Geplagt von Traumata, innerlich zerstört. Nach ihrer letzten Fehlgeburt ist die junge Kate psychisch völlig am Ende. Sie versucht ihren Kummer in Alkohol zu trinken und verliert dabei beinahe ihr zweites Kind. Doch mit Mut und Zeit in psychiatrischer Therapie kann sie sich wieder ihren Geliebten widmen – und sogar weiter gehen. Sie und ihr Mann John beschließen, es erneut zu versuchen und ihren Kindern, der taubstummen Max und ihrem vorlauten Bruder Daniel, ein Geschwisterchen zu schenken. Doch die Narben Kates – jene auf ihrem Bauch und jene auf ihrer Seele – sind zu tief, dass sie es auf natürlicher Weise noch einmal wagen würde. Ihre Alternative: Adpotieren. Noch zaghaft schleichen sie in das Heim, in dem die Kinder wild spielen, doch als sie die junge, charmante Esther sehen, verfliegt all jene Zweifel. Aber die Frage ist: Haben sie Esther ausgesucht oder hat Esther sie ausgesucht ...
Freddy Krüger ist ein Witz gegen jene Ungeheuer. Graf Dracula fürchtet sie mehr als das Sonnenlicht. Und selbst der Jigsaw scheißt sich bei dem bloßen Gedanken an ihnen in seine rot-weiß-gestreiften Hosen. Die Rede ist natürlich von Kindern. Filme, insbesondere des Horrorgenres, haben zwei Herangehensweisen, um jene „Spezies“ in den Plot zu integrieren: 1. Sie zu das absolute schutzlose Opfer zu verklären, deren Tod ethisch nicht zu verantworten wäre. Und 2. Sie in die Rolle der manischen Täter schlüpfen zu lassen!
I have a special surprise for you, Mommy!
Dass Kinder in Horrorfilmen funktionieren hat spätestens The Omen bewiesen. Dieser Kultklassiker des Genres ist wohl eines der spannendsten, da überraschendsten Exemplare seiner Gattung. Nicht nur lässt Omen-Regisseur Richard Donner den Antichrist stilvoll und furchteinflößend die Leinwand betreten, sondern bannt ihn in den Körper eines kleinen Jungen – und es klappt. Der sechsjärhige Harvey Stephens wurde zu einer perfekten Hülle, um die ganze Abscheu des menschlichen Hasses in sich zu sammeln. Sein eiskalter Blick genügte und auch der Stärkste im Publikum rannte weinend zu seiner Mama. Dass Regisseur Jaume Collet-Serra diesen Meilenstein beim Filmen von The Orphan im Hinterkopf behielt, ist offensichtlich. Jedoch macht er auch kein Hell daraus. Die finstere Esther stolziert in ähnlichen Zügen in dunkler Manier durch die Hallen. Wenn ihr eiskalter Blick auf ihre Feinde fällt, weiß man die Zeit ist gekommen. Die Jungdarstllerin Isabelle Fuhrman bietet gerade in den Großaufnahmen eine packende Atmosphäre, die den Zuschauer in seinen Bann zieht. An mancher Stelle muss sogar zugegeben werden, sie überflügelt das Original. Damien war von außen ein lieber Junge, und er dachte auch, er wäre einer jener. Nur die spirituellen Kräfte von Außen, die sein Vater ihm schickt, spaltet die Erwachsenenwelt bezüglich der Frage, ob dieser Knabe normal wäre. Im Kontrast hierzu, Esther: Sie agiert nicht nur böse, sie weiß sogar, dass sie es tut. Das junge, blutrünstige Fräulein intrigiert geschickt und manipuliert ihre Umgebung, ohne dass sich diese zu Wehr setzen könnte. Das eindeutige Opfer dieser Totur: Die psychisch zerstörte Kate. Da ist die Frage offensichtlich, wer denn das Kräftemessen zwischen der charmanten Vera Farmiga. und der talentierten Kinderschauspielerin gewinnen könne. Und auch wenn Esther in der ersten Hälfte des Films einen überaus starken Charakter bildet, bleibt Kate jene Figur, an die man sich erinnern wird. Von der ersten Minute an wird man mitten in das Innenleben von Kate förmlich geschmissen. Man erfährt die volle Wahrheit über die Figur. Nicht einmal das kleinste Geheimnis darf verweilen. Sie besitzt ihre Ecken und zeigt sie stolz. Während der Großteil des restlichen Casts eher platt gezeichnet ist – so kann sogar der sonst so tolle Peter Saarsgard in Orphan nur in den Schlussminuten sich schauspielerisch beweisen – ist die psychisch zerstörte Mutter sehr intensiv geschildert und mit Vera Farmiga einfach nur toll besetzt. Kate ist besser geschrieben, eleganter gespielt und einfach nur das Highlight von Orphan.
Man würde zu gerne nun schreiben: „Orphan – der Thronfolger von The Omen.“ Doch leider bleibt dieser Satz dem Traum verhaftet. Regisseur Jaume Collet-Serra bildet zwar in der ersten Hälfte des Filmes eine packende Atmosphäre, die den Zuschauern auch mal seine Finger in die Armlehne krallen lässt. Elegant verwandelt der Filmkünstler einen verpsielten Spielplatz am helligsten Tag in eine triste Todesfalle, die selbst den düstersten Wald vor Neid erblassen ließe. Subtil portraitiert er die schüchterne Esther, lässt sie in einen Rausch der Unschuldigkeit erstrahlen, während sich um sie eine Schicht des Mysteriums bildet. Geschickt zitiert er die visuellen Klischees, um diese ins Nichts enden zu lassen. Es zeichnet sich eine Atmosphäre, die aus Andeutungen besteht. Und dann passiert es einfach. Ab dem Moment, in dem die unschuldige Esther sich in ein kaltblütiges Monster verwandelt, steht jenes lang Verhüllte einfach vor einem. Die ganze großartige Spannung, die bis zu diesem Moment aufgebaut wurde, verpufft einfach ins Nichts. Da hilft weder die schöne Regie noch die überraschend gelunge Schlusspointe. Bis zum Ende springt der Film einfach nicht mehr in seinen Rhythmus. Die Spannung eines Films entsteht durch die Hierarchie des Wissens: Der Täter weiß alles, der Zuschauer weiß viel, aber das Opfer weiß nichts. Wenn alle wissen, ist der Horror zum Untergang geweiht. Orphan baut in seinem äußerst guten ersten Part eine Erwartungshaltung auf, dass jederzeit ein Massenmord geschehen könnte. Der zweite Teil lässt diese einfach geschehen. So ist die beste Szene etwa nicht eine jener „Horror-sequenzen“, sondern ein intimes Gespräch zwischen Max und ihrer Mutter, in welchem der Zuschauer in die taubstumme Welt des Kindes eintaucht. Mit ruhigen Klängen und sensiblen Bildern zeichnet Collet-Serra in dieser Szene ein intimes Portrait seiner Protagonistin, welches die größte Anspannung der kompletten Laufzeit schafft.
Fazit:
Knall, Krach und Bumm statt leise subtile Töne. Orphan hatte dank seiner Prämisse und einer überaus starken Vera Farmiga in der Hauptrolle die Vorraussetzung, um sich in den Annalen des Horrorfilms zu verewigen. Doch was Regisseur Jaume Collet-Serra in der ersten Hälfte noch in intensiver Atmosphäre packt, verkommt im weiteren Verlauf zu öder Spannungshascherei. So bleibt Orphan ein guter Horrorfilm über, der aber vielleicht nur eine Fußnote in den Historien schafft.
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