflucht. Und – wie er gerade erfahren hat – ist er auch bei perfekter Gesundheit. Doch der schöne Schein dieses vorstädtische Paradies der späten 1960er wird sich in Balde völlig in Luft auflösen. Alles beginnt mit dem Angebot eines koreanischen "F"-Schülers, Geld für seine Note zu hinterlassen. Angewidert verweigert der stolze Professor diesen Erpressungsversuch. Zuhause, sich von dem Schock erholen wollend, erfreut seine Frau ihn mit der Ankündigung der Scheidung. Verblüfft und vollkommen unvorbereitet zieht er unwillig mit seinem kränklichen Bruder in ein Motel. Geheimnisvolle, anonyme Briefe deklarieren den moralisch einwandfreien Lehrer zu einen ethisch bedenklichen Subjekt. Selbst die Antwort der Rabbiner, die ihn mit Parabel über Parkplätze und Zähne quälen, wollen nicht helfen. Und dies soll erst die Spitze des Eisbergs sein ...
„Da stand Ijob auf, zerriss sein Gewand und schor sich den Kopf kahl. Dann warf er sich nieder, das Gesicht zur Erde, und sagte: ’Nackt kam ich aus dem Schoß der Mutter, nackt geh ich wieder von hier fort. Der HERR hat gegeben und der HERR hat genommen. Ich will ihn preisen, was immer er tut!’“ (Ijob 2,8 – 2,9)
Und sie sind schon wieder da. Die berüchtigten Coen-Brothers, die erst letztes Jahr mit der Spionageklamotte Burn After Reading die Gemüter erheiterten und vor zwei Jahren ihren eiskalten Mörder aus dem Land der Nicht-Alten auf das ViENNALE-Publikum losließen, bringen nun ihr neustes Meisterwerk in die österreichischen Landen. Auf dem wichtigsten heimischen Filmfestival wird das jüdische Schicksal in Parabelform präsentiert. A Serious Matter. A Serious Man.
„The Picture takes place in 1967 among a Jewish community in an unnamed Midwestern suburb. Joel and I are from the Midwest and so it’s reminiscent of our childhoods. The milieu, the whole stetting is important to us and was a big part of what got us going on this story. Where you grew up is part of your identity. That doesn’t go away, even if you’ve been away for a long time.” – Ethan Coen.
Zwar negieren Beispiele wie (In)Tolerable Cruelties und The Ladykillers jene Tatsache, doch die Coen-Brüder waren schon stets äußerst hintergründige Filmemacher, die ihr Sujet oft hinter der Fassade der Leichtsinnigkeit verborgen. Hinter dem kultigen The Big Lebowski lauert ein intelligenter Film Noir. Barton Fink ist eine tiefgründige Horrormär. Und selbst der leichtfüßige Oh Brother Where Art Thou ist eine recht clevere Adaption des Homer'schen Epos. Trotz dieser Verweise erinnert man sich an die Coens gerade aufgrund ihres tiefschwarzen, trockenen Humors, der die wahren Geschehnisse auseinander zu reißen droht. Die bürgerliche Normalität und auch die Realität dieser wird in dem subtilen Witz, der sich auch nicht scheut jede Form des Grotesken und des Abartigen zu verwenden, hinterfragt und schlussendlich in seine Fragmentes des Unsicheren aufgelöst. Trotz dieser karnevalesken Hintergründigkeit kommt der jetzige Stoff doch ein wenig überraschend. Die Geschichte um den jüdischen Larry Gopnik, der von tragischen Schicksalsschlägen förmlich verfolgt wird, und dessen Weg zu "DER" Antwort ist denkbar weit entfernt von etwa den Baby entführendem Ehepaar oder den Mafiosi in Machtkämpfen. Die tiefgründige Erzählung von A Serious Man beginnt mit der theatralen Überlegungen zum Dibbuk. Schon in diesem kurzen Expose stellen die Coens ein ur-jiddisches Theatrum nach – ein Schtetl –, welches den Zuschauer in eine Welt zwischen Kopfmenschen und Aberglaube steckt. Das tief traurige Schicksal der jüdischen Diaspora wird in dieser Parabel vor der Parabel in einem Akt gesetzt, welches stellvertretend für das große Grauen für das jüdische Schicksal steht: Russland des frühen 20. Jahrhunderts. Doch in dieser Vorhut, welche den göttlichen Schlägen gegen Larry Gopnik vorangeht, wird das reale Zeitalter ausgeklammert, um die pure Essenz des Dibbuks zu zeigen. Ein böser Geist, der in das Haus eintrifft. Doch die Frage dieser misstrauischen Geschichte: Wer ist der Dibbuk in der Figurenkonstellation? Ist es der Eindringling? Das Schicksal? Man selber? Oder sogar Jahwe?
“When the truth is found to be lies, and all the joy within you dies...”
Doch sobald die Coens jene Fragen auf den Zuschauer losgelassen haben, stürzt A Serious Man schon in seine Hauptfabel einer jüdischen Familie der amerikanischen Mittelschicht der 1960er. Die Filmemacher machen es dem Publikum denkbar schwierig, sich durch die Metaphern tragischer Ereignisse durchzukämpfen. Die Quintessenz dieses erzählerischen Juwels, welches immer wieder sich auf neue narrativen Wege begibt, ist seine Undurchdringbarkeit. Gliedsatz setzt sich in Gliedsatz. Einschübe durchqueren die eigentlichen Einschübe. Ein Goi kann bei dem reinen Versuch, sich während der Spielzeit mit der Tiefe auseinanderzusetzen, nur meschugge werden. Der Zuschauer muss sich immer wieder bei dem lauten Lachen über die Ungewissheiten ertappen. Die Missgeschicke sind lachenswerte Austritte in der sonst so tristen Welt des kinematografischen Judentums. Doch jeder laute Lacher wird von einem bedrückten Stirnrunzeln verfolgt. Die eigentlich allzu humorvollen Ereignisse hinterlassen in der Magengegend ein ungutes Gefühl. Der Kopf will nicht aufhören über die philosophischen Themen der Coens nachzudenken. The Jewish Experience des amerikanischen Judentums ist eine Urerfahrung der Generationen des 20. Jahrhunderts, die ein Goi niemals verstehen wird. Die Fassade des Pools bürgerlicher Unzulänglichkeiten wird von der Askese-Frage zerspalten. Selbst der religiöse Beistand kann sich nur witzige Fehltritte erlauben, ohne auch nur den Ansatz eines Pfades für den Herumirrenden bereitzustellen. So bleibt gen Ende nur: Das Lachen, welches im Halse stecken bleibt und das ungute Gefühl der Odyssee der Diaspora.
„Receive with simplicity everything that happens to you.“
Die Coen-Brothers waren seit ihrem ersten Leinwandauftritt die Shooting Stars eines jungen, ungestümen US-Films der 1990er. Nach Blood Simple, dem eiskalten Thriller in den hitzigen Dünen Texas, wurden die beiden Gebrüder von Angeboten zugeschüttet. Und so kamen auch schnell die Topstars des Independentkinos, welche sich um jede kleinste Rolle in einen der grotesken Epen rissen. Von Tom Hanks bis hin zu Albert Finney. Von Steve Buscemi bis hin zu George Clooney. Von Tilda Swinton bis zu dem „hausgemachten“ Star Francis McDormand . Sie hatten einfach fast alle – und so blieb nur ihr erster Film jenes Werk, welches die Fremden der Schauspielwelt für sich gewinnen wollte. Beginnend mit Raising Arizona bediente sich das skurrile Brüderpaar nur von der Creme de la Creme des US-Schauspielolymps. Doch nach ihrem Starüberladenen Burn After Reading – hier würde man einen ganzen Absatz für all die großen Namen brauchen – ist mit diesem nun endgültig Schluss. Für A Serious Man nahmen sich die Coens nur die kleinen Fische – bis auf eine Hand voll Fernsehstars und Kurzauftritte –, die aber mit großer Hingabe ihre Sache einfach nur exzellent gestalten. Allen voran der in der Titelrolle auftretende Michael Stuhlbarg. Der Tony-Award-Nominierte ist keineswegs eine unbekannte Größe – zumindest nicht auf dem New Yorker Theater. Doch für das Kino ist Stuhlbarg ein absolut unverbrauchtes Gesicht, der mit viel Elan frischen Wind auf die sonst so verstaubte Leinwand bringt. Der junge Amerikaner ist in seinem Spiel unglaublich zurückhaltend, beinahe beängstigend nervös. Und dennoch strahlt jeder seine Auftritte eine packende Intensitiät aus, die den Zuschauer an seinen Sitz fesselt. Der inhaltlich „unbedeutende“ Larry Gopnik wird zu einer gigantischen Größe auf der Projektionsfläche. Die kleinsten und feinsten Gesichtsmuskulaturbewegungen werden zu Schlachtfelder in der Seele des psychisch Verwundeten. Seine Züge sind nicht bekannt. Seine Gesten noch zu erforschen. Das braucht das neue Kino – und hier ist die jiddische Kirsche auf dem koscheren Sahnehäubchen. An dieser Stelle wird A Serious Man zu einem Kinojuwel sondergleichen. Mazel Tov.
Fazit:
Von den tristen psychischen Tiefen eines traumatisierten Nazerman in Sidney Lumets The Pawnbroker bis hin zu dem fröhlichen, doch tragischen Fiddler on the Roof. Von dem plakativen Erlebnissen der Familie Weiss in der berüchtigten TV-Show Holocaust bis hin zu dem trashigen Rachefeldzug des Kinos gegen Hitler in Inglourious Basterds. Egal, wo man hinblicken mag, das jüdische Diasporaschicksal ist eines der essentiellen Themen des 20. Jahrhunderts – und somit auch der kinematografischen Geschichte. Doch das Ergebnis der Benühungen der Coens darf sich als einzigartig bezeichnen. A Serious Man philosophiert über Gott, die Welt und den Platz des (jüdischen) Mitbürgers in dem Verhältnis dieser zueinander. Keine Sekunde unnütze. Keine Sekunde öde. Und keine Sekunde profan. Die Coens präsentieren mit ihrem neuesten Streich einen subtilen, humorvollen, aber auch dramatischen Film über the Jewish Experience – eine traumatische, nicht vermittelbare Erfahrung der Diaspora, die in A Serious Man in erfahrbaren Zügen dem Publikum näher gebracht wird. Ein Film, der nicht versäumt werden darf - weder von Juden noch von Gois!
Kommentare
Um einen Kommentar verfassen zu können müssen Sie sich einloggen. Sollten Sie noch keinen DVD-Forum.at Account haben, registrieren Sie sich bitte hier.