Vor 20 Jahren ist das unfassbare Geschehen. Heute würde man es gerne ungeschehen machen. Zwei Dekaden zuvor ist ein außerirdisches Raumschiff wochenlang über die urbane Landschaft von Johannesburg einfach im Himmel gehangen. Die Hoffnung und Vorfreude waren hoch, endlich den Kontakt außerirdischen Lebewesen herzustellen, doch was die Kundschaftler in den Räumen des metallenen Ungetüm fanden, war nicht ihre Idealvorstellung. Magere, ausgehungerte Wesen, die keine Möglichkeit nach Hause haben. Kurzerhand beschloss MNU - Multi-National United - ihnen den 9. Bezirk zur Verfügung zu stellen: Ein Aufenthaltslager für die Besucher der fremden Welt. Dekaden später startet man nach dutzenden Aufruhren und kaum erfolgreichen Versuche, die außerirdische Waffentechnologie für sich zu gewinnen, das zum Slum verkommenen District 9 auflösen und sie in ein friedliches, neues Lager zu transportieren. Der Anführer dieser Mission: Wikus, ein unerfahrener Schreibtischhengst, der nicht ahnen sollte, was ihm bevorstünde ...
Master-Chief gegen den Abschaum des Weltraums. Der berüchtigte Sheriff der Galaxis schießt den außerirdischen Ratten ihre empfindlichen Parts vom Gerippe und sorgt in diesem gewaltsamen Duktus erneut für Ruhe in unserem Universum. Warte, nein. Das Projekt ist ja gestorben. Genau. District 9 ist angesagt: Hier dürfen auch all die anderen Menschen den Aliens in ihre knochigen Hintern treten.
In South Africa, we have to deal with issues that generally people around the world try to sweep unter the rug.“
Bei der Frage, welches Spiel den Platz auf der einsamen Insel gewinnen würde, antworten alle X-Box-Jünger im Chor: HALO. Das Spiel ist seit Jahren eines jener Games, die den Olymp für sich erobert haben. Ein Kultspiel sondergleichen, dessen Status in dem Konsolen- und Computerwelt mit jenem von Tarantino in der Filmcommunity vergleichbar wäre. Masterchief is God – und zugleich der wichtigste Goldesel der Microsoft-Company. Kein Wunder, dass die Produzenten ihren Helden der Geldmaschinerie auch auf die große Leinwand zu bringen. Doch der Traum war schnell ausgeträumt. Was übrig blieb: Produzent Peter Jackson, der junger Regiestar Neill Blomkamp und eine Idee. Basierend auf seinem eigenen Kurzfilm Alive in Jo'burg versucht der raffinierte Werbungs- und Musik-Video-Visualist eine quere, dreckige Dystopie zu schaffen. Mit schmutzigen Blick baut der Regisseur ein Johannesburg auf, welches einer urbanen Landschaft des Grauen gleichkommt. Es ist nicht jene städtische Film-Noir-Welt, welche Ridley Scott in seiner Adaption von Phillip K. Dicks Kultroman erschloss. Blomkamps triste Version einer fernen Zukunft ist die Slumisierung der Stadt. So erkennt man hinter der bröckelnden Fassade schnell die Ideologie durchscheinen, welche vom Regisseur gerne dem Zuschauer darbringt. Blomkamp erweitert das politisch problematische Südafrika zu einem landschaftlichen Tumor einer zum Tode verurteilten Welt. Die Aliens sind nicht jene verspielten, menschengleichen Außerirdischen eines Star Wars. Die Fremden ähneln nur gering den grünen, machtverrückten Masianern einer Burton'schen Hommage der 1950er. Sie sind nur weitere Wesen, die sich versuchen durch das Universum zu schlagen und dabei eine unschöne Bruchlandung auf der Welt hinter sich gelegt haben. Blomkamp macht sie zu Ikonen der Ausgebeuteten. Für ihn sind jene Opfer der Gesellschaft allesamt Außerirdischen gleich, die nur eine weitere Unterrasse darstellen. Dieser Debütfilm ist Aufschrei gegen Rassismus. Das Werk zeigt die Dekadenz einer verkommenen Menschheit. Der Film gleicht einer Metapher für Ausbeutung und Ungleichheit. District 9 ist kurz und einfach: Überladen. Die Mischung aus Werbe-Film der MNU, Mockumentary und Spielfilm wirkt wie die Erfüllung des Lebenstraum des Regisseur: Mit Jackson, der ihm unter die Arme greift, kann der Regisseur seine Vision einer kritischen soziologischen Studie über die Menschheit schaffen. Nicht zurückhaltend packt der Visionist alle seine Gedanken und Ideen herein, die ihm in den letzten 30 Jahren in den Sinn kamen. Manche dieser sind einfach nur genial und können sich als die interessantesten und beeindruckendsten Überlegungen eines Filmes in den letzten Jahren bezeichnen. Doch bevor der Zuschauer auch nur einen diese etlichen Gedankenfäden zu fassen vermag, überrolt ein riesiges, verworrenes Wollknäuel aller anderen Überlegungen das visuelle Opfer. Somit präsentiert sich der eigentlich überaus innovative wie tollkühne Polit-(SciFi-)Thriller unausgegoren und teilweise sogar ein wenig langatmig. Der Handlungsbogen versucht sich dem mysteriösen Gang eines überirdischen Insekts und stellt sich dabei selbst das Bein. Eine harte Landung ist die Folge, direkt auf dem Kopf des verwirrten Zuschauers.
I'm playing a community of intergalacitc beings in the townships.
In einem dem Plot ähnlich verworrenen Anfangsparagraph wurde nun der große Minuspunkt des Films behandelt, doch so fragt man sich: Warum konnte District 9 einen derartigen Status erlangen, wenn er so schlecht wäre? Bei der größten Film-Community des Internets wird er schon mit einer der besten Bewertungen überhaupt belohnt. Filmkritiker überschlagen sich mit Komplimenten für das Werk. So darf sich auch dieser bescheidene Schreiberling der Lobeshymne in vielen Punkten anschließen. Der Film über den Missbrauch von Ethnien besitzt einen Charme, der keineswegs oft im Kino dieser Tage zu sehen ist. Distric 9 traut sich als einem des SciFi zugehörigen Werk so richtig dreckig zu sein. Visuell offenbart Blomkamp eine Atmosphäre die an manch einer Stelle aufgrund der harten Vision gar den Augen weh tut. Es ist angenehm endlich wieder einen Film zu sehen, der sich zutraut, die Welt in ein riesiges Slum der Unterschicht zu verwandeln und dies auch in seiner optischen Vision reflektieren zu lassen. Der Film ist weit entfernt von der Augenpracht Slumdog Millionaire. Auch der hoch gelobte Tsotsi wirkt im Vergleich zu jener Härte wie ein harmloses Schmusekätzchen. Auch der Protagonist ist eine Seltenheit der Härte in der hiesigen Filmindustrie: Ein richtig unangenehmer Zeitgenosse. Seit den ersten Minuten verspührt man keinerlei Sympathie für die zunächst hohl wirkende Figur, doch ehe man es sich versieht ist der Misanthrop einem richtig ans Herz gewachsen. Der unschuldige und verzweifelte Wikus wird in eine gefährliche Situation des Missbrauchs gesteckt und bleibt hierbei höchst menschlich: Er pocht auf seinen Vorteil, schlägt sich wortwörtlich durch die Mengen der Opfer und sticht auch hilfreichen Außerirdischen hinterträchtig mehrmals in den Rücken. Endlich wieder ein MENSCH, der auf der Leinwand erstrahlt. Dies bleibt leider eine Ausnahmeerscheinung in der Figurenzeichnungen. So bleiben die Außerirdischen die harmlosen „Juden“ des intergalaktischen Ghettos, welche sich nicht nur nicht zur Wehr setzen können, sondern sogar stets "human" bleiben. Ihnen wird jeglicher realistischer Zugang des Hasses und des Zorns aufgrund ihrer überirdische Unschuld einfach gestrichen. Demgegenüber steht ein überaus blasser und langweiliger Bösewicht, der einfach den „Ultrabösen“ darstellt. Somit bleibt Wikus die strahlende, gräuliche Ausnahme in einem Universum des Schwarz und Weiß.
Fazit:
Man muss einfach mal sagen: Gott sei dank, dass Projekt „Halo“ gestorben ist. Zwar kann Regisseur Neill Blomkamp in seinem Regiedebüt aufgrund der überfrachteten Geschichte nicht jene Perfektion erreichen, welche ihm wohl im Sinn war, jedoch konnte er schon die Pforten des filmischen Himmelstors beinahe mit seiner Fingerkuppen spühren. District 9 ist eine dreckige, unschöne, brutale Dystopie, welche dem SciFi-Genre wieder ein wenig frischen Treibstoff in die angerosteten Triebwerke kippt.
Kommentare
Um einen Kommentar verfassen zu können müssen Sie sich einloggen. Sollten Sie noch keinen DVD-Forum.at Account haben, registrieren Sie sich bitte hier.