Filme mit einer beachtlichen Reputation haben es des Öfteren schwerer als andere, unbekannte Quereinsteiger, die das Publikum aufgrund des Unwissens besonders in ihr Herz einschließen. Eine Erwartungshaltung, die von Preisen, Kritiken und auch der PR aufgebaut wird, kann leicht zerfallen. Umso höher jener Ruf, desto tiefer der Fall. Vollgepackt vom Auslandsoscar bis hin zum Award of the Japanese Academy ist Okuribito, wie der Film im Original heißt, ein besonders delikates Opfer dieser Theorie.
Das zweischneidige Schwert
In seiner Heimat schon längst ein Kassenschlager. In der restlichen Welt schon längst Kult. Und nun darf sich auch das heimische Publikum in der diesjährigen ViENNALE an der besonderen Qualität des letzten Auslandsoscargewinners erfreuen. Kaum ein anderer Film macht das Publikum gespannter auf das Sehen seiner Selbst als dieser Kinohit. Departures hat schließlich nicht nur den tristen und erhabenen Revanche von dem heimischen Regiegenie Götz Spielmann geschlagen. Auch der französische Favorit Die Klasse und das israelische Animationsmeisterwerk Vals Im Bashir mussten mit leeren Händen von der letzten Verleihung der Academy Awards zurückkehren. In den Hallen der Visionen eingetroffen, ist die Spannung an ihrem Gipfel. Die Lichter werden dunkel. Gespannt sitzt der Zuschauer in dem Sitz vor jener Leinwand, die eine Offenbarung beinhalten soll. Das Rattern der Filmrolle vergrößert nur noch jene unerreichbaren Erwartungen, welche seit Monaten aufgebaut worden waren. Die hellen Titel werden sanft eingeblendet und – der Film ist vorbei. Die Hoffnung ebenfalls. Wo ist die Revolution, die ein Film sein soll. Die Evolution von dem, was auf der Lichtbühne zuvor geschah. Die Kontroverse, welche von einem Werk des Neuen Kinos ausgelöst werden sollte. Stattdessen verharrt Departures in einer Position der Redundanz. Die Geschichte geht auf Pfaden, welche schon dem Film an sich in seinem verknöcherten Gerippe inne wohnt. Der Zuschauer rennt im Kopf den Weg voraus und kann schon hinter der nächsten Ecke spicken, um die kommende Wende zu erahnen. Die kontroversen Tabus lösen sich in ein großes Nichts der Konventionen auf. Denn selbst der Fauxpas, die gesellschaftliche Annäherung an das verhöhnte Geschäft mit dem Tode – bzw. mit den Toten –, hat auch schon Allan Ball mit seiner Kultserie Six Feet Under origineller zertrümmert. Denn wir wissen: They put the Fun back in FUNeral.
But we put the beauty back.
Doch der Film verbirgt etwas in sich. Eine ganz spezielle Energie. Man möchte sogar sagen, eine Aura. So muss man trotz aller Nörgelei zugeben: Okuribito ist einfach nur traumhaft schön. Ganz konträr zu seinen diesjährigen Kontrahenten ging es Regisseur Yôjirô Takita nicht primär, um die gesellschaftlichen Tabus zu thematisieren, sondern um diese in ein neues Licht zu rücken. Egal ob Terrorismus, Krieg oder auch Rassismus. All die Themen seiner Rivalen sind ebenfalls gewisse Barrieren in den Köpfen ihrer Heimat. Doch trotz ihrer Ähnlichkeit findet jene Regielegende in seinem letzten Kassenschlager einen gänzlich anderen Zugang zu seinem Sujet. Er sieht die Schönheit. Der visuelle Künstler fasst mit einer ähnlichen Leidenschaft, wie am Anfang die klassischen Töne eines toten Komponisten sanft und sinnlich auf dem Cello gezaubert werden, seinen Film an und kann so, trotz all des unübersehbaren Konventionismus, die Schönheit des einfachen Seins zeigen. So wie der junge Daigo in der filmischen Diegese die Ähnlichkeit zwischen einer Beerdigung und seinem Spiel der Töne lernen musste, so muss auch der Zuschauer die verblüffende Annäherung von Okuribito an eine rituelle Zeremonie des Lebens herausfinden. Dieser japanische Kinohit des Jahres 2008 vollzieht einen retrospektiven Sprung eine Dekade zurück, um ein erhabenes Gefühl zu erhaschen, welches zuletzt das meisterliche Hana Bi – mit vielleicht ein bisschen mehr Blut, aber mindestens genau so vielen Toten – in den Zuseher ausgelöst habe. Die traumhaften schönen Bilder sind Opium für sein Publikum – und dieses will jene einfach nur genießen. Yôjirô Takita findet das Vergänglichste in der Vergänglichkeit. Mit Okuribito gelingt ihm ein wunderschöner Film, der zwar nicht jene überraschende Revolution in sich birgt, jedoch dem Zuschauer dank seiner konventionellen und charmanten Geschichte eine sensible und herzerwärmende Erfahrung verspricht. Genau in dem Moment ist jenes träumerische Licht der Vergänglichkeit das Einzige, was der Zuseher im Kopf behält. Und dies ist wohl die Hauptsache des Filmischen.
Fazit:
Departures fällt als internationales Highlight aufgrund der von Kritik und Filmauszeichnung geschürten, zu hohen Erwartungen weg. Im Gegenzug sollte man sich den charmanten, kleinen japanischen Okuribito keinesfalls entgehen lassen. Mit sehr viel Geschick und Liebe zum Filmischen erzählt Regielegende Yôjirô Takita in seinem neuesten Werk von der unumwindbaren Schönheit der Vergänglichkeit. So bleibt nur zu sagen: Memento mori. Carpe diem et ii in theatrum!
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